Augsburger Allgemeine (Land West)

Man­che Al­ten­hei­me hät­ten lie­ber den Lock­down

So­zia­les In den Al­ten­hei­men im Land­kreis Augs­burg kön­nen seit ei­ni­gen Mo­na­ten wie­der An­ge­hö­ri­ge be­sucht wer­den. Das soll ver­hin­dern, dass die Be­woh­ner ver­ein­sa­men. Kann man da­für das In­fek­ti­ons­ri­si­ko in Kauf neh­men?

- VON SÖ­REN BE­CKER UND JUS­TIN LAUTENBACH Coronavirus (COVID-19) · Meitingen · Arbeiterwohlfahrt · Augsburg · Schwabmunchen · Telecom Personal

In den Al­ten­hei­men sind seit ei­ni­gen Mo­na­ten wie­der Be­su­cher zu­ge­las­sen. Aber kann man das Ri­si­ko in Kauf neh­men?

Land­kreis Rot-wei­ßes Ab­sperr­band hängt vor dem Ma­schen­draht­zaun auf der Nord­sei­te des Jo­han­nes­heims in Meit­in­gen. Die Ab­sper­rung soll Be­su­cher da­von ab­hal­ten, den Be­woh­nern zu na­he zu kom­men. „Die spre­chen dort mit ih­ren Ver­wand­ten und ach­ten nicht auf den Ab­stand“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Ste­fan Poo­tem­ans. Sei­ne Vor­sicht ist ver­ständ­lich. Schließ­lich ist das Co­ro­na­vi­rus be­son­ders be­droh­lich für die Be­woh­ner der Ein­rich­tung. In Augs­burg sind in ei­nem Al­ten­heim jüngst 14 Be­woh­ner auf ei­nen Schlag in­fi­ziert ge­we­sen, in Aichach sind im Mai 17 Be­woh­ner in­ner­halb kür­zes­ter Zeit in ei­nem AWO-Heim ge­stor­ben. Mehr, als der ge­sam­te Land­kreis Augs­burg bis­her an To­ten zu be­kla­gen hat. In den Al­ten­hei­men im Augs­bur­ger Land gibt es bis jetzt kei­ne Co­ro­na-To­ten.

„Am liebs­ten wä­re mir, es wä­re wie­der Lock­down. Das war so schön ein­fach oh­ne Be­su­cher“, sagt er. Wer ei­nen der Be­woh­ner be­su­chen will, muss vor­her an­ru­fen und ei­nes der sechs ein­stün­di­gen Zeit­fens­ter pro Sta­ti­on und Tag bu­chen. Und die War­te­lis­te ist lang. Wenn der Be­su­cher im Jo­han­nes­heim auf­schlägt, muss er ei­nen Mund­schutz tra­gen, sich die Hän­de des­in­fi­zie­ren und Ab­stand hal­ten. Zu­dem soll er egal, wo er hin­geht, den mög­lichst kür­zes­ten Weg ein­hal­ten. We­gen der be­son­de­ren Ge­fahr muss all das pein­lich ge­nau über­wacht wer­den. „Da­für geht der Groß­teil mei­nes Ta­ges drauf“, sagt Poo­tem­ans. Er schätzt et­wa 90 Pro­zent sei­nes Ar­beits­ta­ges. Am liebs­ten wür­de er die Be­su­che wie­der ver­bie­ten. Das ist laut den neu­es­ten Re­ge­lun­gen der Staats­re­gie­rung aber nicht er­laubt.

Die Be­reit­schaft der Be­su­cher sich an die Re­geln zu hal­ten sei aber be­grenzt, sagt er. „Ich muss die Leute im­mer wie­der dran er­in­nern, dass gera­de Pan­de­mie ist“, sagt Poo­tem­ans. Er möch­te sei­ne Re­geln im Zwei­fel lie­ber et­was zu streng als nicht streng ge­nug ha­ben: „Mei­ne Auf­ga­be ist es, mei­ne Be­woh­ner vor Ge­fah­ren zu be­schüt­zen“, sagt er. Er sei al­ler­dings gro­ßem Druck aus­ge­setzt, mehr Be­su­che zu­zu­las­sen. „Ich ha­be schon mehr­mals E-Mails von Land­rat Mar­tin Sai­ler be­kom­men, dass ich wie­der ei­nen An­ge­hö­ri­gen­a­bend ma­chen soll“, be­rich­tet er. Er wei­gert sich aber und ver­weist auf das In­fek­ti­ons­ri­si­ko. Das sei ei­ne viel grö­ße­re Ge­fahr für die Se­nio­ren als das häu­fig be­schwo­re­ne Ver­ein­sa­mungs­ri­si­ko.

Der Vor­sit­zen­de der AWOSchwa­ben, Heinz Mün­zen­rie­der, sieht das an­ders. „Wir ha­ben vie­le To­te in den Al­ten­hei­men. Nicht nur we­gen Co­ro­na, auch we­gen der Ver­ein­sa­mung“, sagt er. Die AWO wol­le in ih­ren Hei­men die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den An­ge­hö­ri­gen er­mög­li­chen: „Die Fa­mi­lie und das klei­ne Zim­mer bei uns ist für vie­le Be­woh­ner al­les, was sie noch ha­ben“, sagt Mün­zen­rie­der.

Im AWO-Heim in Schwab­mün­chen sieht das zum Bei­spiel fol­gen­der­ma­ßen aus: „Ein­mal täg­lich dür­fen die Be­woh­ner für ei­ne St­un­de Be­such be­kom­men“, sagt Heim­lei­ter Micha­el Zim­mer­mann. „Die Leute kön­nen sich dann im Ein­gangs­be­reich mit ih­ren An­ge­hö­ri­gen auf­hal­ten. Zim­mer­be­su­che sind nur er­laubt, wenn der Se­ni­or bett­lä­ge­rig ist.“Da­bei wird streng dar­auf ge­ach­tet, dass die Se­nio­ren kei­nem Ge­sund­heits­ri­si­ko aus­ge­setzt wer­den. Je­der Be­su­cher müs­se sich ei­ner stren­gen Kon­trol­le am Ein­gang un­ter­zie­hen, bei der Sym­pto­me ab­ge­fragt und die Tem­pe­ra­tur ge­mes­sen wer­den, sagt Zim­mer­mann. Mit den Schnell­tests, die die Bun­des­re­gie­rung jüngst ver­spro­chen hat, kön­ne man in Zu­kunft auch zu­sätz­li­che wei­te­re Be­su­che er­mög­li­chen, denkt AWO-Prä­si­dent Mün­zen­rie­der laut nach.

Das Per­so­nal des Se­nio­ren­heims wei­se die Fa­mi­li­en der Se­nio­ren im­mer wie­der dar­auf hin, mit den Rent­nern grö­ße­re Men­schen­men­gen zu mei­den. Wenn die Mit­ar­bei­ter mit­be­kom­men, dass Heim­be­woh­ner Ver­an­stal­tun­gen be­sucht ha­ben, wird schnell re­agiert. „Wir kon­trol­lie­ren bei dem Be­woh­ner dann drei Mal täg­lich, ob Sym­pto­me auf­tre­ten“, sagt Zim­mer­mann.

Die nächs­ten Mo­na­te und die auf­kom­men­de Grip­pe­zeit er­war­tet der Heim­lei­ter mit Sor­ge: „Schon jetzt fal­len im­mer wie­der Mit­ar­bei­ter aus, weil sie ei­ne Er­käl­tung ha­ben und auf ihr Co­ro­na-Tes­t­er­geb­nis war­ten.“Per­so­nell sei das Heim der­zeit aber gut auf­ge­stellt. In den Win­ter­mo­na­ten könn­te sich das än­dern: „Es sieht nicht ro­sig aus. Theo­re­tisch kön­nen wir Mit­ar­bei­ter aus an­de­ren Se­nio­ren­hei­men an­for­dern. In der Pra­xis wer­den aber auch dort Kol­le­gen aus­fal­len“, sagt Zim­mer­mann. „Das be­deu­tet mehr Ar­beit für al­le.“

 ?? Fo­to: Mar­cus Merk ?? Rot‰wei­ßes Ab­sperr­band hängt vor dem Ma­schen­draht­zaun auf der Nord­sei­te des Jo‰ han­nes­heims in Meit­in­gen.
Fo­to: Mar­cus Merk Rot‰wei­ßes Ab­sperr­band hängt vor dem Ma­schen­draht­zaun auf der Nord­sei­te des Jo‰ han­nes­heims in Meit­in­gen.

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