Augsburger Allgemeine (Land West)

Kras­se Flug­rei­se mit Or­feo

Pre­mie­re Das Staatsthea­ter Augs­burg pro­biert als Pio­nier die re­vo­lu­tio­nä­re Vir­tu­al-Rea­li­ty-Tech­nik aus. Das führt zu ei­ner spek­ta­ku­lä­ren und hoch­in­tel­li­gen­ten Pro­duk­ti­on – bei der die Oh­ren al­ler­dings stark ge­for­dert sind

- VON RÜ­DI­GER HEINZE Arts · Poland · Marina Abramović · Maria Callas · Caravaggio · Natalya Neidhart · Caravaggio

Augs­burg Ein paar Pro­zent­punk­te hin oder her: ge­schenkt. Je­den­falls dürf­te es in et­wa so sein, dass ein be­trächt­li­cher Teil der Be­völ­ke­rung nicht mehr weiß, was ein Zink ist, und ein be­trächt­li­cher Teil der Be­völ­ke­rung noch nicht die VR-Bril­le kennt. Ge­nau zwi­schen die­sen bei­den Po­len, zwi­schen his­to­ri­schem Blas­in­stru­ment und al­ler­neu­es­ter vi­su­el­ler Tech­nik, be­wegt sich die ers­te sze­ni­sche Opern­pro­duk­ti­on des Staats­thea­ters Augs­burg in der neu­en Spiel­zeit und in der Co­ro­naPan­de­mie.

Die Spann­wei­te der Darstel­lungs­for­men für Glucks ita­lie­ni­sche Oper „Or­feo ed Eu­ri­di­ce“zeigt sich mit­hin ex­tremst – ge­schichts­be­wusst im Klang­ge­wand und fu­tu­ris­tisch in der vi­su­el­len Ver­pa­ckung. Das ist so spek­ta­ku­lär wie ex­zen­trisch, so ho­ri­zont­er­wei­ternd wie auf­rei­zend für ein dop­pelt stau­nen­des Pu­bli­kum. Weil es hier ei­ner­seits ei­nen neu­en Weg er­lebt, den wohl noch kein Thea­ter zu­vor be­schrit­ten hat, und weil es an­de­rer­seits qua­si we­ni­ge St­un­den zu­vor ge­wahr wer­den muss­te, dass in der Augs­bur­ger Stadt­be­völ­ke­rung nun zum zwei­ten Mal Sturm­ge­schüt­ze in Form ei­nes Bür­ger­be­geh­rens ge­gen den not­wen­di­gen Sa­nie­rungs­fort­gang im denk­mal­ge­schütz­ten Thea­ter auf­ge­fah­ren wer­den. All­über­all sto­ßen sich die Din­ge au­ßer­or­dent­lich hart im Raum.

Das Au­ge re­agiert oft schnel­ler als das Ohr. Was al­so hat es op­tisch auf sich mit die­sem Or­feo aus dem Jahr 1762? So wie einst Hans Neu­en­fels in sei­ner be­rühmt ge­wor­de­nen „Ai­da“-Ins­ze­nie­rung erst ein­mal ei­nen Archäo­lo­gen die Kopf­skulp­tur der äthio­pi­schen Kö­nigs­toch­ter aus­gra­ben ließ, um sich dann in die ägyp­ti­sche Ge­schich­te hin­ein­zu­gra­ben, so lässt An­dré Bü­cker, der Augs­bur­ger In­ten­dant, in sei­ner „Or­feo“-Re­gie den my­thi­schen Sän­ger als ei­nen Twen von heu­te auf­tre­ten, der sich in ei­ner Ge­mäl­de­ga­le­rie schwär­me­risch, ja ob­ses­siv mit der Sa­ge um die Rück­ho­lung der Schön­heit Eu­ri­di­ce aus dem To­ten­reich – kraft der Mu­sik – iden­ti­fi­ziert. Und so be­gibt sich das Pu­bli­kum per VR-Bril­le und de­ren drei­di­men­sio­nal-be­weg­ten künst­li­chen Wel­ten (Pro­duk­ti­on: heim­spiel) auf ei­ne kras­se, aben­teu­er­li­che Rei­se.

Es lan­det im Sturz­flug mit Or­feo in der Un­ter­welt – hier ei­ne dys­to­pisch-asia­ti­sche Un­ter­hal­tungs­höl­le voll von (Dra­chen-)Fu­ri­en, die zu be­sänf­ti­gen sind. Es schwebt mit Or­feo zu Eu­ri­di­ce ins Ely­si­um – hier ein sur­rea­ler, neu­rei­cher, bon­bon­bunt-kit­schi­ger Skulp­tu­ren­park. Und es kehrt zu­rück mit Or­feo in ei­ne Büh­nen­rea­li­tät des Mar­ti­niPark-Thea­ters, die deut­li­che Desil­lu­si­on auf­bie­tet: Das frisch­ver­mähl­te Paar Or­feo und Eu­ri­di­ce, das fort­an nichts mehr tren­nen wird, fin­det sich – zap­pelnd wie In­sek­ten im Spin­nen­netz – auf dem So­fa ei­nes frisch ein­ge­rich­te­ten, bür­ger­li­chen, norm­mo­der­nen Wohn­zim­mers wie­der. Das war ei­gent­lich nicht der Plan. Je­ne Ge­mäl­de­ga­le­rie (Büh­nen­bild: Jan Stei­gert), die der Aus­gangs­punkt der fan­tas­ti­schen Rei­se ist, hat sich zu ei­ner all­ge­mei­nen Schlaf- und Wohn­stät­te ver­wan­delt.

Da­bei war sie durch An­dré Bü­cker und sei­ne Ko­s­tüm­bild­ne­rin Li­li Wan­ner im ers­ten Akt wahr­haft il­lus­ter be­völ­kert wor­den: Jo­na­than Mee­se, der kunst­dik­ta­to­ri­sche deut­sche Ma­ler sa­lu­tiert mal wie­der stramm – er­hob er wo­mög­lich auch mal den rech­ten Arm? – und be­tä­tigt sich mit Sprüh­do­se als Kunst­schän­der. Ma­ri­na Abra­mo­vic, die Per­for­me­rin, die neu­lich die Ma­ria Cal­las in Mün­chen mim­te, wirft sich in Opern-Po­se und in ein Du­ell mit Mee­se. Und auch der Dü­rer Al­brecht schaut als Münch­ner Pi­na­ko­the­ken-Je­sus ver­klei­det her­ein. Vor ei­nem Gro­ßen, der nach ihm kam, wirft er sich schier auf den Bo­den:

Ca­ra­vag­gio. Denn die Ge­mäl­de­ga­le­rie, Ab­tei­lung Ba­rock, zeigt ja ge­ra­de ei­ne Ca­ra­vag­gio-Son­der­schau. Stets ist da­bei um die Wer­ke zu ban­gen: Nicht nur we­gen Mee­se, son­dern auch we­gen der Tou­ris­ten und des Per­so­nals, die sich dar­in eher hemds­är­me­lig be­we­gen. Nicht je­der ver­tieft sich so em­pa­thisch, so ziel­ge­rich­tet, so ma­nisch in die Kunst wie Or­feo.

Und die­ses Jon­glie­ren mit dem Ne­ben­ein­an­der di­ver­ser Vor­stel­lungs­wel­ten, in die die Prot­ago­nis­ten rasch ein­tau­chen, aus de­nen sie rasch auch flüch­ten kön­nen, macht Bückers Ins­ze­nie­rung so neu­ar­tig, über­ra­schend, ef­fekt­voll, in­tel­li­gent. Sie ist al­les an­de­re als still und edel. Büh­nen­rea­li­tät und Büh­nen­sur­rea­li­tät, Ima­gi­na­ti­on und Wahn, Alb­traum und Hoff­nungs­vi­si­on, thea­tra­les Nach­spie­len so­wie die tech­ni­sche Gau­ke­lei Vir­tu­al Rea­li­ty – man wech­selt die ir­rea­len Räu­me wie zu Hau­se die TV-Pro­gram­me. Ein Kos­mos, an dem kein Thea­ter­freund vor­bei­kommt.

Al­ler­dings hat er ei­nen Preis. Gluck such­te in sei­ner Re­form­oper ja so­wohl für die Hand­lung als auch für die Mu­sik ei­ne ein­fa­che, kon­zen­trier­te, ge­rad­li­ni­ge Grö­ße. Wenn er al­so kon­zep­tio­nell klar auf den Reiz mu­si­ka­li­scher Vir­tuo­si­tät ver­zich­te­te (kei­ne Af­fek­te! kei­ne Ko­lo­ra­tu­ren!), dann führt Bü­cker kon­zep­tio­nell, qua­si durch die Hin­ter­tür, den Reiz vi­su­el­ler Vir­tuo­si­tät ein. Erst fin­det man sich im Wim­mel­bild der Ge­mäl­de­ga­le­rie, spä­ter in den un­ge­ahnt neu­en vir­tu­el­len Wel­ten. Die In­for­ma­ti­ons­dich­te ist schon er­kleck­lich hoch; das will erst mal von je­dem hübsch sor­tiert wer­den.

Und nicht un­pro­ble­ma­tisch bleibt auch die Aus­la­ge­rung der Augs­bur­ger Phil­har­mo­ni­ker plus ei­ni­ger Gäs­te auf Zink und Lau­te. Ihr Spiel un­ter dem durch­aus sen­si­bel lei­ten­den Di­ri­gen­ten Wolf­gang Katsch­ner wur­de aus dem Pro­ben­saal in den Thea­ter­saal über­tra­gen und – mit­un­ter über­steu­ert – ver­stärkt. Das Ver­fah­ren ist ein Kom­pro­miss, be­dingt durch die Co­ro­na-Ab­stands­re­ge­lun­gen – in­so­fern: kein Vor­wurf! Die Ge­mäl­de­ga­le­rie und der dar­in präch­tig ho­mo­gen agie­ren­de Chor brau­chen Raum. Aber lei­der: Die akus­ti­sche At­trak­ti­vi­tät his­to­ri­scher In­stru­men­te, die At­trak­ti­vi­tät von „un­plug­ged“eben, sie blieb durch die De­zi­bel-Ver­stär­kung deut­lich ein­ge­schränkt.

Und her­aus­zu­fil­tern aus dem all­ge­mei­nen Um­trieb sind auch die Ge­fühls­la­gen der an­rüh­rend sin­gen­den So­lis­tin­nen: schmerz­lich-ele­gisch der Or­feo von Na­ta­lya Boeva, be­trübt-vor­wurfs­voll die Eu­ri­di­ce der Ji­hyun Ce­ci­lia Lee, keck-spie­le­risch der Amor von Ole­na Sloia. So wir­kungs­stark die Pro­duk­ti­on ist: Das Au­di­to­ri­um hat auf Zack zu sein, will es auch mu­si­ka­lisch al­les mit­krie­gen. Gro­ßer Ap­plaus.

Nächs­te Vor­stel­lun­gen im Mar­ti­ni‰ Park: 17. und 18. Ok­to­ber, 1., 14., 20., 26. und 27. No­vem­ber

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Fo­to: Jan‰Pie­ter Fuhr Leicht ist es für Or­feo (Na­ta­lya Boeva, rechts) nicht, die Braut Eu­ri­di­ce (Ji­hyun Ce­ci­lia Lee, links) aus dem To­ten­reich zu ho­len, auch wenn Amor (Ole­na Sloia, Mit­te) auf sei­ner Sei­te steht.

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