Wie hoch ist nun die Sterb­lich­keit?

Neu­es aus der For­schung über Co­ro­na und die Fol­gen

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wissen -

Ei­ne In­fek­ti­on mit dem Co­ro­na­vi­rus Sars-Cov-2 ist ei­ner Stu­die zu­fol­ge für Men­schen mitt­le­ren Al­ters und ins­be­son­de­re für Se­nio­ren deut­lich ge­fähr­li­cher als ei­ne Grip­pe. Die noch nicht in ei­nem Fach­jour­nal ver­öf­fent­lich­te Aus­wer­tung meh­re­rer Un­ter­su­chun­gen zeigt, wie stark die Sterb­lich­keits­ra­te von In­fi­zier­ten mit dem Al­ter steigt.

Das Team um den Epi­de­mio­lo­gen Gi­de­on Mey­e­ro­witz-Katz von der aus­tra­li­schen Uni­ver­si­ty of Wol­lon­gong be­zif­fert die In­fek­ti­ons­sterb­lich­keit für die USA mit 0,8 Pro­zent. Das al­ler­dings un­ter der theo­re­ti­schen Vor­aus­set­zung, dass die In­fek­tio­nen sich so über al­le Al­ters­grup­pen ver­tei­len, wie es der de­mo­gra­fi­schen Al­ters­ver­tei­lung ent­spricht. In der Rea­li­tät kann der An­teil von Jun­gen und Al­ten am In­fek­ti­ons­ge­sche­hen je­doch er­heb­lich schwan­ken.

Mit dem Wert von 0,8 lie­ge die Sterb­lich­keit we­sent­lich hö­her als et­wa bei der Grip­pe­wel­le der Sai­son 2018/19 in den USA, de­ren In­fek­ti­ons­sterb­lich­keit die For­scher mit 0,05 Pro­zent an­ge­ben, heißt es wei­ter. Al­ler­dings be­tont das Team, dass die In­fek­ti­ons­sterb­lich­keit von vie­len Va­ria­blen wie et­wa den be­trof­fe­nen Be­völ­ke­rungs­grup­pen ab­hän­ge und in den USA bei an­de­rer de­mo­gra­fi­scher Ver­tei­lung durch­aus auf 0,3 sin­ken kön­ne.

Die Schwe­re ei­ner Krank­heit wer­de oft an­hand der so­ge­nann­ten Falls­terb­lich­keit be­ur­teilt – al­so an­hand der To­des­fäl­le un­ter den re­gis­trier­ten In­fi­zier­ten, schreibt das USaus­tra­li­sche Team in der Me­ta­ana­ly­se. In Deutsch­land lag die Falls­terb­lich­keit nach ei­ner re­gis­trier­ten Sars-CoV-In­fek­ti­on dem Ro­ber­tKoch-In­sti­tut (RKI) zu­fol­ge An­fang Ok­to­ber bei 3,2 Pro­zent.

„Al­ler­dings kann die­ses Maß für das Vi­rus Sars-CoV-2, das Covid-19 ver­ur­sacht, stark in die Ir­re füh­ren“, be­to­nen die For­scher. „Denn ein ho­her An­teil der In­fek­tio­nen ver­läuft asym­pto­ma­tisch oder leicht sym­pto­ma­tisch (ge­ra­de bei jün­ge­ren Men­schen) und wird mög­li­cher­wei­se in of­fi­zi­el­len Be­rich­ten nicht be­rück­sich­tigt.“

Dies ver­an­schau­li­chen die Au­to­ren am Bei­spiel New York, wo ei­ner Stu­die zu­fol­ge in ei­nem Zei­t­raum hef­ti­gen In­fek­ti­ons­ge­sche­hens nur et­wa ein Zehn­tel der Co­ro­na-In­fek­tio­nen be­kannt wur­de. „Ins­ge­samt stell­ten die To­des­fäl­le ein Zehn­tel der be­rich­te­ten Fäl­le, aber nur ein Hun­derts­tel al­ler In­fek­tio­nen“, er­läu­tern sie.

Aber auch hin­sicht­lich der In­fek­ti­ons­sterb­lich­keit kom­men Stu­di­en aus ver­schie­de­nen Re­gio­nen zu un­ter­schied­li­chen Wer­ten: Sie rei­chen von 0,6 Pro­zent in Genf über 1 Pro­zent in New York und 1,5 Pro­zent in England bis zu deut­lich über 2 Pro­zent in Italien.

Um dem tat­säch­li­chen Wert nä­her zu kom­men, wer­te­ten die For­scher Stu­di­en mit Da­ten aus 33 Re­gio­nen aus, die bis Mit­te Sep­tem­ber ver­öf­fent­licht wor­den wa­ren. Da­bei schlos­sen sie nur sol­che Un­ter­su­chun­gen ein, die re­prä­sen­ta­ti­ve Stich­pro­ben der je­wei­li­gen Be­völ­ke­rung ent­hiel­ten und aus Län­dern oder Re­gio­nen mit zu­ver­läs­si­gem Mel­de­sys­tem stamm­ten. Die Stu­di­en stamm­ten mit Aus­nah­me von Süd­ko­rea aus­schließ­lich aus west­li­chen Län­dern wie Aus­tra­li­en, Neu­see­land, den USA und eu­ro­päi­schen Staa­ten. Deutsch­land war nicht ver­tre­ten.

Die Ana­ly­se be­stä­tigt, dass die Sterb­lich­keit bei Co­ro­na mit zu­neh­men­dem Al­ter deut­lich steigt. Dem­nach ist sie bei jun­gen Men­schen äu­ßerst ge­ring. Im Al­ter von 55 Jah­ren liegt sie bei 0,4 Pro­zent, mit 65 Jah­ren bei 1,3 Pro­zent, mit 75 bei 4,2 Pro­zent, mit 85 bei 14 Pro­zent und ab 90 über 25 Pro­zent. „Die­se Ana­ly­se be­stä­tigt, dass Covid-19 we­sent­lich töd­li­cher ist als ei­ne sai­so­na­le Grip­pe“, bi­lan­ziert das Team.

Al­ler­dings, so be­to­nen die For­scher aus­drück­lich, dür­fe man die In­fek­ti­ons­sterb­lich­keit nicht als fes­ten Wert ver­ste­hen, son­dern als

Er­heb­li­che Un­ter­schie­de je nach Al­ters­grup­pe

Grö­ße, die von ver­schie­de­nen Fak­to­ren ab­hän­ge, et­wa da­von, wie gut ver­letz­li­che Be­völ­ke­rungs­grup­pen ge­schützt wür­den.

Der Phy­si­ker Dirk Brock­mann vom In­sti­tut für Bio­lo­gie der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät, der Mo­del­le zur Aus­brei­tung von In­fek­ti­ons­krank­hei­ten er­forscht, hält die für die USA er­mit­tel­te In­fek­ti­ons­sterb­lich­keit von 0,8 über al­le Be­völ­ke­rungs­grup­pen zwar für plau­si­bel. Ge­ne­rell sei­en sol­che Wer­te aber sehr schwer zu er­mit­teln – vor al­lem, weil die Sterb­lich­keit von vie­len Ein­fluss­fak­to­ren ab­hän­ge, die sich mit der Zeit ver­än­dern könn­ten. Da­zu zäh­len ne­ben dem Ge­sund­heits­sys­tem et­wa die the­ra­peu­ti­schen Mög­lich­kei­ten und auch Ei­gen­schaf­ten des Er­re­gers selbst.

„Sol­che Wer­te sind im­mer un­scharf“, be­tont Brock­mann und nennt ein Bei­spiel. „Wür­den sich nur Kin­der mit Sars-CoV-2 in­fi­zie­ren, wür­de der Wert ra­pi­de fal­len.“Auch der Ver­gleich der Zah­len von Covid-19 und In­flu­en­za sei pro­ble­ma­tisch, be­tont der Ex­per­te, der auch am RKI forscht. Wäh­rend Covid-19-To­te ge­mel­det wür­den, wer­de die Zahl der Grip­pe-Op­fer an­hand der Übersterb­lich­keit hoch­ge­rech­net und sei so­mit sehr viel un­ge­nau­er. Wal­ter Wil­lems

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