Augsburger Allgemeine (Land West)

Chi­les Kum­pel füh­len sich ver­ges­sen

Dra­ma Zehn Jah­re ist es her, dass 33 Berg­leu­te mehr als zwei Mo­na­te un­ter Ta­ge ge­fan­gen wa­ren. Ih­re Ret­tung wur­de zum „Wun­der von Chi­le“. Doch da­von ha­ben vor al­lem an­de­re pro­fi­tiert

- De­nis Dütt­mann, dpa Copiapo · San Jose · Chile · Norden, Lower Saxony · Grad, Grad · Hollywood · Weingarten · Ravensburg · San José Province · Atacama Desert · El Mercurio · Antonio Banderas · Juliette Binoche · Mario Gomez

Co­pi­apó Die gan­ze Welt fie­ber­te mit, als vor zehn Jah­ren 33 ver­schüt­te­te Berg­leu­te aus der Mi­ne San Jo­sé in der Ata­ca­ma-Wüs­te in ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Ret­tungs­ak­ti­on an die Erd­ober­flä­che ge­holt wur­den. Über ei­ne Mil­li­ar­de Men­schen ver­folg­ten das „Wun­der von Chi­le“li­ve im Fern­se­hen. Heu­te aber füh­len sich vie­le der Kum­pel ver­ra­ten und ver­kauft. „Die Welt hat uns ver­ges­sen“, klagt der bo­li­via­ni­sche Berg­mann Car­los Ma­ma­ni in der Zei­tung El Mer­cu­rio. Er lebt mit sei­ner Frau und sei­nen zwei Töch­tern im­mer noch in Co­pi­apó na­he der Mi­ne. Zwei Jah­re war er in psy­cho­lo­gi­scher Be­hand­lung, um sein Trau­ma zu über­win­den. „Ich wer­de nie mehr un­ter Ta­ge ar­bei­ten“, sagt er.

69 Ta­ge muss­ten die Män­ner in 700 Me­ter Tie­fe aus­har­ren, bis sie schließ­lich mit der ei­gens an­ge­fer­tig­ten Ret­tungs­kap­sel „Phö­nix“am 13. Ok­to­ber 2010 wie­der an die Ober­flä­che ge­bracht wer­den konn­ten. In den ers­ten 17 Ta­gen wuss­ten die Kol­le­gen und An­ge­hö­ri­gen gar nicht, ob die Män­ner das Mi­nen­un­glück über­haupt über­lebt hat­ten. Dann end­lich drang die Ret­tungs­mann­schaft mit ei­nem Spe­zi­al­boh­rer und ei­ner Son­de zu den Ver­schüt­te­ten durch. Die Män­ner schick­ten ei­nen Zet­tel nach oben: „Uns geht es gut im Schutz­raum. Die 33.“

Jo­sé Oje­da hat­te da­mals die Bot­schaft ge­schrie­ben, die die Fa­mi­li­en im Camp „Espe­ran­za“(Hoff­nung) auf­at­men ließ. Heu­te geht es ihm gar nicht gut. Er ist an Herz, Pro­sta­ta und Nie­ren er­krankt, lei­det un­ter Dia­be­tes und hat psy­chi­sche Pro­ble­me. Auch Jon­ny Bar­ri­os sagt: „Mir geht es schlecht.“Er hat ei­ne Staub­lun­ge und ist we­gen der Co­ro­naPan­de­mie seit Mo­na­ten zu Hau­se in Selbst­qua­ran­tä­ne. Nach der Ret­tung aus der Mi­ne sei­en ih­nen vie­le lee­re Ver­spre­chun­gen ge­macht wor­den, klagt er.

Am 5. Au­gust 2010 ge­gen 14 Uhr war in dem Kup­fer- und Gold­berg­werk San Jo­sé im Nor­den von Chi­le ein Stol­len ein­ge­stürzt und hat­te die 33 Kum­pel ein­ge­schlos­sen. Es be­gann die wohl auf­wen­digs­te Ret­tungs­ak­ti­on in der Ge­schich­te des Berg­baus. Über zwei Mo­na­te muss­ten die Män­ner war­ten – bei mehr als 30 Grad, ho­her Luft­feuch­tig­keit und teil­wei­se in to­ta­ler Fins­ter­nis. Schicht­füh­rer Lu­is Ur­zúa ra­tio­na­li­sier­te die Thun­fisch­do­sen und sorg­te so­mit da­für, dass die Kum­pel zum Zeit­punkt der Ret­tung noch nicht ver­hun­gert wa­ren.

Am 13. Ok­to­ber 2010 wur­den die Berg­leu­te dann end­lich an die Ober­flä­che ge­holt. Ei­ner nach dem an­de­ren stieg in die Ret­tungs­kap­sel „Phö­nix 2“und fuhr hin­auf. Al­lein die­se letz­te Pha­se der Ret­tungs­ak­ti­on dau­er­te 22 St­un­den und 36 Mi­nu­ten. Die Fo­tos von den ge­ret­te­ten Kum­pel gin­gen um die Welt.

Hol­ly­wood ver­film­te die Ge­schich­te der Berg­leu­te mit An­to­nio Ban­de­ras und Ju­li­et­te Bi­no­che in den Haupt­rol­len, die Kum­pel reis­ten um die Welt, selbst Ac­tion­fi­gu­ren der Män­ner wur­den ver­kauft. Doch den Pro­fit mit ih­rer Ge­schich­te mach­ten vor al­lem an­de­re. „Als wir her­aus­ka­men, ha­ben sie uns gro­ße Pro­jek­te ver­spro­chen, aber jetzt ste­hen wir mit lee­ren Hän­den da“, sag­te Ur­zúa zu­letzt im Fern­seh­sen­der BBC Mun­do. „Seit zehn Jah­ren ver­su­chen wir nun, un­se­re Wür­de, un­se­re Rech­te zu­rück­zu­er­lan­gen.“

Die Mi­ne San Jo­sé wur­de nach dem Un­glück ge­schlos­sen, das Straf­ver­fah­ren ge­gen die Be­trei­ber­ge­sell­schaft oh­ne An­kla­ge ein­ge­stellt. Im Camp Espe­ran­za er­in­nert heu­te nur noch ein fünf Me­ter ho­hes Be­ton­kreuz an das „Wun­der von Chi­le“. Die Män­ner er­hal­ten ei­ne mo­nat­li­che Ren­te von 315000 Pe­sos (335

Eu­ro), die Hälf­te ih­res Ein­kom­mens als Ar­bei­ter in der Mi­ne. Zwar wur­de den Män­nern ei­ne Ent­schä­di­gung in Hö­he von 80 Mil­lio­nen Pe­sos (85000 Eu­ro) zu­ge­spro­chen. Al­ler­dings hat die Re­gie­rung Be­ru­fung ge­gen die Ent­schei­dung ein­ge­legt, we­gen der Co­ro­na-Kri­se liegt das Ver­fah­ren der­zeit auf Eis.

Kaum ei­ner der 33 Kum­pel ar­bei­tet heu­te noch im Berg­bau. Ma­rio Se­púl­ve­da hat in ei­ner Spiel­show ge­won­nen und mit dem Geld ein Zen­trum für au­tis­ti­sche Kin­der ge­grün­det. Daniel Her­re­ra lern­te ei­ne Deut­sche aus Wein­gar­ten bei Ra­vens­burg ken­nen und hei­ra­te­te. Omar Rey­ga­das und Fran­klin Lo­bos ar­bei­ten als Fah­rer.

Ei­ne gro­ße Fei­er zum 10. Jah­res­tag wird es we­gen der Co­ro­na-Pan­de­mie in die­sem Jahr nicht ge­ben. Ma­rio Gó­mez, der Äl­tes­te der Grup­pe, sitzt seit Mo­na­ten in sei­nem Haus in Co­pi­apó fest. Er ist lun­gen­krank und ge­hört zur Ri­si­ko­grup­pe. „Wenn ich mich in­fi­zie­re, wer­de ich das nicht über­le­ben“, sagt er. Doch auch oh­ne Ge­denk­ver­an­stal­tung wird er sich an je­nen Tag vor zehn Jah­ren er­in­nern, als er zum zwei­ten Mal auf die Welt kam. „Es ist, als wä­re es ges­tern ge­we­sen“, sagt er.

 ?? Fo­to: Alex F. Ca­trin, dpa ?? „Wir ste­hen mit lee­ren Hän­den da“: Lu­is Ur­zúa, ei­ner der Berg­leu­te, die vor zehn Jah­ren ge­ret­tet wur­den, be­sucht den Ort, an dem die Ret­tung der Kum­pel aus der San‰Jo‰ sé‰Mi­ne statt­fand.
Fo­to: Alex F. Ca­trin, dpa „Wir ste­hen mit lee­ren Hän­den da“: Lu­is Ur­zúa, ei­ner der Berg­leu­te, die vor zehn Jah­ren ge­ret­tet wur­den, be­sucht den Ort, an dem die Ret­tung der Kum­pel aus der San‰Jo‰ sé‰Mi­ne statt­fand.

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