Hand aufs Herz

Oft wis­sen wir ganz ge­nau, was wir tun wol­len, fin­den aber im­mer wie­der Grün­de, war­um es nicht geht: Kei­ne Zeit, kein Geld, nicht gut ge­nug. Wie ist es mög­lich ist, trotz die­ser Grün­de dem ei­ge­nen Weg zu fol­gen? Ein Er­fah­rungs­be­richt.

Auszeit - - INHALT - SA­B­RI­NA GUNDERT

Her­zens­we­ge # Mein Weg zur Acht­sam­keit Fra­gen an mich # Ich bast­le mich selbst

Es war je­ner Mo­ment in ei­nem For­schungs­in­sti­tut, in dem ich ein drei­mo­na­ti­ges Prak­ti­kum mach­te und so deut­lich spür­te: Das ist es nicht. Da­bei hat­te ich mir al­les so ge­nau aus­ge­malt: Erst das Stu­di­um, dann der Dok­tor­ti­tel, an­schlie­ßend die fes­te Stel­le in ei­nem For­schungs­in­sti­tut. Al­les hat­te so per­fekt ge­wirkt, so ab­so­lut stim­mig – bis zu je­nem Mo­ment, in dem ich mit­ten­drin war und merk­te: Das ist es nicht.

Da­mals stand ich ge­ra­de auf der Schwel­le zwi­schen Ba­che­lor- und Mas­ter­stu­di­um, hat­te mir ein hal­bes Jahr Zeit ge­nom­men für Prak­ti­ka und Aus­lands­auf­ent­hal­te, ehe ich mit dem Mas­ter­stu­di­um star­ten woll­te. Ich hat­te Geo­gra­phie stu­diert und stu­di­en­be­glei­tend die Aus­bil­dung zur Jour­na­lis­tin ge­macht. Ei­gent­lich hat­te ich im­mer schrei­ben wol­len, doch in mir war ein lau­tes „Ich will nie­mals selb­stän­dig tä­tig sein!“, so dass ich mich statt für den Weg als freie Jour­na­lis­tin schließ­lich für die Si­cher­heit und ei­ne fes­te Stel­le in der Geo­gra­phie ent­schie­den hat­te.

Was tue ich hier?

Und jetzt saß ich hier, in mei­nem Prak­ti­kum an dem Ort, an dem ich spä­ter un­be­dingt hat­te ar­bei­ten wol­len und sah Kol­le­gen fei­ern, wenn sie ge­kün­digt wur­den und mei­ne täg­li­che Ar­beit in meh­re­re hun­dert Sei­ten lan­gen Be­rich­ten ver­schwin­den – Be­rich­te, die, wie man mir sag­te, ex­tra so ge­schrie­ben wa­ren, dass sie kein nor­ma­ler Mensch ver­stand.

Ich hat­te ge­dacht, hier et­was bei­tra­gen zu kön­nen – mit mei­nem Wis­sen, mei­nem Kön­nen. Hat­te mir vor­ge­stellt, je­den Tag nach drau­ßen zu ge­hen, zu for­schen, die Welt zu ver­än­dern, mich ein­zu­brin­gen. Jetzt hier, zwi­schen me­ter­ho­hen Ak­ten in ei­nem Bü­ro­haus, das frü­her mal ei­ne Ka­ser­ne ge­we­sen war, frag­te ich mich, was ich hier ei­gent­lich tat. Da­bei hat­te ich wirk­lich ge­dacht, an die­sem Ort glück­lich zu sein. Wie hat­te ich mich so ir­ren kön­nen?

War es nicht die Si­cher­heit, die ich ge­wollt hat­te? War­um war ich trotz­dem nicht zu­frie­den? Soll­te ich mich nicht mit dem, was ich hat­te, zu­frie­den ge­ben und die Su­che nach ei­ner Ar­beit mit Sinn, die sich in je­ner Zeit so stark auf­dräng­te, ein­fach ab­schrei­ben? In je­nem Mo­ment, in dem mei­ne ge­sam­te bis­he­ri­ge Pla­nung zu­sam­men­brach, spür­te ich ganz deut­lich: Mein Weg geht wo­an­ders wei­ter. Ich will et­was an­de­res tun. Auch, wenn ich kei­ne Ah­nung hat­te, was ge­nau das sein und wie es aus­se­hen konn­te.

Erst viel spä­ter soll­ten mir zwei Din­ge klar wer­den: Ers­tens, dass sich die Sehn­sucht nach ei­nem Platz, an dem ich mich wohl­fühl­te und ei­ner Ar­beit, die Sinn für mich mach­te, nicht so ein­fach ver­drän­gen lie­ßen. Und zwei­tens, dass ich mich in ei­nem Le­bens­ent­wurf be­weg­te, der nicht der mei­ne war.

Die Bil­der der an­de­ren

Ganz selbst­ver­ständ­lich hat­te ich bis zu je­nem Mo­ment vor sie­ben Jah­ren ge­dacht, ich woll­te all das: Ba­che­lor- und Mas­ter­stu­di­um, Dok­tor­ti­tel – viel­leicht so­gar noch ei­ne Pro­fes­sur. Hat­te ge­dacht mit ei­ner si­che­ren Stel­le, der Aus­sicht auf Mann, zwei Kin­der und das Häu­schen im Grü­nen das Glück zu fin­den, nach­dem auch ich auf der Su­che war. Denn in dem Bild, dass die Men­schen um mich her­um von ei­nem glück­li­chen Le­ben ent­wor­fen hat­ten, wa­ren dies die ent­schei­den­den Ele­men­te.

Erst nach und nach be­gann ich zu

Da­bei hat­te ich wirk­lich ge­dacht, an die­sem Ort glück­lich zu sein. Wie hat­te ich mich so ir­ren kön­nen?

er­ken­nen: Das sind gar nicht mei­ne Bil­der. Das ist gar nicht das, was mich er­füllt. Bei der Su­che, die sich an die Zeit im For­schungs­in­sti­tut an­schloss – Aus­zei­ten in der Na­tur, in Me­di­ta­ti­ons­zen­tren, wei­te­re Prak­ti­ka und Aus­lands­auf­ent­hal­te – wur­de viel­mehr ganz deut­lich: Ich woll­te nicht wei­ter­stu­die­ren und sah mich auch nicht in ei­ner fes­ten An­stel­lung.

Sät­ze, die prä­gen

Heu­te, aus der Rück­schau, se­he ich, wie sehr ich da­mals in mei­nen Ent­schei­dun­gen ge­prägt war von den Bil­dern und Sät­zen, mit de­nen ich auf­ge­wach­sen bin. Da­von, was in ei­nem Le­ben drin sein muss, da­mit es ei­nen glück­lich macht. Und da­von, was im Le­ben wich­tig ist, was funk­tio­niert und was nicht.

Sät­ze, wie: Mach ei­ne an­stän­di­ge Aus­bil­dung. Haupt­sa­che, du hast ei­ne si­che­re Stel­le. Sei zu­frie­den mit dem, was du hast. Das kann doch nicht gut ge­hen. Du wirst be­stimmt schei­tern. Bleib mal auf dem Bo­den. Sät­ze, die mir – und uns al­len – von den Men­schen um uns mit auf den Weg ge­ge­ben wur­den. Sät­ze, die uns ver­meint­lich Si­cher­heit bie­ten soll­ten – uns als Er­wach­se­ne je­doch vor al­lem läh­men.

Denn sie hin­dern uns dar­an, über­haupt zu be­gin­nen. Ja, über­haupt erst ein­mal den Raum in uns so zu wei­ten, dass wir die Mög­lich­kei­ten wie­der se­hen, die al­le da sind. In mei­nem Fall: Dass es noch an­de­re We­ge ge­ben konn­te, schrei­bend tä­tig zu sein als nur den, als freie Jour­na­lis­tin zu ar­bei­ten. Dass Ar­beit glei­cher­ma­ßen Spaß ma­chen, sinn­voll sein und Geld ein­brin­gen konn­te. Dass es an­de­re Wer­te wa­ren, die mir wich­tig wa­ren und die ich le­ben woll­te, als die, die für die Men­schen um mich her­um we­sent­lich wa­ren.

Mut ha­ben

Bei die­sem Rück­blick auf mei­nen Weg, muss ich zu­gleich an ei­ne 51-jäh­ri­ge Frau den­ken, mit der ich vor ei­ni­ger Zeit ein te­le­fo­ni­sches Vor­ge­spräch für ein Coa­ching hat­te. Sie, die mir er­zähl­te, dass sie sich so ger­ne mit ih­rer Ge­sund­heits­pra­xis selb­stän­dig ma­chen woll­te. Da­bei sah sie al­les schon ge­nau vor sich, spür­te die in­ne­re Freu­de – und wag­te den Schritt doch nicht. Es war nicht so, dass sie das Ein­kom­men aus der Pra­xis zum Le­ben ge­braucht hät­te. Nicht so, dass ir­gend­et­was Schlim­mes pas­siert wä­re, wenn sie ih­ren si­che­ren Job in der Ver­wal­tung, der sie kör­per­lich krank und in­ner­lich leer mach­te, auf­ge­ge­ben hät­te.

Doch je­weils kurz nach­dem sie die in­ne­re Freu­de über ih­re Pra­xis ge­spürt hat­te, tauch­ten stets all die Bil­der und läh­men­den Sät­ze auf, war­um ih­re Pra­xis nie­mals lau­fen wür­de: Sie war zu alt. Für solch ei­nen Schritt nicht mu­tig ge­nug. Wür­de oh­ne­hin schei­tern. Und als ar­beits­lo­se Über-50-Jäh­ri­ge en­den. Kurz nach un­se­rem Vor­ge­spräch schrieb sie mir ei­ne E-Mail und teil­te mir mit, dass sie das mit der Pra­xis doch erst ein­mal las­sen woll­te und in der Ver­wal­tung blei­ben wür­de.

Ih­re Ge­schich­te – mit all der Freu­de und Sehn­sucht, eben­so wie mit all den Ängs­ten und Zwei­feln – kann ich zu­tiefst mit­emp­fin­den. Ich ken­ne von mir, von mei­nem Weg und mei­ner Si­tua­ti­on da­mals, je­ne en­ge Sicht in mir, die es mir ver­un­mög­lich­te, die Din­ge und Mög­lich­kei­ten zu se­hen, wie sie wirk­lich wa­ren.

Wie will ich le­ben?

Zu­gleich bin ich heu­te über­zeugt, dass meist so viel mehr mög­lich ist,

Zu­gleich bin ich heu­te über­zeugt, dass meist so viel mehr mög­lich ist, als wir zu­nächst den­ken.

als wir zu­nächst den­ken. Manch­mal er­ken­nen wir es ein­zig des­halb nicht, weil es nicht in un­se­rem Welt­bild vor­kommt. Weil wir uns all die Mög­lich­kei­ten, die ei­gent­lich noch mög­lich wä­ren, gar nicht vor­stel­len kön­nen. Weil wir je­ne Sät­ze und Grün­de, war­um et­was nicht geht, für so re­al hal­ten, dass sie ei­ne Kraft und Macht be­kom­men, die uns zu­tiefst lähmt.

Uns die­se Sät­ze, die da in uns wir­ken, be­wusst zu ma­chen, lässt uns ei­ne ge­sun­de, wich­ti­ge Dis­tanz zu ih­nen ge­win­nen. Denn so er­fah­ren wir: Ich bin nicht die­se Sät­ze.

Und wir kön­nen uns fra­gen: Ent­spre­chen die­se Sät­ze wirk­lich mir? Dem, wie ich le­ben und mein Le­ben gestal­ten will? Tun sie mir gut? Und will ich sie mit­neh­men auf mei­nen wei­te­ren Weg?

Frei­heit zu­rück­ge­win­nen

Das ha­be ich mich da­mals, vor sie­ben Jah­ren, auch ge­fragt. Und or­dent­lich aus­ge­mis­tet. Seit­dem ist vie­les leich­ter ge­wor­den. Mein Blick hat sich ge­wei­tet. Die Mög­lich­kei­ten sind mög­li­cher ge­wor­den. Na­tür­lich gibt es heu­te noch Zei­ten, wo ich wie­der in sol­chen Sät­zen fest­ste­cke. Wo ich er­neut in ei­ne Läh­mung rein­kom­me. Doch mir ist heu­te be­wusst, dass ich nicht je­ne Sät­ze bin und ich weiß, was ich tun kann, wenn sie auf­tau­chen (sie­he Kas­ten).

Das macht ei­nen enor­men Un­ter­schied. Schenkt mir in­ne­re wie äu­ße­re Frei­heit. Bringt mich zu­rück in mei­ne Hand­lungs­mög­lich­keit. Und lässt auf ein­mal das Le­ben mög­lich wer­den, von dem ich nie­mals ge­dacht hät­te, dass es mög­lich sein könn­te. <

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