Augsburger Allgemeine (Land West)

Der Schat­ten­mann

Hin­ter­grund La­schet, Merz, Rött­gen? Die CDU steht in Um­fra­gen am bes­ten da und tut sich doch am schwers­ten, ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten zu fin­den. Hin­ter den Ku­lis­sen wird im­mer öf­ter ei­ner ge­nannt, der gar nicht auf der Lis­te steht

- VON MICHA­EL STIF­TER Angela Merkel · Ministry of Health of Germany · Jens Spahn · Markus Söder · Auch · FC Bayern Munich · Bavaria · Munich · Christian Social Union · Annegret Kramp-Karrenbauer · Friedrich Merz · Norbert Röttgen

Augs­burg Es ist nicht so lan­ge her, da ha­ben sich vie­le in der CDU da­nach ge­sehnt, die Ära Angela Mer­kel hin­ter sich zu las­sen. Doch je nä­her der Tag rückt, des­to grö­ßer wer­den die Zwei­fel, ob das, was da­nach kommt, wirk­lich bes­ser ist. Das liegt zum ei­nen dar­an, dass die Kanz­le­rin so be­liebt ist wie sel­ten. Es gibt aber ei­nen zwei­ten Grund für die wach­sen­de Ner­vo­si­tät: Kei­ner der drei Her­ren, die CDU-Chef – und da­mit wohl auch Kanz­ler­kan­di­dat – wer­den wol­len, konn­te die ver­gan­ge­nen Mo­na­te nut­zen, um die Kon­kur­ren­ten ab­zu­hän­gen.

Viel deu­tet al­so auf ei­ne Kampf­ab­stim­mung auf dem Par­tei­tag hin, der An­fang De­zem­ber statt­fin­den soll. Da­mit hat man in der Uni­on, die im­mer dann am stärks­ten war, wenn sie nach au­ßen hin ge­schlos­sen auf­trat, al­ler­dings gar kei­ne gu­ten Er­fah­run­gen ge­macht. Man fürch­tet, dass sich die Ge­schich­te von An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er wie­der­ho­len könn­te. Sie hat­te sich im De­zem­ber 2018 im Du­ell mit Fried­rich Merz hauch­dünn durch­ge­setzt – und muss­te sich vom ers­ten Tag an als Par­tei­vor­sit­zen­de Sti­che­lei­en aus dem La­ger des Un­ter­le­ge­nen ge­fal­len las­sen. Merz hat sei­ne Nie­der­la­ge nie ver­wun­den und nimmt nun sei­nen al­ler­al­ler­letz­ten An­lauf, doch noch ganz nach oben zu kom­men. Ob er sich ge­gen Ar­min La­schet durch­set­zen kann, ist je­doch höchst un­ge­wiss. Und dann mischt ja auch noch Nor­bert Rött­gen mit. Es ist pa­ra­dox: Die Par­tei, die in Um­fra­gen am bes­ten da­steht, tut sich am schwers­ten, ei­nen Spit­zen­kan­di­da­ten zu fin­den. Die Schwä­che der drei Be­wer­ber führt da­zu, dass hin­ter den Ku­lis­sen im­mer öf­ter ein Na­me ge­nannt wird, der gar nicht auf der Lis­te steht.

Als Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter hat Jens Spahn in der Co­ro­na-Kri­se bei­lei­be nicht al­les rich­tig ge­macht.

Aber er konn­te die Deut­schen da­von über­zeu­gen, dass er doch nicht nur ein ich­be­zo­ge­ner Kar­rie­rist ist. Sei­ne Po­pu­la­ri­täts­wer­te lie­gen weit über je­nen von La­schet, Merz und Rött­gen. Und der 40-Jäh­ri­ge steht als Ein­zi­ger für ei­nen Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel. Kann es sich die CDU leis­ten, sol­che Fak­to­ren aus­zu­blen­den, wenn es dar­um geht, den Kanz­ler­kan­di­da­ten auf­zu­stel­len, der im kom­men­den Jahr die bes­ten Chan­cen bei den Wäh­lern hat?

Dass Spahn ins Kanz­ler­amt will, ist kein Ge­heim­nis. Nur wann? Nach ei­nem ge­schei­ter­ten Ver­such, CDU-Chef zu wer­den, war er die­ses Mal „nur“als Ju­ni­or­part­ner von La­schet ins Ren­nen ge­gan­gen. Und selbst wenn es der­zeit ver­lo­ckend ein­fach er­scheint, wird er aus die­ser Rol­le nicht her­aus­kom­men, oh­ne wie ein Kö­nigs­mör­der da­zu­ste­hen und all je­ne zu be­stä­ti­gen, die in ihm schon im­mer ei­nen über­ehr­gei­zi­gen Selbst­dar­stel­ler sa­hen.

Der Ge­sund­heits­mi­nis­ter ge­nießt sei­nen ge­stie­ge­nen Markt­wert al­so im Stil­len – und war­tet ab. Das eint ihn mit Markus Sö­der. Auch der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent gilt nach wie vor als Op­ti­on für die Kanz­ler­kan­di­da­tur der Uni­on. Dass Merz oder La­schet im Fal­le ih­rer Wahl zum CDU-Chef dem Bay­ern oh­ne Not das Feld über­las­sen wür­den, gilt zwar als un­wahr­schein­lich. Doch Not kann schnell ent­ste­hen, wenn der neue Par­tei­vor­sit­zen­de bei den Wäh­lern nicht so gut an­kommt wie Spahn oder Sö­der. Na­tür­lich darf sich ei­ne Par­tei nicht al­lein von Um­fra­gen lei­ten las­sen. Doch ge­nau­so fahr­läs­sig wä­re es zu igno­rie­ren, wen die Bür­ger am liebs­ten im Kanz­ler­amt se­hen wür­den. Sö­der, da ist man sich in Mün­chen ei­nig, wird kein Ri­si­ko ein­ge­hen, das er nicht ein­ge­hen muss. Er hat auch deut­lich mehr zu ver­lie­ren als Spahn. Für den Ge­sund­heits­mi­nis­ter wie­der­um gibt es meh­re­re mög­li­che We­ge. Ers­tens: La­schet lässt ihm den Vor­tritt, Spahn tritt im De­zem­ber selbst an und wird als Kom­pro­miss­kan­di­dat CDU-Chef. Dann müss­te er sich nur noch mit der CSU in der K-Fra­ge ei­nig wer­den. Zwei­tens: Die CDU wählt ei­nen an­de­ren Vor­sit­zen­den mit ei­nem we­nig über­zeu­gen­den Er­geb­nis, der dann zu schwach er­scheint, um auch Spit­zen­kan­di­dat für die Bun­des­tags­wahl zu wer­den – sie­he Kramp-Kar­ren­bau­er. Dann könn­te Spahn so­gar oh­ne Par­tei­vor­sitz Kanz­ler­kan­di­dat wer­den – es sei denn, Sö­der kä­me in die­sem Fall doch in Ver­su­chung.

Noch er­schei­nen sol­che Sze­na­ri­en eher theo­re­tisch. Noch glau­ben Merz und La­schet an ih­ren Er­folg und Spahn bleibt der Schat­ten­mann. Doch sein Schat­ten wird grö­ßer.

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Fo­to: Chris­ti­an Spi­cker, Imago Images In der Co­ro­na‰Kri­se hat Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn vie­le Wäh­ler über­zeugt.

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