Augsburger Allgemeine (Land West)

Die ein­sa­me Kli­ma‰Ak­ti­vis­tin

Um­welt Was Gre­ta Thun­berg für die Welt ist und Lui­sa Neu­bau­er für Deutsch­land, ist Ou Hon­gyi für Chi­na. Un­er­müd­lich warnt die 17-Jäh­ri­ge ih­re Lands­leu­te vor den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels. Doch sie kämpft ganz al­lein – und vor den Au­gen ei­nes au­to­ri­tä­ren Sic

- VON FA­BI­AN KRET­SCH­MER Ecology · China · China · School Strike for Climate · Germany · Al Gore · Gas · Harthauser Straße 3 · Twitter · Future · Greenpeace · Beijing · Xi Jinping · United States of America · Cottbus · Japan · European Union · 1. FC Union Berlin · United Nations General Assembly · Adolf Hitler · Guangxi · Yangshuo · Greta Thunberg · Guilin · Maki · Japan (band) · Mahatma Gandhi

Yangs­huo Schon nach ei­ner hal­ben St­un­de schrei­tet der ers­te Po­li­zist zur Tat. Ver­dutzt starrt er auf das bun­te Papp­schild, vor dem sich ei­ne neu­gie­ri­ge Men­schen­trau­be ge­bil­det hat. „Sys­tem­wan­del statt Kli­ma­wan­del“ist dar­auf zu le­sen, ein im au­to­ri­tä­ren Chi­na un­er­hör­ter Schrift­zug. Doch der Si­cher­heits­be­am­te, der um­ge­hend mit sei­nem Funk­ge­rät ei­nen Vor­ge­setz­ten in­for­miert hat, scheint of­fen­sicht­lich über­for­dert. Bei dem Stö­ren­fried hin­ter dem Pla­kat han­delt es sich um ein 17-jäh­ri­ges Mäd­chen mit Pfer­de­schwanz, Schlab­bers­hirt und auf­ge­weck­ten Au­gen. Ob er schon mal vom Kli­ma­st­reik ge­hört ha­be, möch­te die selbst­be­wuss­te Ak­ti­vis­tin von der Au­to­ri­täts­per­son wis­sen. Oh­ne lan­ge zu fa­ckeln, ver­weist er sie ih­res Plat­zes.

„Ich ken­ne die Po­li­zis­ten al­le schon, die ma­chen nur ih­ren Job“, sagt die Ju­gend­li­che we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter. „Man muss sie re­spek­tie­ren und ver­su­chen zu in­spi­rie­ren.“Was Gre­ta Thun­berg qua­si für die Welt ist und Lui­sa Neu­bau­er für Deutsch­land, ist Ou Hon­gyi für Chi­na. Mit dem Un­ter­schied, dass Letz­te­re ganz al­lein kämpft.

Mit Ruck­sack, Ther­mos­kan­ne und ei­ner Men­ge Flug­blät­ter und Pla­ka­ten aus­ge­rüs­tet ist sie wie je­den Frei­tag­abend in die Fuß­gän­ger­zo­ne von Yangs­huo ge­zo­gen, ei­nem süd­chi­ne­si­schen Fe­ri­en­ort wie aus ei­nem Rei­se­pro­spekt. Stei­le Karst­ber­ge, schlan­gen­för­mi­ge Fluss­läu­fe und rie­si­ge Pal­men säu­men die Um­ge­bung. Je­den Abend, wenn die Sonne hin­ter der Ge­birgs­land­schaft ver­schwin­det, ver­sam­meln sich die Tou­ris­ten­mas­sen im Zen­trum der Kle­in­stadt. Hier rei­hen sich damp­fen­de Gar­kü­chen ne­ben Sou­ve­nir­shops, vor ei­nem Nacht­club wer­ben jun­ge Frau­en in El­fen­kos­tü­men um Lauf­kund­schaft, rot be­leuch­te­te Schil­der prei­sen Fuß­mas­sa­gen an. Na­he­zu kein Tou­rist trägt ei­ne Ge­sichts­mas­ke, die Pan­de­mie scheint in Yangs­huo weit weg.

Das Kon­sum­ver­hal­ten der Lands­leu­te, das feh­len­de Pro­blem­be­wusst­sein ge­gen­über der Kli­ma­kri­se, all das ma­che sie ängst­lich und trei­be sie an, auf der Stra­ße zu de­mons­trie­ren, sagt Ou Hon­gyi. Als sie den Do­ku­men­tar­film „Ei­ne un­be­que­me Wahr­heit“mit dem eins­ti­gen US-Vi­ze­prä­si­den­ten Al Go­re ge­se­hen hat, ha­be sie das ers­te Mal rea­li­siert, wel­che Aus­wir­kun­gen die Er­der­wär­mung für ganz nor­ma­le Men­schen be­deu­tet. „Die Kli­ma­kri­se ist die größ­te Be­dro­hung für die mensch­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on“, sagt sie.

Im ver­gan­ge­nen Früh­ling fing die Schü­le­rin an, in­spi­riert durch Gre­ta Thun­berg, sich vor das Re­gie­rungs­ge­bäu­de

ih­rer Hei­mat­stadt Gui­lin zu stel­len. Ein fried­li­cher Ein-Per­so­nen-Pro­test. Nur Ou Hon­gyi, ein Papp­schild und ei­ne Men­ge Ge­duld im Ge­päck. Je­den Abend nach der Schu­le zog sie vor das ver­git­ter­te Ge­bäu­de. Die meis­ten Pas­san­ten igno­rier­ten das Mäd­chen mit sei­nen Slo­gans über Kli­ma­wan­del und glo­ba­le Er­wär­mung.

Am sieb­ten Tag pas­sier­te das in Chi­na dann doch Un­aus­weich­li­che: Meh­re­re Si­cher­heits­be­am­te führ­ten die Schü­le­rin ab und brach­ten sie auf ei­ne Po­li­zei­wa­che. Vier St­un­den lang ver­hör­ten sie Ou Hon­gyi, frag­ten sie nach ih­ren Mo­ti­ven, schüch­ter­ten sie ein. Doch Ou Hon­gyi blieb stur. Dass sie für ih­ren Ak­ti­vis­mus ei­ne mehr­jäh­ri­ge Haft­stra­fe ris­kiert, nimmt sie in Kauf.

Noch vor we­ni­gen Jah­ren wä­re das Schick­sal der chi­ne­si­schen Kli­ma-Ak­ti­vis­tin wohl in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Doch auf Twit­ter, das in Chi­na ei­gent­lich ver­bo­ten ist, lud die Ju­gend­li­che da­mals ein Fo­to von ih­rer Pro­test­ak­ti­on hoch. We­ni­ge Ta­ge spä­ter ver­brei­te­te Gre­ta

Thun­berg höchst­per­sön­lich den Tweet, be­zeich­ne­te die jun­ge Chi­ne­sin als „ech­te Hel­din“und ver­sprach: „Wir ste­hen al­le hin­ter dir!“Seit­her er­rei­chen Ou Hon­gyi Me­di­en­an­fra­gen vom bri­ti­schen Guar­di­an bis hin zum schwe­di­schen Fern­se­hen.

Nur in ih­rem Hei­mat­land kennt sie nie­mand.

Am 25. Sep­tem­ber rief die „Fri­days for Fu­ture“-Be­we­gung zum welt­wei­ten Kli­ma­st­reik auf. Chi­na bleibt, was das be­trifft, so et­was wie ein wei­ßer Fleck auf der Land­kar­te. Im au­to­ri­tär re­gier­ten Land be­schnei­det die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ih­re Zi­vil­ge­sell­schaft, die öf­fent­li­che Mei­nung wird durch strik­te Zen­sur ge­lenkt. Ein De­mons­tra­ti­ons­recht gibt es in Chi­na nicht, kri­ti­sche Ar­ti­kel über um­welt­po­li­ti­sche Ver­ge­hen der Re­gie­rung wer­den um­ge­hend ge­löscht. Die staat­li­chen Me­di­en be­rich­ten auch prak­tisch nicht über „Fri­days for Fu­ture“. Wer „Ou Hon­gyi“in chi­ne­si­sche Such­ma­schi­nen ein­tippt, fin­det so gut wie kei­ne Tref­fer.

Da­bei gibt es durch­aus auch in Chi­na Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen, Green­peace bei­spiels­wei­se hat ei­ne Ver­tre­tung in Peking. Doch wer sich bei den NGOs um­hört, er­hält un­ter der Hand im­mer die­sel­be Ant­wort: Seit Prä­si­dent Xi Jin­ping an der Macht ist, wür­den die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten im­mer wei­ter ein­ge­schränkt. In der Ver­gan­gen­heit muss­ten et­li­che Ver­an­stal­tun­gen ab­ge­sagt wer­den, und bei In­ter­views mit aus­län­di­schen Jour­na­lis­ten hal­ten sich die meis­ten Ex­per­ten aus­ge­spro­chen be­deckt.

Zwar hat Xi in sei­ner Um­welt­bi­lanz durch­aus Er­fol­ge vor­zu­wei­sen. Das Ge­samt­bild fällt je­doch eher am­bi­va­lent aus. Ab­so­lut ge­se­hen ist die Volks­re­pu­blik mit ei­nem Aus­stoß von knapp zehn Mil­li­ar­den Ton­nen CO2 der welt­weit größ­te Kli­ma­sün­der, weit mehr als ein Vier­tel al­ler frei­ge­setz­ten Kli­ma­ga­se ge­lan­gen von Chi­na aus in die At­mo­sphä­re. Doch auf die Be­völ­ke­rungs­grö­ße her­un­ter­ge­rech­net liegt der Ver­brauch pro Kopf noch im­mer deut­lich hin­ter den Ver­ei­nig­ten Staa­ten oder auch Deutsch­land.

Beim jähr­li­chen Kli­ma­schutz-In­dex wie­der­um lan­det Chi­na mitt­ler­wei­le im­mer­hin im in­ter­na­tio­na­len Mit­tel­feld auf Platz 30 – nur sie­ben Rän­ge hin­ter Deutsch­land. Denn das Reich der Mit­te in­ves­tier­te zu­letzt mehr in er­neu­er­ba­re Ener­gi­en als die USA, Ja­pan und die Eu­ro­päi­sche Uni­on zu­sam­men. Et­wa je­de zwei­te So­lar­zel­le welt­weit wird in Chi­na ver­baut. Selbst in der Haupt­stadt Peking, de­ren Fe­in­staub­be­las­tung noch vor we­ni­gen Jah­ren für apo­ka­lyp­ti­sche Stra­ßen­sze­nen sorg­te, ist nun re­gel­mä­ßig blau­er Him­mel zu se­hen. Gleich­zei­tig je­doch baut Chi­na wei­ter­hin neue Koh­le­kraft­wer­ke – ver­stärkt in länd­li­chen Pro­vin­zen, fern­ab der Me­di­en­öf­fent­lich­keit.

Bei der jüngs­ten Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen schließ­lich hat Chi­nas Prä­si­dent ei­nen en­er­gie­po­li­ti­schen Pau­ken­schlag an­ge­kün­digt: „Un­ser Ziel ist es, dass der Aus­stoß von Koh­len­di­oxid vor 2030 den Höchst­stand er­reicht und dass wir Kli­ma­neu­tra­li­tät vor 2060 er­rei­chen“, sag­te der po­li­ti­sche Füh­rer der Volks­re­pu­blik. Erst­mals al­so legt das welt­weit be­völ­ke­rungs­reichs­te Land mit dem höchs­ten CO2-Aus­stoß ei­nen zeit­li­chen Fahr­plan zur schad­stoff­frei­en Zu­kunft vor.

Für Ou Hon­gyi rei­chen die Ta­ten der chi­ne­si­schen Re­gie­rung je­doch nicht aus. Oh­ne ge­sell­schaft­li­chen Druck wer­de sich auch nichts än­dern, sagt sie. Doch po­li­ti­sche Fra­gen über ih­ren Staats­prä­si­den­ten möch­te die jun­ge Chi­ne­sin nicht dis­ku­tie­ren. Sie weiß, wo die ro­ten Li­ni­en ver­lau­fen in ei­nem Sys­tem, in dem re­gel­mä­ßig Men­schen­rechts­an­wäl­te und Bür­ger­rechts­ak­ti­vis­ten über Nacht ver­schwin­den.

Nach ih­rem ers­ten Po­li­zei­ver­hör hat sie in­ten­siv die Bü­cher von Ma­hat­ma Gandhi ge­le­sen, sich von sei­nem Kon­zept des zi­vi­len Un­ge­hor­sams in­spi­rie­ren las­sen. In ih­rer Schu­le pa­trouil­lier­te sie re­gel­mä­ßig in den Pau­sen durch die Klas­sen­zim­mer, um die Kli­ma­an­la­gen aus­zu­schal­ten. In der Kan­ti­ne for­der­te sie, das Plas­tik­be­steck sein zu las­sen. Auch zu Hau­se hat sie ih­re El­tern da­zu ge­drängt, sämt­li­chen Ein­weg­müll aus dem Haus­halt zu ver­ban­nen. Sie or­ga­ni­siert Kli­ma­pro­tes­te, Do­ku­men­ta­ti­ons­film­aben­de und Müll-Sam­mel­ak­tio­nen. Wer die 17-Jäh­ri­ge in­ter­view­en möch­te, muss zu­nächst ver­spre­chen, die elf­stün­di­ge Fahrt von Peking aus mit dem Zug an­zu­tre­ten.

Es war nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis auch Ou Hon­gyi mit ih­rem un­be­que­men Ak­ti­vis­mus an ih­re Gren­zen stieß. Ih­re Schul­di­rek­to­rin hat sie zu Be­ginn des Jah­res vor die Wahl ge­stellt: Ent­we­der gibt sie ihr Kli­ma-En­ga­ge­ment auf oder sie wird von der Schu­le ver­wie­sen. Hon­gyi ent­schied sich da­für, wei­ter­zu­kämp­fen.

Fragt man sie nach Zu­kunfts­ängs­ten, ant­wor­tet sie den­noch nicht mit feh­len­den Per­spek­ti­ven auf dem Ar­beits­markt oder den stän­di­gen Strei­te­rei­en mit ih­ren ver­zwei­fel­ten El­tern. „Die Kli­ma­kri­se ist es, die mir Angst macht. Sie wird ei­ne un­kon­trol­lier­ba­re Ket­ten­re­ak­ti­on aus­lö­sen, wenn wir nicht um­ge­hend han­deln“, sagt sie.

Ei­ne sol­che Ket­ten­re­ak­ti­on konn­te die 17-Jäh­ri­ge im Som­mer mit ei­ge­nen Au­gen be­ob­ach­ten. Die schlimms­ten Flu­ten seit Jah­ren über­schwemm­ten ih­re Hei­mat­pro­vinz Guan­gxi, wo die Was­ser­mas­sen die Exis­tenz von tau­sen­den Land­wir­ten zer­stör­ten. Wenn Hon­gyi da­von re­det, schie­ßen ihr noch heu­te Trä­nen in die Au­gen.

An die­sem feucht­schwü­len Abend in der Fuß­gän­ger­zo­ne von Yangs­huo gibt sie sich kämp­fe­risch. Bis weit nach Mit­ter­nacht ver­teilt sie In­for­ma­ti­ons­zet­tel an in­ter­es­sier­te Pas­san­ten und spricht über die Not­wen­dig­keit er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en. So­bald die Po­li­zei kommt, rollt sie die Pla­ka­te zu­sam­men, packt sie in ih­ren Ruck­sack und sucht nur we­ni­ge Stra­ßen­ecken wei­ter ein neu­es Plätz­chen.

Ei­nen fes­ten Platz in der chi­ne­si­schen Ge­sell­schaft wird die Kli­ma­schutz-Ak­ti­vis­tin wohl nie fin­den.

Sie hat nur ein Papp­schild – und ei­ne Men­ge Ge­duld

Of­fi­zi­ell hat die Re­gie­rung ganz gro­ße Plä­ne

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Fo­to: Ni­co­las As­fou­ri/afp, Getty Images Ei­ner schaut dann doch – wenn auch we­nig be­geis­tert: Kli­ma‰Ak­ti­vis­tin Ou Hon­gyi im Ein­satz in ih­rer Hei­mat­stadt Gui­lin.
 ?? Fo­to: Wang Ji­lin/Zu­ma, dpa ?? Smog in Peking – bis vor kur­zem ein häu­fi­ges Bild. Doch die Um­welt­be­las­tung in der Mil­lio­nen‰Me­tro­po­le ist nicht mehr ganz so dra­ma­tisch.
Fo­to: Wang Ji­lin/Zu­ma, dpa Smog in Peking – bis vor kur­zem ein häu­fi­ges Bild. Doch die Um­welt­be­las­tung in der Mil­lio­nen‰Me­tro­po­le ist nicht mehr ganz so dra­ma­tisch.

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