Augsburger Allgemeine (Land West)

Links­ra­di­ka­le Ge­walt: Die un­ter­schätz­te Ge­fahr

Wer Po­li­zis­ten an­greift, Brän­de legt und frem­des Ei­gen­tum zer­stört, darf nicht län­ger auf Nach­sicht oder Sym­pa­thie durch Tei­le der Po­li­tik hof­fen. Je­de Form von Ex­tre­mis­mus be­droht den Rechts­staat

- VON BERN­HARD JUN­GIN­GER bju@augs­bur­ger‰all­ge­mei­ne.de Crime · West Berlin · G20 · Auch · Friedrichshain · Berlin · The Left · Thomas Haldenwang · The German government

Der Links­ex­tre­mis­mus hat mal wie­der sei­ne häss­li­che Frat­ze ge­zeigt: Ein Mob schwarz ver­mumm­ter Ran­da­lie­rer griff in Ber­lin Po­li­zis­ten an, 18 Be­am­te tru­gen Ver­let­zun­gen da­von. Au­tos wur­den an­ge­zün­det, Ge­schäf­te und Re­stau­rants ver­wüs­tet. Aus­lö­ser der Ge­walt­or­gie: Ein Haus­be­sit­zer hat sein recht­mä­ßi­ges Ei­gen­tum von Haus­be­set­ze­rin­nen zu­rück­ge­for­dert, die dar­in wohn­ten, oh­ne Mie­te zu be­zah­len. Weil zahl­rei­che Kom­pro­miss- und Ver­mitt­lungs­an­ge­bo­te ge­schei­tert wa­ren, muss­te ein Groß­auf­ge­bot der Po­li­zei aus acht Bun­des­län­dern dem Ge­richts­voll­zie­her Amts­hil­fe leis­ten.

Der Ein­satz selbst ging noch re­la­tiv glimpf­lich ab, ob­wohl das Haus ver­bar­ri­ka­diert war, wie in ei­nem Krieg. Doch aus Ra­che zog die links­ex­tre­mis­ti­sche Sze­ne ei­ne Schnei­se der Ver­wüs­tung durch die Bun­des­haupt­stadt und kün­dig­te die die­se Wo­che wei­te­re Ge­walt­ta­ten an.

Wenn nun Thomas Hal­den­wang, der Chef des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz, warnt, die Ge­walt im Links­ex­tre­mis­mus wer­de zu­neh­mend bru­ta­ler und per­so­nen­be­zo­ge­ner – im Sin­ne ge­plan­ter An­schlä­ge und Hin­ter­hal­te et­wa –, soll­te die Po­li­tik ge­nau hin­hö­ren. Bun­des­re­gie­rung und Ver­fas­sungs­schüt­zer se­hen im Mo­ment den Staat am stärks­ten durch den Rechts­ex­tre­mis­mus be­droht. Ei­ne Ein­schät­zung, die ab­so­lut rich­tig ist an­ge­sichts der Mor­de und An­schlä­ge, die Neo­na­zis, Aus­län­der­has­ser und An­ti­se­mi­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren be­gan­gen ha­ben. Es gab ei­ne Zeit, da wur­de die Ge­fahr von rechts ver­harm­lost und klein­ge­re­det. Die NSU-Mord­se­rie blieb wohl auch des­halb viel zu lan­ge un­auf­ge­klärt, weil nicht auf­merk­sam ge­nug nach rechts ge­schaut wur­de. Das hat sich zum Glück ge­än­dert. Es hat noch nie zu ir­gend­et­was Gu­tem ge­führt, ver­schie­de­ne For­men von Ex­tre­mis­mus mit un­ter­schied­li­cher Här­te zu be­kämp­fen. Spä­tes­tens seit den Aus­schrei­tun­gen wäh­rend des G20-Gip­fels in Ham­burg 2017 muss je­dem klar sein, dass es die­sen an­geb­li­chen Un­ter­schied, dass rech­ter Ter­ro­ris­mus sich ge­gen Men­schen, lin­ker Ex­tre­mis­mus aber al­len­falls ge­gen Sa­chen rich­te, nicht gibt. Seit dem En­de der RAFMord­se­rie soll die­ser Kon­sens in der lin­ken Sze­ne ge­gol­ten ha­ben. Wenn es je so war, so ist es längst nicht mehr so.

Die Bru­ta­li­tät, mit der Links­ex­tre­mis­ten re­gel­mä­ßig ge­gen Po­li­zis­ten vor­ge­hen, sie mit Pflas­ter­stei­nen, Lat­ten und Fla­schen an­grei­fen, in ge­fähr­li­che Hin­ter­hal­te lo­cken, zeigt, dass ein Men­schen­le­ben in die­ser Sze­ne nichts gilt. Auch An­woh­ner be­setz­ter Häu­ser oder lin­ker Hoch­bur­gen be­rich­ten von Schi­ka­nen und An­grif­fen durch die Ex­tre­mis­ten. Wer sich ih­nen in den Weg stellt oder auch nur am fal­schen Fleck wohnt, wird zu­sam­für men­ge­schla­gen. Oder es wird mit der Stahl­ku­gel­schleu­der durchs Kin­der­zim­mer­fens­ter ge­schos­sen, wie na­he be­setz­ter Häu­ser­blocks in Ber­lin-Fried­richs­hain.

Die Men­schen­ver­ach­tung nimmt nicht wun­der. In den so­zia­lis­ti­schen oder kom­mu­nis­ti­schen Sys­te­men von ges­tern und heu­te, die die­ser Sze­ne als Vor­bil­der gel­ten, wer­den po­li­ti­sche Geg­ner in Ar­beits­la­ger ge­steckt oder um­ge­bracht. Doch wäh­rend es im Kampf ge­gen rech­te Ge­walt zum Glück ei­nen sehr brei­ten ge­sell­schaft­li­chen Kon­sens gibt, fehlt die­se Ent­schlos­sen­heit im Vor­ge­hen ge­gen den Links­ex­tre­mis­mus. Neo­na­zis, die jahr­zehn­te­lang Häu­ser be­setzt hal­ten, Straf­ta­ten in Se­rie be­ge­hen, Po­li­zis­ten an­grei­fen und die An­woh­ner ter­ro­ri­sie­ren, von der ört­li­chen Po­li­tik aber mehr oder we­ni­ger in Ru­he ge­las­sen wer­den? Un­vor­stell­bar, aus gu­tem Grund.

In den Rei­hen von SPD, Grü­nen und Link­s­par­tei, die in Ber­lin zu­sam­men re­gie­ren, gibt es vie­le, die

Sym­pa­thi­en für die mi­li­tan­te lin­ke Sze­ne er­ken­nen las­sen. Das zeigt sich schon bei der Spra­che. Ver­harm­lo­send heißt es dann oft, Po­li­zis­ten sei­en im „Ger­an­gel“mit „Ak­ti­vis­ten“ver­letzt wor­den. Doch wer sich in ein sol­ches „Ger­an­gel“be­gibt, leis­tet Wi­der­stand ge­gen die Staats­ge­walt, wer zu­schlägt, Fla­schen oder Pflas­ter­stei­ne wirft, be­geht zu­min­dest ein Kör­per­ver­let­zungs­de­likt. Staats- und men­schen­feind­li­che Straf­ta­ten müs­sen klar be­nannt und kon­se­quent ver­folgt wer­den, ob sie nun von ex­tre­mis­ti­schen Rech­ten, Lin­ken oder Is­la­mis­ten be­gan­gen wer­den. Ein Au­to an­zu­zün­den, für das der Be­sit­zer lan­ge ge­spart hat, die Exis­tenz ei­nes La­den­be­sit­zers zu zer­stö­ren, hat eben­so we­nig Hel­den­haf­tes.

Grü­ne, Lin­ke und SPD müs­sen end­lich ei­ne kla­re Hal­tung fin­den zu je­nen in ih­ren Rei­hen, die Straf­ta­ten für Po­lit­folk­lo­re hal­ten, so­lan­ge das Mo­tiv passt. Auch links­mo­ti­vier­te Ge­walt darf nicht das kleins­te Biss­chen sa­lon­fä­hig sein.

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Fo­to: Chris­to­phe Ga­teau, dpa Brenz­li­ge Stim­mung: Bei der De­mons­tra­ti­on ge­gen die Räu­mung des be­setz­ten Hau­ses „Liebig 34“in Ber­lin flo­gen Fla­schen, Feu­er­werks­kör­per und St­ei­ne.
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