Augsburger Allgemeine (Land West)

Noch Sport­ler oder schon Ma­so­chis­ten?

- VON TIL­MANN MEHL ti­me@augs­bur­ger‰all­ge­mei­ne.de Sports · Athens · Paris · Incubus · Boris Becker · Nicolas Kiefer · Rainer Schüttler

Das Dop­pel fris­tet im Ka­non des Sports ein Ni­schen-Da­sein. Es lässt sich un­ter­schei­den zwi­schen Hal­len- und Frei­luft­sport, Ball­sport und nicht ernst­zu­neh­men­dem Sport, schließ­lich: In­di­vi­du­al- und Mann­schafts­sport. Um was aber han­delt es sich nun, wenn paar­wei­se der Ball über das Netz ge­spielt wird? Im bes­ten Fall ori­en­tiert sich le­dig­lich ein Teil des Dop­pels zum Ball. Feh­len­de Ab­stim­mung führt zur Nie­der­la­ge. Für Mann­schafts­sport­ler ist das nicht be­mer­kens­wert. Dop­pel­spie­ler aber sind kei­ne Team­sport­ler. Spor­tro­man­ti­ker mö­gen be­haup­ten, ei­ne Mann­schaft sei stär­ker als die Sum­me ih­rer Ein­zel­tei­le. Ein­zi­ger wirk­li­cher Grund aber für Mann­schafts­sport sind Mann­schafts­aben­de und die Tat­sa­che, sich und sei­ne nicht vor­han­de­nen Fä­hig­kei­ten im Team bes­ser ver­ste­cken zu kön­nen.

Ein­zel­sport­ler hin­ge­gen wer­den im­mer wie­der mit ih­ren Un­zu­läng­lich­kei­ten kon­fron­tiert. In­di­vi­du­al­sport­ler sind grund­sätz­lich Ma­so­chis­ten. Über­trof­fen nur noch von Dop­pel­spie­lern. Die müs­sen nicht nur die ei­ge­nen Feh­ler aus­hal­ten, son­dern auch noch die Fah­rig­kei­ten des Mit­spie­lers.

Ein aus­ge­gli­che­nes Ge­müt ist als Dop­pel­spie­ler rat­sam. Bo­ris Be­cker ver­fügt si­cher­lich über zahl­rei­che for­mi­da­ble Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten – als in sich ru­hend wür­den ihn aber wohl die we­nigs­ten be­zeich­nen. Auch des­we­gen be­kam er in Da­vis-Cup-Dop­peln den ru­hi­gen Erik Je­len an die Sei­te ge­stellt, der die Geg­ner se­dier­te und Be­cker im­mer­hin et­was run­ter­kühl­te.

Die Ver­bin­dung mit Micha­el Stich hielt im­mer­hin zwei olym­pi­sche Wo­chen und ei­ne Gold­me­dail­le lang, da­nach aber woll­ten die bei­den nicht mehr Zeit mit­ein­an­der ver­brin­gen als nö­tig.

Ni­co­las Kie­fer und Rai­ner Schütt­ler hät­ten es dem Duo Stich/ Be­cker 2004 in At­hen bei­na­he nach­ge­macht. Al­ler­dings fehl­te es den bei­den am En­de an der Ab­ge­brüht­heit des­je­ni­gen, der den Wim­ble­don-Cen­ter-Court sein Wohn­zim­mer nennt. Fünf Sät­ze und ei­ne bit­te­re Fi­nal­nie­der­la­ge lie­ßen er­ken­nen: Ge­teil­tes Leid ist dop­pel­tes Leid.

Andre­as Mies und Ke­vin Kra­wi­etz stan­den in kei­nem olym­pi­schen Fi­na­le. Sie ha­ben nicht die Po­pu­la­ri­tät ei­nes Bo­ris Be­cker, wahr­schein­lich nicht mal die ei­nes Rai­ner Schütt­ler. Am Sams­tag hat das Duo zum zwei­ten Mal die Dop­pel­kon­kur­renz der French Open ge­won­nen. Nach dem letzt­jäh­ri­gen Tri­umph ge­lang ih­nen nicht mehr all­zu viel. Dann ka­men sie zu­rück nach Pa­ris. Und sieg­ten er­neut. Selt­sam, die­se Dop­pel­spie­ler.

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Fo­to: dpa Ni­co­las Kie­fer und Rai­ner Schütt­ler: Ge‰ teil­tes Leid ist dop­pel­tes Leid.
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