Stil­le, die sehr laut sein kann

Ei­ne be­wuss­te Stil­le in ei­ner Be­zie­hung kann har­mo­nisch und ent­span­nend wir­ken. Doch wer­den in die Stil­le Ver­mu­tun­gen hin­ein in­ter­pre­tiert, dann kann aus ei­ner an­ge­neh­men Stil­le schnell ei­ne Be­zie­hun­gen zer­stö­ren­de Sprach­lo­sig­keit wer­den.

Auszeit - - DOSSIER - AN­NA BER­GER

Schon im Mut­ter­leib trai­nie­ren wir das Hö­ren, und wenn wir ge­sund ge­bo­ren wer­den, ver­fei­nern wir un­ser Hör­ver­mö­gen und wir ler­nen das Spre­chen und das Kom­mu­ni­zie­ren. Wir wer­den mit den un­ter­schied­lichs­ten Ge­räu­schen des Le­bens um uns her­um ver­traut ge­macht. Tö­ne al­ler Art und der Klang der mensch­li­chen Spra­che ge­hö­ren fest zu un­se­rem Le­ben. Und wir ler­nen auch über die Mi­mik des an­de­ren, non­ver­ba­le Äu­ße­run­gen zu er­ken­nen. Nicht im­mer je­doch sind un­se­re Deu­tun­gen ei­ner still­schwei­gen­den Kom­mu­ni­ka­ti­on rich­tig.

Stum­me Schreie

Bea kam zu mir, weil die plötz­li­che Stil­le in ih­rer Be­zie­hung sie schwer be­las­te­te und sie fürch­te­te, ir­gend­et­was stimm­te nicht mehr zwi­schen ihr und ih­rem Part­ner Pe­ter. Beim re­cher­chie­ren nach Mög­lich­kei­ten, die Schweig­sam­keit in ih­rer Be­zie­hung zu be­en­den, hat­te sie auf mei­ner Web­site den Spruch: „Das Schlimms­te zwi­schen zwei Men­schen sind un­aus­ge­spro­che­ne Wor­te und nicht aus­ge­leb­te Ge­füh­le“ge­fun­den. Nun stand sie vor mir und er­zähl­te von sich und von Pe­ter und von den Din­gen, die nie wirk­lich ge­sagt wur­den. Ih­re Ge­füh­le über­roll­ten sie da­bei, als sie mir er­klär­te: „Meine stum­men Schreie hall­ten un­ge­hört in sei­nen Oh­ren. Und sein Schwei­gen leg­te sich wie ein eis­kal­ter Um­hang um mich. Die vie­len un­aus­ge­spro­che­nen Wor­te set­zen sich fest in mei­nem Her­zen. Sie brann­ten mei­ner See­le die Flü­gel weg. Meine Ge­dan­ken ver­hed­der­ten sich zu ei­nem Ge­wirr ton­lo­ser Stim­men, die ge­sagt wer­den woll­ten, die so ger­ne die rich­ti­gen Wor­te ge­fun­den hät­ten, um das Wort, wel­ches völ­lig un­über­legt ge­sagt war, zu­rück zu ho­len“. Es spru­del­te aus ihr her­aus und sie wirk­te für mich in die­sem Au­gen­blick wie ein Was­ser­fall, der über Mo­na­te an­ge­staut wor­den war. Der Spruch auf mei­ner Web­site traf wirk­lich ziem­lich genau ih­re Si­tu-

ati­on. Hil­fe­su­chend frag­te sie mich um Rat, wie sie die­se„viel­sa­gen­de Wort­lo­sig­keit“be­en­den konn­te.

Ich bat sie, mir ih­re Si­tua­ti­on noch et­was ge­nau­er zu schil­dern und mir auch von den An­fän­gen ih­rer Be­zie­hung zu be­rich­ten. Es war Lie­be auf den ers­ten Blick, al­les pass­te und das Le­ben der Bei­den ver­lief ge­rad­li­nig, glück­lich und aus­ge­spro­chen er­folg­reich. Vor ein paar Mo­na­ten be­merk­te Bea dann ei­ne un­ge­wöhn­li­che Stil­le im ge­sam­ten Haus. Das Ra­dio blieb aus. Der Fern­se­her lief nur noch sel­ten. Bei­de zo­gen sich im­mer öf­ters zu­rück und es ent­stand ein schmerz­haf­tes Schwei­gen zwi­schen ih­nen. Sie wa­ren nun fast 15 Jah­re ein Paar, hat­ten aber nie ge­hei­ra­tet. Kin­der hat­ten sie kei­ne.

Schrei­be es auf!

Ich las Bea ein Zi­tat ei­nes un­be­kann­ten Ver­fas­sers vor: „Manch­mal suchst du so hart nach Wor­ten, nach ei­ner Mög­lich­keit, die Spra­che des Her­zens und die un­aus­ge­spro­che­nen Bin­dun­gen zu in­ter­pre­tie­ren, die du fühlst. Aber am En­de bleibt dir nichts als Stil­le und du hoffst, dass es nicht stimmt.“Und dann gab ich ihr zehn Mi­nu­ten Zeit und ei­ne Auf­ga­be. Sie soll­te al­les, was ihr zum The­ma Ge­dan­ken, Spra­che und Wor­te ein­fiel, wahl­los auf ein gro­ßes Blatt schrei­ben. Nach genau zehn Mi­nu­ten gab ich ihr noch­mals 60 Se­kun­den Zeit, oh­ne dar­über nach­zu­den­ken, drei der Aus­sa­gen mit ei­ner Far­be zu un­ter­strei­chen. Ein von ihr mar­kier­ter Satz fiel mir be­son­ders ins Au­ge: „Ge­dan­ken sind still, aber nicht wort­los und sie sind all­ge­gen­wär­tig.“Es war span­nend, Bea zu be­ob­ach­ten, wie sie ih­re so­eben no­tier­ten Wor­te und Sät­ze über­dach­te. Ich bat sie, zu Hau­se in Ru­he ih­re Ge­dan­ken zum The­ma Stil­le ex­pres­siv auf­zu­schrei­ben.

Ge­mein­sam re­den

Zum zwei­ten Ter­min er­schien Bea nicht mehr al­lei­ne. Pe­ter war mit­ge­kom­men. Wort­los leg­te Bea mir das Er­geb­nis ih­rer Schreib­auf­ga­be auf den Tisch. Es stand nur ein Satz auf dem Blatt. „Un­aus­ge­spro­che­ne Wor­te sind Ge­dan­ken, die still sind, aber in uns wir­ken.“Pe­ter war mit­ge­kom­men, weil Bea ih­ren Spruch an den Kühl­schrank ge­hef­tet und Pe­ter ihn ge­le­sen hat­te. Er hat­te sie ge­fragt, was die­ses Zi­tat be­deu­tet. Und Bea hat­te ihm ge­ant­wor­tet, wir den­ken zu­viel und re­den zu we­nig. Dann hat­te sie ihm von ih­rer ers­ten Be­ra­tungs­stun­de bei mir er­zählt und Pe­ter hat­te sich be­reit er­klärt mit­zu­kom­men, denn auch er hat­te die­se er­drü­cken­de Stil­le im Haus be­merkt und sich aus die­sem Grund zu­rück­ge­zo­gen. Bei­den war schon jetzt klar, Aus­lö­ser war Beas ge­dan­ken­los aus­ge­spro­che­ner Wunsch nach Ve­rän­de­rung. Doch ehe es da­zu kam,

Meine stum­men Schreie hall­ten un­ge­hört in sei­nen Oh­ren. Und sein Schwei­gen leg­te sich wie ein eis­kal­ter Um­hang um mich.

dass bei­de rea­lis­tisch und of­fen über Beas Wunsch nach Ve­rän­de­rung spra­chen, ver­gin­gen ei­ni­ge Wo­chen. Ge­mein­sam er­ar­bei­te­ten wir in der zwei­ten Be­ra­tungs­stun­de ei­nen Weg, um aus dem un­ge­woll­ten Schwei­gen aus­zu­bre­chen und die Stil­le im Haus zu ver­trei­ben. Bea und Pe­ter woll­ten es ge­mein­sam än­dern, sie wa­ren be­reit, ih­re Ge­dan­ken wie­der mehr aus­zu­spre­chen.

Von der Last be­frei­en

Bei­de ha­ben durch das ex­pres­si­ve Schrei­ben ver­stan­den, dass ih­re un­aus­ge­spro­che­nen Wor­te am

En­de wie Pech an ih­nen haf­te­ten und vie­le schö­ne und für Bea und Pe­ter an­ge­neh­me Wün­sche still­schwei­gend in der Tie­fe un­ge­sag­ter Wor­te ver­schwan­den. Durch das Schrei­ben ha­ben sie ei­nen Weg ge­fun­den, wie­der aus­rei­chend gut zu kom­mu­ni­zie­ren. Über die Wor­te und klei­nen Tex­te, die durch die Auf­ga­ben ent­ste­hen, hat das Paar die Mög­lich­keit, Ge­füh­le kla­rer aus­zu­drü­cken und Wün­sche, die aus­ge­spro­chen viel­leicht sehr schwer fal­len wür­den, als klei­ne und nett ge­schrie­be­ne Bot­schaft zu ver­pa­cken. Ge­ra­de nach vie­len Jah­ren des Zu­sam­men­le­bens kön­nen un­aus­ge­spro­che­ne Wor­te ei­ne be­droh­li­che Stil­le her­vor­ru­fen. Wir mei­nen, den Part­ner genau zu ken­nen und deu­ten in sein Schwei­gen un­se­re Ge­dan­ken hin­ein. Schwei­gen kann vie­les zer­stö­ren, es kann sich wie ein Ge­flecht durch die Ta­ge zie­hen und das Le­ben ein­engen.

Am An­fang fal­len stum­me Äu­ße­run­gen in ei­ner Part­ner­schaft kaum auf. Nimmt die stil­le Kom­mu­ni­ka­ti­on in ei­ner Be­zie­hung je­doch zu­viel Raum ein, so kann sie sich schnell zu ei­ner ge­fähr­li­chen Spi­ra­le der Wort­lo­sig­keit ent­wi­ckeln. Am En­de wuss­ten Bea und Pe­ter, das Schlimms­te zwi­schen zwei Men­schen kann die Stil­le oder ein nicht be­nann­tes Ge­fühl sein. Doch auch Wor­te, die un­über­legt oder im Zorn aus­ge­spro­chen wer­den, kön­nen uns tref­fen und ver­let­zen. Un­aus­ge­spro­che­ne Wor­te be­herr­schen uns, be­las­ten uns und be­ein­flus­sen un­ser Han­deln. Nicht im­mer spre­chen wir un­se­re Ge­dan­ken aus. Und wir fin­den auch nicht im­mer die rich­ti­gen Wor­te. Da­bei ist es ziem­lich sim­pel, denn lie­be­voll ge­mein­te Wor­te las­sen tie­fe Zu­nei­gung er­wach­sen. Men­schen, die sich gut ver­ste­hen, bli­cken sich oft nur kurz an und wis­sen genau, was der an­de­re denkt. Oft reicht ein Schmun­zeln, ein Blick in ei­ne be­stimm­te Rich­tung und schon sind sie sich ei­nig. An­ge­nehm stil­le Zei­ten und Zei­ten des Re­dens. Bei­des ist wich­tig im täg­li­chen Mit­ein­an­der. <

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