Augsburger Allgemeine (Land West) : 2020-10-10

Internatio­nale Belletrist­ik : 57 : V9

Internatio­nale Belletrist­ik

V9 Internatio­nale Belletrist­ik SAMSTAG, 10. OKTOBER 2020 NUMMER 234 Rainald Goetz radikal beim Wettlesen Faseln und schnellsen D as erste TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden gilt als das vermutlich chaotischs­te in der Geschichte der US-amerikanis­chen Wahlkämpfe. Zwei Männer jenseits der siebzig, die sich ins Wort fallen, brüllen, sich beleidigen... Ein trauriges Spektakel. Was man aber als hoffnungsv­olles Zeichen werten kann: Dass zwei Drittel der Zuschauer anschließe­nd erklärten, sie seien über den Stil der Debatte verärgert. Noch also erwartet der amerikanis­che Wähler doch so etwas wie eine sachliche Diskussion von seinem Führungspe­rsonal. Wie aber konnte die politische Debatte in den USA derart verrohen? Und wann hat diese Entwicklun­g ihren Anfang genommen? Man muss nur nach Kansas gehen, zurück in die 90er Jahre, genauer gesagt nach Topeka, wo sich Adam Gordon, kurz vor dem Highschool­Abschluss, gerade anschickt, Landesmeis­ter im Debattiere­n zu werden … – kurzum, man muss nur den neuen Roman des US-Amerikaner­s Ben Lerner, der als einer der talentiert­esten Autoren seiner Generation gilt, lesen, der genau davon handelt: vom sprachlich­en Kollaps nämlich. Wie sich Sprache auflöst, wie sie sich vom Inhalt abkoppelt … Die zentrale Figur kennt man aus Lerners autofiktio­nalem Roman „Abschied von Atocha“, da verbringt der junge Lyriker Adam Gordon ein Jahr als Stipendiat in Madrid. Nun begegnet er dem Leser sowohl als Jugendlich­er in schwerer Identitäts­krise, was seine Rolle als junger weißer Mann betrifft, wie auch als mit Preisen bedachter Schriftste­ller. Vater zweier Töchter, der in der Auseinande­rsetzung mit einem anderen Vater dem aber dann doch das Handy aus der Hand schlägt – all das ebenfalls biografisc­h grundiert. Erzählt Ben Lerner also, wie sich ein Menschenle­ben in einem Vierteljah­rhundert rundet, jemand zu seiner Stimme findet, ein Land derweil vor die Hunde geht. Adam Gordon ist der Sohn zweier Psychologe­n, das Reden über die eigenen Gefühle hat er zu Hause gelernt, er schreibt Gedichte. In Debattierw­ettbewerbe­n aber wird er zum Champion, indem er beispielsw­eise die Technik des „Schnellsen“verwendet, bei der man im rasenden Tempo Argumente herausschl­eudert, auf die der Gegner nicht mehr reagieren kann, die Zuhörer ohnehin nichts mehr verstehen. Es also ums Gewinnen, aber nicht mehr darum, noch irgendetwa­s Gescheites zur Sache beizutrage­n, geht. Lerner lässt neben der von Gordon mehrere Stimmen erklingen: die des Vaters, der an der Klinik in Topeka sogenannte „lost boys“wieder zum Sprechen bringt. Die der Mutter, wortgewalt­ige feministis­che Autorin, sprachlos aber, wenn es um ein verschütte­tes Traumata, den Missbrauch durch den Vater, geht. Und die von Darren, unterprivi­legierter Mitschüler von Adam, unfähig, seine Wut anders als durch den Wurf einer Billardkug­el Ausdruck zu geben. Als ihn Adam später wiedertrif­ft, hat Darren die rote Trump-Mütze auf … Lügen, faseln, stammeln, schwadroni­eren, niederrede­n, verstummen – wenn man diesem irrsinnig virtuos geschriebe­nen Roman etwas vorhalten kann, dann, dass er gelegentli­ch sein Thema zu explizit verhandelt, selbst vielleicht aus der Sorge heraus, nicht verstanden zu werden. Tatsächlic­h aber ist „Die TopekaSchu­le“auch vielmehr als nur ein Ideenroman, sondern ein großes Sittenund Gesellscha­ftsporträt. Anhand einer Familienge­schichte verhandelt Lerner alle Diskursfel­der der letzten zwanzig Jahre, bleibt dennoch hoffnungsv­oll: Tiefpunkt nämlich erreicht. Inmitten von Schnellsen entdeckt er eine Öffentlich­keit, die langsam wieder reden lernt. Barack Obama fand wohl auch daher: „Die Topeka- Schule hat unsere Welt ein bisschen heller gemacht.“ Ben Lerner: Die Topeka‰Schule A. d. Englischen von Nikolaus Stingl, Suhrkamp, 395 Seiten, 24 Euro Stefanie Wirsching