Augsburger Allgemeine (Land West)

„Die Antwort ist bitter: Auch ich habe dazu beigetrage­n“

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künstleris­che Laufbahn einzuschla­gen. In einer der bewegendst­en Stellen in diesem Buch führt Maar den Leser in die Gegenwart und berichtet von der Alzheimer-Erkrankung seiner Frau. „Vor einem Jahr, als sie noch ganze Sätze formuliere­n konnte, sagte sie: „Wenn ich deine Hand halte, fühle ich mich sicher.“Seitdem schlafen wir Hand in Hand ein. Dabei gewinnt nicht nur sie, auch mir gibt es viel.“

Im Mittelpunk­t des Buches steht aber als dunkler Schatten Paul Maars Vater. Er ist der „Schreckens­mann“, der kein Verständni­s für seinen sensiblen Sohn findet, der das Kind psychisch unter Druck setzt und körperlich züchtigt. Paul ist „der ungeratene Sohn, der so gar nicht seinen Vorstellun­gen von einem drahtigen, sportbegei­sterten Jungen entspricht, sondern mit Brille auf der Nase und krummem Rücken verweichli­cht im Sessel lümmelte, ein Buch in der Hand“. Zeichnen und Lesen sind nicht mehr nur Lieblingsb­eschäftigu­ngen für den jungen Paul, sondern werden – wenngleich oder gerade weil vom Vater missbillig­t – zur Rückzugsmö­glichkeit auf eine innere Insel. Die Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefa­ngenschaft sechs Jahre nach Kriegsende ist d e r Einschnitt in Paul Maars Kindheit. „Den Vater meiner frühen Kindheit habe ich als ausgeglich­enen, unternehmu­ngslustige­n, fröhlichen Menschen in Erinnerung. Zum Vater, der mir fremd war, der mich schlug und mir Angst machte, wurde er erst, als er verbittert als König ohne Land im dörflichen Exil ausharren musste.“Selbst als der Vater über 90-jährig in einem Heim dem Sterben entgegensi­eht, ist es den beiden Männern nicht möglich, ihr zerrüttete­s Verhältnis zu kitten. Bis heute bleibt die gestörte Beziehung zum Vater die große Leerstelle im Leben des Kinderbuch­autors.

Als das Manuskript vollendet war, erhielt Maar aus dem Nachlass seiner Mutter Briefe, die ihr der Vater von der Front schrieb und aus denen in warmen Worten die Liebe und Fürsorge für den kleinen Sohn sprechen. Wie, so fragt sich Maar, konnte der liebende Vater später zum Schreckens­mann werden? Er kommt zu der Erkenntnis, dass es auch die Enttäuschu­ng des Vaters über die Ablehnung des Sohnes war, als er aus dem Krieg nach Hause kam, die diesen so veränderte.

Birgit Müller-Bardorff

Andrea Petkovic: Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht Kiepenheue­r & Witsch, 272 Seiten, 20 Euro

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