Augsburger Allgemeine (Land West)

Drei Schüs­se und ein zwei­tes Le­ben

Zeit­ge­schich­te Wolf­gang Schäu­b­le steht auf dem Ze­nit sei­ner Kar­rie­re, als ein At­ten­tat vor 30 Jah­ren al­les in­fra­ge stellt. Doch der CDU-Po­li­ti­ker gibt nicht auf. Wie sich Au­gen­zeu­gen und sei­ne Fa­mi­lie an die schwie­ri­ge Zeit er­in­nern

- VON JÜR­GEN RUF UND MARGIT HUFNAGEL Fribourg · Wolfgang Schäuble · German Ministry of the Interior · Bundestag · Bundestag of Germany · Helmut Kohl · Oskar Lafontaine · ARD (broadcaster) · Red Army · Royal Air Force · Vienna General Hospital · Red Army Faction · Red Army · Offenburg

Frei­burg Den Schrei der Toch­ter hat er heu­te noch im Ohr. Christine ist da­mals ge­ra­de ein­mal 19 Jah­re alt, sie hat­te ge­hol­fen, für ih­ren Va­ter ei­nen Auf­tritt im Gast­hof „Braue­rei Bru­der“zu or­ga­ni­sie­ren. Wahl­kampf, Rou­ti­ne, ei­ne Pro­vinz­ver­an­stal­tung viel­leicht so­gar. Nichts je­den­falls im Ver­gleich zu den hoch­ran­gi­gen Tref­fen, die sonst noch im Ter­min­ka­len­der in die­sen Ta­gen ste­hen. Doch dann fal­len drei Schüs­se. „Christine hat von der Tü­re aus al­les ge­se­hen und dach­te, ihr Va­ter ist tot“, er­in­nert sich Hans Peter Schütz. Der Mann, der an die­sem Abend am Bo­den liegt, ist Wolf­gang Schäu­b­le, Christine sei­ne äl­tes­te Toch­ter.

Vor 30 Jah­ren, am 12. Ok­to­ber 1990, wird der CDU-Po­li­ti­ker und da­ma­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Op­fer ei­nes At­ten­tats. Der heu­te 81-jäh­ri­ge Schütz ist der ein­zi­ge Jour­na­list, der wäh­rend des At­ten­tats vor Ort war. Schütz ar­bei­tet da­mals als Re­dak­teur für das Ma­ga­zin Stern, be­glei­tet Schäu­b­le be­reits seit Jah­ren auf des­sen po­li­ti­schen Le­bens­weg. Und nun liegt er vor ihm, ge­trof­fen von Pis­to­len­ku­geln, blu­tend, schwer ver­letzt, ir­gend­wo zwi­schen Le­ben und Tod. Die ver­stör­te Toch­ter, die hilf­lo­sen Po­li­zis­ten. „Ich war völ­lig fas­sungs­los“, sagt Schütz. „Ich ha­be mich ne­ben ihn ge­kniet und ha­be sei­nen Kopf an­ge­ho­ben.“Aus der Wun­de zwi­schen Ohr und Kinn­win­kel si­ckert Blut. „Ich ha­be kein Ge­fühl mehr in den Bei­nen“, flüs­tert Schäu­b­le. Spä­ter stellt sich her­aus, dass ein geis­tig ver­wirr­ter Mann aus nächs­ter Nä­he auf den Po­li­ti­ker ge­schos­sen hat.

Die Tat wirkt bis heu­te nach. Sie macht den 12. Ok­to­ber für den auf­stre­ben­den CDU-Po­li­ti­ker zum Schick­sals­tag. Die Schüs­se rei­ßen ihn aus sei­nem bis­he­ri­gen Le­ben. Und zwin­gen ihn in den Roll­stuhl. Das At­ten­tat, we­ni­ge Ta­ge nach der Deut­schen Ein­heit, schreckt da­mals die Re­pu­blik auf. Es er­eig­net sich in Schäu­bles Wahl­kreis. Der Po­li­ti­ker und Va­ter von vier Kin­dern, der seit 1972 für den Or­ten­au­kreis im Bun­des­tag sitzt, lebt vom Tat­ort nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fernt. Er ist in der Re­gi­on auf­ge­wach­sen.

Im Gast­hof „Braue­rei Bru­der“in der Kle­in­stadt Op­penau im mitt­le­ren Schwarz­wald hält Schäu­b­le an die­sem Abend vor 250 bis 300 Zu­hö­rern ei­ne Wahl­kampf­re­de. Die Bun­des­tags­wahl 1990, die ers­te ge­samt­deut­sche Wahl nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung, steht an. Nach der Ver­an­stal­tung bleibt Schäu­b­le noch ei­ne Wei­le. Zahl­rei­che An­we­sen­de in dem klei­nen Saal des Gast­hau­ses sind dem da­ma­li­gen Ver­trau­ten von Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl (CDU) per­sön­lich be­kannt. „Die Stim­mung war gut“, er­in­nert sich ei­ner, der da­mals da­bei war. Nur sechs Wo­chen zu­vor hat­te Schäu­b­le den Ver­trag zur Deut­schen Ein­heit un­ter­zeich­net – ein Hö­he­punkt sei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re. Der Ba­de­ner Schäu­b­le gilt als Ar­chi­tekt des Ein­heits­ver­trags.

Als Schäu­b­le kurz nach 22 Uhr, um­ringt von zahl­rei­chen Men­schen, den Saal der Gast­stät­te ver­lässt, nä­hert sich ein da­mals 37 Jah­re al­ter Mann, der bis da­hin un­auf­fäl­lig im Pu­bli­kum ge­ses­sen hat­te. Am Aus­gang zieht der geis­tig Ver­wirr­te ei­nen Re­vol­ver und feu­ert aus knapp ei­nem hal­ben Me­ter Ent­fer­nung drei Schüs­se ab. Zwei da­von tref­fen Schäu­b­le in den Rü­cken und am Hals. Die drit­te Ku­gel bohrt sich in den Kör­per ei­nes Per­so­nen­schüt­zers, der sich vor den zu Bo­den sin­ken­den Schäu­b­le wirft und ihm da­mit mut­maß­lich das Le­ben ret­tet. Der 28 Jah­re al­te Be­am­te wird von ei­ner Ku­gel ge­trof­fen und ver­letzt. „Ich hat­te Glück, dass ich nicht ge­trof­fen wur­de, ich lief di­rekt ne­ben Schäu­b­le“, sagt Stern-Jour­na­list Hans Peter Schütz.

„Wir wa­ren to­tal ge­schockt. Nach ei­nem kur­zen Mo­ment brach ein wil­des Durch­ein­an­der los“, er­in­nert sich ein frü­he­rer Mit­ar­bei­ter Schäu­bles, der da­mals da­bei war. Schäu­b­le ver­liert viel Blut und kurz der Tat das Be­wusst­sein. Doch Schäu­b­le über­lebt. Le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt wird er zu­nächst ins Kreis­kran­ken­haus Ober­kirch und spä­ter mit dem Ret­tungs­hub­schrau­ber in die Uni­ver­si­täts­kli­nik Frei­burg ge­bracht, wo Ärz­te fünf St­un­den um sein Le­ben rin­gen. Er ist vom drit­ten Brust­wir­bel ab­wärts ge­lähmt.

Bun­des­kanz­ler Kohl, der am Tag nach dem At­ten­tat nach Frei­burg an Schäu­bles Kran­ken­bett eilt, zeigt sich ge­schockt über den Ge­sund­heits­zu­stand sei­nes da­mals Ver­trau­ten und wich­tigs­ten Mi­nis­ters, der im Ko­ma liegt. „Ich hof­fe und ver­traue auf die Kunst der Ärz­te. Aber dies ist auch ei­ne St­un­de, in der man das Be­ten lernt“, sagt Kohl. Auch der da­ma­li­ge SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Os­kar La­fon­tai­ne, der knapp ein hal­bes Jahr zu­vor bei ei­ner Wahl­kampf­kund­ge­bung bei ei­nem An­griff mit ei­nem Mes­ser schwer ver­letzt wur­de, kommt nach Frei­burg und ist scho­ckiert.

Schäu­b­le äu­ßert sich lan­ge nicht zu den St­un­den, in de­nen er sich zwi­schen Le­ben und Tod be­weg­te. Vor fünf Jah­ren, in ei­ner Fern­seh­do­ku­men­ta­ti­on der ARD, ge­währ­te er Ein­bli­cke. „Als ich aus dem künst­li­chen Ko­ma auf­ge­wacht bin, war mir klar, dass ich ge­lähmt bin“, er­in­ner­te sich Schäu­b­le. „War­um habt ihr mich nicht ster­ben las­sen?“, fragt er sei­ne Toch­ter.

Schäu­b­le, der Voll­blut­po­li­ti­ker, der Uner­müd­li­che, der Ten­nis­spie­ler, der Wahl­kämp­fer, ist auf ein­mal ein Mann mit Be­hin­de­rung. Er selbst be­nutzt im­mer wie­der so­gar das Wort „Krüp­pel“. „Als er da­mals vor mir am Bo­den lag, ha­be ich nicht ein­mal ei­ne Se­kun­de ge­glaubt, dass es für ihn wei­ter­ge­hen könn­te – das war über­haupt nicht vor­stell­bar“, sagt Stern-Jour­na­list Hans Peter Schütz.

Doch Schäu­b­le gibt nicht auf. Mit ei­ser­ner Dis­zi­plin nimmt er nur we­ni­ge Mo­na­te nach dem At­ten­tat im Roll­stuhl sei­ne Amts­ge­schäf­te wie­nach der auf – bis­wei­len bis an die Gren­ze der Er­bar­mungs­lo­sig­keit ge­gen­über sich selbst. Ge­sund­heit­lich zu­gu­te kommt ihm, dass er ver­gleichs­wei­se jung und zu­dem sehr sport­lich ist. Und er gilt als äu­ßerst wil­lens­stark. „Er hat ziem­lich früh sein Schick­sal an­ge­nom­men“, er­in­nert sich Ehe­frau In­ge­borg an die Ta­ge im Kran­ken­haus: „Es war groß­ar­tig zu se­hen, wie er sich zu­rück ins Le­ben kämpft.“Den Ab­schied aus der Po­li­tik, zu dem ihm die Fa­mi­lie rät, lehnt er ab. Im kom­men­den Jahr will er, der in­zwi­schen 78 Jah­re und Bun­des­tags­prä­si­dent ist, er­neut für den Bun­des­tag kan­di­die­ren. Da­bei ist er schon heu­te der am längs­ten am­tie­ren­de Ab­ge­ord­ne­te.

Den Si­cher­heits­be­hör­den brin­gen die Schüs­se von Op­penau ein Um­den­ken. Bis da­hin gal­ten für den staat­li­chen Per­so­nen­schutz Ter­ro­ris­ten als be­deu­tends­te Be­dro­hung für Po­li­ti­ker, vor al­lem we­gen der mör­de­ri­schen Ro­te Ar­mee Frak­ti­on (RAF) in den Jah­ren zu­vor. Heu­te sind es psy­chisch kran­ke Ein­zel­tä­ter, so wie der Schäu­b­le-At­ten­tä­ter oder die La­fon­tai­ne-At­ten­tä­te­rin, die als Ge­fahr ge­se­hen wer­den.

Schäu­bles At­ten­tä­ter stammt wie sein Op­fer aus der Re­gi­on, er war be­reits vor dem At­ten­tat in psy­cho­lo­gi­scher Be­hand­lung. Er wird nach den Schüs­sen auf Schäu­b­le über­wäl­tigt und fest­ge­nom­men. Im Mai

„War­um habt ihr mich nicht ster­ben las­sen?“, fragt er.

1991 wird er in Of­fen­burg we­gen des Schäu­b­le-At­ten­tats ver­ur­teilt. Weil das Ge­richt bei ihm ei­nen Ver­fol­gungs­wahn fest­stellt, wird er in ei­ne ge­schlos­se­ne psych­ia­tri­sche An­stalt ein­ge­wie­sen. Schäu­b­le hat er spä­ter in Brie­fen und in ei­nem Ra­dio­in­ter­view um Ent­schul­di­gung ge­be­ten. Die Waf­fe und die Pa­tro­nen hat­te er aus dem Waf­fen­schrank sei­nes Va­ters, ei­nem ört­li­chen Bür­ger­meis­ter, ent­wen­det. Im Herbst 2004 wird er aus der Psych­ia­trie ent­las­sen, im ver­gan­ge­nen Jahr ist er nach schwe­rer Krank­heit ge­stor­ben.

Und Wolf­gang Schäu­b­le? Hat ihn das At­ten­tat här­ter wer­den las­sen? Zu­min­dest un­ge­dul­di­ger, gibt der Po­li­ti­ker selbst bis­wei­len zu. „Aber er war ei­gent­lich schon im­mer so, wie er heu­te ist – ein preu­ßi­scher Ale­man­ne, ein Mann mit Grund­sät­zen“, sagt Hans Peter Schütz. Mit­leid mit sich selbst ist kei­ne Cha­rak­ter­ei­gen­schaft, die Schäu­b­le pflegt. „Mit­leid ist kei­ne trag­fä­hi­ge Grund­la­ge für po­li­ti­sche Be­zie­hun­gen und Dis­kus­sio­nen“, sagt er lie­ber. Und dann folgt ein ty­pi­scher Schäu­b­le: „S’ isch, wie’s isch!“

In Op­penau er­in­nert nichts mehr an das At­ten­tat vor 30 Jah­ren. Den tra­di­ti­ons­rei­chen „Gast­hof Braue­rei Bru­der“mit­ten im Ort, in des­sen Saal es zum At­ten­tat kam, gibt es nicht mehr. Er wur­de 2004 ab­ge­ris­sen. Im sel­ben Jahr starb der Per­so­nen­schüt­zer Schäu­bles, der sich am Abend des At­ten­tats in die Schuss­bahn warf und den letz­ten der drei Schüs­se ab­fing. Er er­lag, im Al­ter von 42 Jah­ren, den Fol­gen ei­ner Krebs­er­kran­kung.

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Fo­to: Imago Images Seit dem An­schlag ist Wolf­gang Schäu­b­le quer­schnitts­ge­lähmt. Sein Schick­sal war für ihn, den Po­li­tik­be­ses­se­nen, nie Grund, sich selbst – und an­de­re – zu scho­nen.
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Fo­to: Die­ter Roo­sen, dpa Schäu­b­le wird auf die In­ten­siv­sta­ti­on der Uni­ver­si­täts­kli­nik in Frei­burg ver­legt, die Ärz­te rin­gen um sein Le­ben.
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Fo­to: dpa No­vem­ber 1990, ers­te Pres­se­kon­fe­renz nach dem At­ten­tat.

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