Augsburger Allgemeine (Land West)

Ra­fik Scha­mi: Die ge­hei­me Mis­si­on des Kar­di­nals (74)

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In die ita­lie­ni­sche Bot­schaft in Da­mas­kus wird ein to­ter Kar­di­nal ein­ge­lie­fert. Was hat­te der Mann aus Rom in Sy­ri­en zu schaf‰ fen? Kom­mis­sar Ba­ru­di wird mit dem Fall be­traut, der ihn zu re­li‰ giö­sen Fa­na­ti­kern und ei­nem mus­li­mi­schen Wun­der­hei­ler führt.

As­mar stock­te mit­ten im Satz, als Ga­bri­el ihm ein Zei­chen gab. Man­ci­ni er­kann­te jetzt, wie ge­schickt Ga­bri­el die Fä­den zog und wie ein­ge­spielt das Team nach so vie­len Auf­trit­ten und In­ter­views war.

„Was für ein Öl floss aus dem Bild“, frag­te Man­ci­ni.

„Oli­ven­öl“, kam es wie aus ei­nem Mund.

„Und war es auch Oli­ven­öl, das aus Ih­ren Hän­den floss?“, frag­te Man­ci­ni.

Al­le drei nick­ten. „Das hat uns das La­bor be­stä­tigt. Rei­nes Oli­ven­öl.“

„War­um ge­ra­de Oli­ven­öl?“, frag­te Man­ci­ni ver­wun­dert.

„Viel­leicht weil Oli­ven­öl im Al­ten Ori­ent vol­ler Sym­bo­lik ist: Es schenkt Licht, Nah­rung, Hei­lung, Frie­den und wird für die Sal­bung ver­wen­det, und Je­sus ist der vom Hei­li­gen Geist mit Oli­ven­öl Ge­salb­te, das be­deu­tet das Wort Mes­si­as oder im Grie­chi­schen Chris­tos“, ant­wor­te­te Pfar­rer Ga­bri­el.

In die­sem Mo­ment hör­te man Lärm an der Haus­tür. Pfar­rer Ga­bri­el mach­te As­mar ein Zei­chen, zur Tür zu ge­hen. Die­ser ent­fern­te sich. Kurz dar­auf hör­te Man­ci­ni, wie er die Leu­te um Ru­he bat, da die Wun­der­hei­le­rin Be­such aus Rom ha­be.

„Aus Rom?! Wirk­lich? Aus Rom?“, frag­ten die Stim­men durch­ein­an­der. Man­ci­ni kam sich vor wie in ei­nem schlech­ten Film.

„Ru­he!“, rief As­mar, und die Leu­te ver­stumm­ten au­gen­blick­lich. Dann kehr­te er in den In­nen­hof zu­rück. „Bas­sil ist da, er lei­det un­ter Epi­lep­sie und Mi­grä­ne. Er meint, er hat ei­nen Ter­min bei dir. Was soll ich ihm sa­gen?“

Wie­der gab Ga­bri­el ein Zei­chen. Er nick­te leicht. „Lass ihn rein“, rief die Hei­le­rin dar­auf­hin, „dann kann Si­gnor Mas­troi­an­ni sich selbst über­zeu­gen.“Und so ging As­mar wie­der zur Haus­tür und kehr­te kurz dar­auf mit ei­nem ma­ge­ren al­ten Mann zu­rück, der kaum ge­hen konn­te. Ge­stützt wur­de er von ei­ner be­leib­ten jun­gen Frau.

„Bas­sil“, flüs­ter­te Du­mia, „mein ar­mer Bas­sil.“Sie sprach wie zu sich selbst. Als er vor ihr stand, ließ er sich auf die Knie fal­len. Du­mia sah ihn mit Trä­nen in den Au­gen an. Man­ci­ni, der das Schau­spiel aus iro­ni­scher Dis­tanz be­trach­te­te, war fas­zi­niert. Du­mia leg­te ih­re Hän­de auf den Kopf des schwa­chen Man­nes. „Hei­li­ge Ma­ria, Mut­ter Got­tes“, sag­te sie und be­gann nun rich­tig zu wei­nen und sei­nen Kopf zu strei­cheln. Und auf ein­mal sah Man­ci­ni, dass der Kopf des Man­nes ölig glänz­te. Er schoss drei, vier Fo­tos. Du­mia be­te­te laut und bat die hei­li­ge Ma­ria um Bei­stand. Nach ei­ner Wei­le droh­te sie vom Stuhl zu glei­ten. Pfar­rer Ga­bri­el und As­mar fass­ten sie an den Ar­men.

„Es ist gut, es ist gut“, sag­te Ga­bri­el und rich­te­te Du­mia wie­der auf. Der kran­ke Mann er­hob sich und ging fes­ten Schrit­tes al­lein zur Tür, nach­dem er die Hand der Hei­le­rin ge­küsst und dem Ehe­mann ein Bün­del sy­ri­sche Geld­schei­ne über­reicht hat­te. Die­ser zier­te sich erst ein we­nig, dann aber steck­te er das Geld rasch in die Ho­sen­ta­sche.

Wie­der gab es Lärm an der Haus­tür, wie­der hör­te Man­ci­ni den Ehe­mann, wie er die War­ten­den mahn­te, es sei wich­ti­ger Be­such aus Rom da. Sie soll­ten sich ge­dul­den und sich ru­hig ver­hal­ten. Nach­dem Ru­he ein­ge­kehrt war, kam As­mar zu­rück. Er gab sei­ner Frau ei­nen Wink. Sie stand auf, ver­schwand im Haus und trat ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter er­frischt und ge­kämmt in ei­nem neu­en Kleid wie­der her­aus.

„Nun zu­rück zu Ih­rer Ge­schich­te“, sag­te Man­ci­ni. Auf die Sze­ne, die sich ge­ra­de vor ihm ab­ge­spielt hat­te, ging er nicht ein. „Das hei­li­ge Bild wur­de al­so in ei­ner Pro­zes­si­on zur or­tho­do­xen Kir­che ge­tra­gen. Was ist da­nach pas­siert?“

Die drei schau­ten sich ge­gen­sei­tig an. Kei­ner der bei­den Ehe­leu­te woll­te an­fan­gen. Man­ci­ni mach­te ei­ne auf­mun­tern­de Ges­te in Rich­tung Du­mia.

„Das Bild hat dort von der ers­ten St­un­de an kei­nen Trop­fen Öl mehr ge­spen­det. Drei­und­vier­zig Ta­ge blieb es dort, dann brach­te man es in ei­ner wirk­lich ge­ring­schät­zi­gen Art zu­rück.“

„Was soll das hei­ßen?“, frag­te Man­ci­ni. Du­mia sah Ga­bri­el fle­hend an.

„Weil das hei­li­ge Bild nach An­sicht der Kir­chen­lei­tung ,nicht funk­tio­nier­te‘, schick­ten sie es zu­rück, al­ler­dings nicht in ei­ner Pro­zes­si­on. Ein jun­ger Pfar­rer brach­te es ein­fach in ei­ner Ein­kaufs­tü­te.“

„In ei­ner Ein­kaufs­tü­te?“, ent­fuhr es Man­ci­ni. Er konn­te ein La­chen nicht un­ter­drü­cken. As­mar warf ihm ei­nen zor­ni­gen Blick zu. „Ent­schul­di­gung“, sag­te Man­ci­ni so­fort, be­müht, die Fas­sung wie­der­zu­er­lan­gen.

„Und des­halb ha­ben Sie den jun­gen Pfar­rer kran­ken­haus­reif ge­prü­gelt?“, frag­te Man­ci­ni As­mar. Das hat­te er nicht in den Bü­chern, son­dern im In­ter­net ge­le­sen.

„Das hat er ver­dient, die­ser…“, setz­te As­mar an, stock­te aber, als Pfar­rer Ga­bri­el die Hand hob.

„Das war ein Feh­ler, denn Ge­walt ist des Teu­fels, und der Pfar­rer han­del­te im­mer­hin auf den Be­fehl der Kir­chen­lei­tung“, sag­te Ga­bri­el.

„Nun, das ver­ste­he ich. Was mir aber un­ver­ständ­lich bleibt, ist die Be­schrei­bung, die ich Ih­rer Bro­schü­re ent­nom­men ha­be: Die hei­li­ge Ma­ria er­schien Du­mia vor dem Trans­port ih­res Bil­des in die Kir­che und sag­te wei­nend ma’lesch, das macht nichts. Das sa­gen die Da­ma­sze­ner, wenn sie et­was Un­an­ge­neh­mes ak­zep­tie­ren müs­sen. Als woll­te sie ei­gent­lich nicht, dass ihr Bild in die Kir­che trans­por­tiert wird. Und dann brach­te der or­tho­do­xe Pfar­rer das Bild zu­rück, be­zog Prü­gel, und ei­ne Nacht spä­ter er­schien die hei­li­ge Ma­ria er­neut und sprach, wie­der in brei­tem Da­ma­sze­ner Dia­lekt, zu Du­mia, dass sie ,un­ter uns ge­sagt‘ froh sei, nach Hau­se zu­rück­zu­keh­ren. Kor­ri­gie­ren Sie mich, wenn ich et­was miss­ver­stan­den hab.“

„Nein, nein, das ist al­les kor­rekt“, sag­te Pfar­rer Ga­bri­el.

„Da­mit kri­ti­sier­te die hei­li­ge Ma­ria al­so die Kir­che. Das kommt mir ko­misch vor, und noch ko­mi­scher fin­de ich, dass die hei­li­ge Ma­ria die Flos­kel ,un­ter uns ge­sagt‘ ver­wen­det. Ent­schul­di­gen Sie, ich war in Beirut mit ei­nem Da­ma­sze­ner be­freun­det, und der sagt, wenn ein Da­ma­sze­ner das hört, ver­brei­tet er die Nach­richt, so schnell er kann. Nichts an­de­res ist hier ge­sche­hen: Die­ser Satz ,das macht nichts‘ steht in Ih­rer Bro­schü­re, zu­gäng­lich für al­le. Woll­te al­so die hei­li­ge Ma­ria die or­tho­do­xe Kir­che öf­fent­lich schlecht­ma­chen?“

Ein Lä­cheln woll­te dem Pfar­rer nicht wirk­lich ge­lin­gen. Salim As­mar blick­te zum Him­mel, als wä­re er in Ge­dan­ken ganz wo­an­ders, Du­mia schloss die Au­gen. Ihr Ge­sicht glich ei­ner Mas­ke.

Kei­ne Ant­wort.

„Das sind die Wor­te der hei­li­gen Ma­ria, die wir ge­wis­sen­haft auf­ge­schrie­ben ha­ben, oh­ne sie er­grün­den zu kön­nen“, sag­te Ga­bri­el schließ­lich, aber er klang mü­de.

Man­ci­ni schau­te auf sei­ne No­ti­zen. Jetzt wur­de es schwie­rig. Er muss­te Du­mia ei­ne pein­li­che Fra­ge stel­len. Er wuss­te, dass die or­tho­do­xe und die ka­tho­li­sche Kir­che seit Jahr­hun­der­ten ver­fein­det wa­ren. Die Or­tho­do­xen er­kann­ten den Papst nicht an, und zwar seit dem Jahr 1054.

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