Augsburger Allgemeine (Land West)

„Po­li­ti­ker sind ja auch Schau­spie­ler“

In­ter­view Der Jour­na­list Marc Hu­jer hat Ab­ge­ord­ne­te, Par­tei­chefs und Mi­nis­ter bei ih­ren Hob­bys be­glei­tet. Her­aus­ge­kom­men ist ein Buch mit be­mer­kens­wer­ten Psy­cho­gram­men. Der Au­tor spricht über spe­zi­el­le und ku­rio­se Mo­men­te

- Politics · Julia Klöckner · Christian Lindner · Porsche Automobil Holding SE · Markus Söder · Florian Ross · Angela Merkel · Philipp Amthor · Kevin Kühnert · Sahra Wagenknecht · Anton Hofreiter · Christian Wulff

Ten­nis mit Sö­der, Golf mit Alt­kanz­ler Schrö­der, als Jagd­be­glei­ter von Phil­ipp Amt­hor oder im Fuß­ball­sta­di­on mit Ke­vin Küh­nert: Wie ka­men Sie auf den Trich­ter, Po­li­ti­ker bei der Aus­übung ih­rer „Lei­den­schaf­ten“zu be­glei­ten?

Marc Hu­jer: Es fing mit der Lin­kenPo­li­ti­ke­rin Sah­ra Wa­genk­necht an. Ich hat­te da­mals wirk­lich Pro­ble­me, so an sie her­an­zu­kom­men, dass ich das Ge­fühl hat­te, ein gu­tes Por­trät schrei­ben zu kön­nen. Von Sah­ra Wa­genk­necht hat man ja den Ein­druck, dass sie mit ei­ner fast ma­schi­nen­haf­ten Prä­zi­si­on und Per­fek­ti­on auf der Büh­ne auf­tritt. Al­so ha­be ich ihr ge­sagt, man müss­te das ir­gend­wie ein­mal ganz an­ders ma­chen. Und so sind wir dar­auf ge­kom­men, dass wir zu­sam­men Fahr­rad fah­ren könn­ten – was sie ja zu die­ser Zeit so rich­tig ernst­haft be­gon­nen hat.

Und das funk­tio­nier­te dann so gut, dass Sie auch bei an­de­ren Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­kern so vor­ge­gan­gen sind?

Hu­jer: Ab­so­lut. Po­li­ti­ker sind ja auch so et­was wie Schau­spie­ler. Sie ha­ben ih­re Rol­le, ihr Pro­gramm, das sie ver­tre­ten. Es ist ein biss­chen so, als wür­de man ein Schau­spie­ler-Por­trät nur an­hand sei­ner Auf­trit­te auf der Büh­ne schrei­ben, oh­ne ihn je an­ders er­lebt zu ha­ben. Na­tür­lich ver­ges­sen die Po­li­ti­ker nicht, dass ein Re­por­ter da­ne­ben­steht, wenn sie ih­rem Hob­by nach­ge­hen. Aber den­noch be­ge­ben sie sich in ei­ne Si­tua­ti­on, die sie vor­her nicht ge­probt ha­ben.

Was än­dert sich für Sie als Jour­na­list in die­sem Mo­ment?

Hu­jer: Dass mir Din­ge auf­fal­len, die ich nor­ma­ler­wei­se nicht be­mer­ken wür­de. Man er­kennt be­stimm­te Cha­rak­ter­zü­ge viel bes­ser, die dann auch ei­ni­ges er­klä­ren kön­nen, was sie als Po­li­ti­ker aus­macht. Mir geht es bei die­sen Por­träts we­ni­ger um die Beur­tei­lung von po­li­ti­schen Po­si­tio­nen. Ich su­che Be­weg­grün­de. War­um ti­cken sol­che Men­schen so? Ist das jetzt ein Welt­ver­bes­se­rer, ist das ein Selbst­in­sze­nie­rer?

Nen­nen Sie ein Bei­spiel!

Hu­jer: Bei mei­nem Por­trät über Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner ha­be ich wie im­mer mit der Fra­ge be­gon­nen: „Was ist Ih­re Lei­den­schaft?“Ei­gent­lich war ge­plant, mit Ju­lia Klöck­ner, die ja aus ei­ner Win­zer­fa­mi­lie stammt, auf ih­ren Hof zu fah­ren und mit ihr zu­sam­men Wein zu trin­ken. Auch um sie zu fra­gen, wie das ist, stän­dig mit die­sem Kli­schee als Wein­kö­ni­gin um­zu­ge­hen. Doch dann hat sie mich kurz­fris­tig da­mit über­rascht, dass sie lie­ber mit mir Ve­s­pa fah­ren wol­le. War­um denn das ih­re Lei­den­schaft sei, ha­be ich ge­fragt. „Weil ich da leicht ei­nen Park­platz fin­de“, ant­wor­te­te sie. Das sagt un­ge­heu­er viel. Al­les ist ea­sy. Da sieht man, Ju­lia Klöck­ner ist je­mand, der es ger­ne leicht hat. Ich glau­be, da muss man gar nicht mehr viel sa­gen.

Auf Wer­tun­gen ver­zich­ten Sie kon­se­quent in al­len elf Ih­rer Por­trät-Tex­te des Bu­ches.

Hu­jer: Ich fin­de, der Le­ser kann das für sich sel­ber be­stim­men. Wenn ich mit FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner Por­sche fah­re, möch­te ich nicht sa­gen, ob ich Por­sche fah­ren ab­leh­ne oder ob ich das Au­to schön oder we­ni­ger schön fin­de. Je­der kann Lind­ner als Por­sche-Fah­rer furcht­bar sym­pa­thisch oder furcht­bar un­sym­pa­thisch fin­den. Das will ich sel­ber nicht über­neh­men. Mein Ziel ist es, mit den Por­träts Ein­bli­cke zu ver­schaf­fen, was ei­nen Po­li­ti­ker an­treibt. Ich ha­be schon den An­spruch, dass das Psy­cho­gram­me sind.

Spür­ten Sie oft Kal­kül – al­so den Wil­len, sich sym­pa­thisch zu prä­sen­tie­ren? Hu­jer: Da gibt es rie­si­ge Un­ter­schie­de. Ein Mo­ment der Ins­ze­nie­rung ist im­mer da­bei – lo­gi­scher­wei­se. Und das ist un­ge­heu­er stark bei Markus Sö­der. Er woll­te bei mei­nem

Ter­min mit ihm in der Ten­nis­hal­le die Kon­trol­le be­hal­ten, hat­te sel­ber Ide­en, was man ma­chen könn­te. Er war da sehr ak­tiv. Ganz an­ders die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Ka­trin Gö­rin­gEckardt, mit der ich ei­ne Tanz­stun­de ab­sol­viert ha­be. Sie ist to­tal zu­rück­hal­tend: Ich soll­te al­les aus­wäh­len – wo man hin­geht, wel­chen Tanz wir tan­zen. Das ist ge­wis­ser­ma­ßen auch ein Teil ih­rer Ins­ze­nie­rung. Weil sie eben nicht die­se do­mi­nan­te Per­sön­lich­keit ist wie Sö­der und auch nicht sein möch­te. Das zu zei­gen, führt für mich zu ei­nem AhaEf­fekt.

Das war auch bei Wa­genk­necht nicht an­ders.

Was war der Aha-Ef­fekt bei Wa­genk­necht?

Hu­jer: Sah­ra Wa­genk­necht ist sehr auf sich be­zo­gen, nimmt ih­re Um­welt kaum wahr. Sie ist bei un­se­rer Rad­tour so lan­ge mit Tem­po ge­fah­ren, bis ich nicht mehr mit­hal­ten konn­te. An­de­re Po­li­ti­ker hät­ten ga­ran­tiert dar­auf ge­ach­tet, ob der Jour­na­list hin­ter­her­kommt. Das kommt Sah­ra Wa­genk­necht über­haupt nicht in den Sinn. Sie zieht ihr Trai­nings­pro­gramm auf dem Rad durch. Als sie sah, dass ich zu­rück­blei­be, sag­te sie, „wenn Sie jetzt nicht mehr kön­nen, dann muss der Os­kar kom­men und Sie ab­ho­len“. In dem Mo­ment war mir klar, das ist es, was sie aus­macht. Das er­klärt ih­re Per­fek­ti­on, die sie auf der Büh­ne zeigt.

Gab es auch Po­li­ti­ker, die Ih­re An­fra­ge ab­ge­lehnt ha­ben?

Hu­jer: Ja, die gab es. Da war zum ei­nen ei­ne Po­li­ti­ke­rin, die ger­ne rei­tet. Al­so war mein Vor­schlag, mit ihr rei­ten zu ge­hen. Doch dann sag­te ihr Pres­se­spre­cher, er wür­de das eher nicht ma­chen, weil dann am En­de da­ste­hen wür­de: „Hoch zu Ross“. Na­tür­lich ist es so, dass man ei­nen Po­li­ti­ker in der Hand hat, wenn man ein Por­trät über ihn schreibt. Gleich­zei­tig kann es auch ei­ne Chan­ce sein. Ich glau­be, Po­li­ti­ker müs­sen das Wag­nis ein­ge­hen. Frau Mer­kel, die sich kom­plett ab­schot­tet, ist die gro­ße Aus­nah­me. Die Bin­dungs­kraft der Par­tei­en wird ge­rin­ger, Per­so­nen wer­den wich­ti­ger. Sym­pa­thie ist die Grund­la­ge da­für, dass Wäh­ler Po­li­ti­kern zu­hö­ren. Da­zu müs­sen Po­li­ti­ker ein Stück ih­rer Per­sön­lich­keit preis­ge­ben. Man muss sie als Mensch mit Schwä­chen wahr­neh­men kön­nen. Das hat nichts mit Bou­le­vard zu tun.

Wel­che Po­li­ti­ker ha­ben Sie bei Ih­ren Tref­fen zu den Por­träts am meis­ten über­rascht?

Hu­jer: Das un­ge­heu­er Ge­nie­ße­ri­sche des Grü­nen An­ton Ho­frei­ter hat mich über­rascht. Bei un­se­rer Wan­de­rung hat er fast je­des Gast­haus an­ge­steu­ert, auch mit Ver­gnü­gen Fleisch ge­ges­sen. Viel ge­lernt ha­be ich auch bei dem Tref­fen mit dem frü­he­ren Bun­des­prä­si­den­ten Chris­ti­an Wul­ff. Die­ser doch sehr brav wir­ken­de Mensch, der dann so ei­ne wun­der­ba­re Selbst­iro­nie hat, sein leich­tes Spieß­bür­ger­tum und sei­ne Schwä­chen auf die Schip­pe nimmt. Das fand ich wahn­sin­nig groß und mu­tig. Chris­ti­an Wul­ff hat mich wirk­lich be­ein­druckt.

Sind die Me­di­en in Ih­rer Kri­tik bis­wei­len zu ri­go­ros, ja gna­den­los ge­gen­über Po­li­ti­kern?

Hu­jer: Der Job ist un­ge­heu­er be­an­spru­chend. Das wird in der Öf­fent­lich­keit nicht im­mer so ge­se­hen. Na­tür­lich darf man sich hart mit Po­li­ti­kern aus­ein­an­der­set­zen, aber es fehlt doch oft an An­er­ken­nung. Das war ein Be­weg­grund für mei­ne Por­träts. Die nicht sel­ten auch per­sön­lich be­lei­di­gen­de Art, mit der Po­li­ti­ker kon­fron­tiert wer­den, hat mich schon im­mer ge­stört.

„Das un­ge­heu­er Ge­nie­ße­ri­sche des Grü­nen An­ton Ho­frei­ter hat mich über­rascht.“Marc Hu­jer

In­ter­view: Simon Ka­min­ski

Das Buch

Marc Hu­jer: „Auch nur ein Mensch. Po­li­ti­ker und ih­re Lei­den­schaf­ten – und was sie uns über sie ver­ra­ten.“Er­scheint heu­te in der Deut­schen Ver­lags‰An­stalt, DVA, 24 Eu­ro.

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Fo­to: Son­ja Och An­ton Ho­frei­ter ist ein Ge­nuss­mensch. In sei­ner Frei­zeit stellt er un­ter an­de­rem Pra­li­nen her.
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