Fas­zi­na­ti­on Wüs­te

Ka­me­le, Oa­sen und ganz viel Sand – das sind meist die ers­ten Din­ge, die uns zur Wüs­te ein­fal­len. Doch wer sich wirk­lich in die san­di­gen Lan­de vor­wagt, wird dort mehr fin­den: Er wird sei­ne ei­ge­nen Gren­zen ken­nen­ler­nen, geis­tig und kör­per­lich.

Auszeit - - INHALT - FRANCES SCHLESIER

# Ei­ne Be­geg­nung mit dem Ex­tre­men

Sa­ha­ra-Som­mer – wenn die Me­teo­ro­lo­gen die­ses Phä­no­men an­kün­di­gen, kom­men wir in­ner­lich di­rekt ins Schwit­zen. Denn er ver­spricht hei­ße und tro­cke­ne Ta­ge, an de­nen uns die Son­ne ge­fühlt schon zwei Me­ter nach der Haus­tür die Haut ver­brennt. Doch was wir be­reits als tro­pi­sche Hit­ze emp­fin­den, ge­hört an dem Ort, der dem Sa­ha­ra-Som­mer sei­nen Na­men gibt, zu ei­nem voll­kom­men durch­schnitt­li­chen Tag. Tem­pe­ra­tu­ren um die 40 Grad Cel­si­us er­rei­chen wir – glück­li­cher­wei­se – nur in der Spit­ze, in der Wüs­te sind sie da­ge­gen ganz nor­mal.

Dem Ex­tre­men ganz nah

Wer die Wüs­te ein­mal mit ei­ge­nen Au­gen se­hen will, muss sich auf ei­ne Be­geg­nung mit dem Ex­tre­men ein­stel­len. Denn so wie das ewi­ge

Eis im fer­nen Grön­land bringt auch die­se Welt aus Sand den Mensch an sei­ne Gren­zen. Kör­per­lich und geis­tig. Ganz ent­ge­gen sei­ner Ge­wohn­heit ist er hier nicht das all­mäch­ti­ge Säu­ge­tier, dass sich die Na­tur un­ter­tan ma­chen kann wie es ihm be­liebt. Dem Sand sei­nen Wil­len auf­zwin­gen zu wol­len, ist ein mü­ßi­ges Un­ter­fan­gen. Viel­mehr gibt hier Mut­ter Na­tur den Weg vor, ist es doch auch für sie noch ei­ner der we­ni­gen Or­te auf der Welt, an dem sie sich na­he­zu un­ge­stört ent­fal­ten kann. Für den Mensch, der sich in die­ses Re­fu­gi­um vor­wagt, bleibt da­bei nur, sich dem de­mü­tig zu un­ter­wer­fen, zu stau­nen und zu ak­zep­tie­ren, dass dort an­de­re Re­geln gel­ten als in der vom Mensch do­mi­nier­ten Zi­vi­li­sa­ti­on.

Das tro­cke­ne Meer

Die Sa­ha­ra ist die größ­te Tro­cken­wüs­te der Er­de. Mit über neun Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­tern Flä­che um­fasst sie ge­nau­so viel Land wie die USA. Doch ob­wohl die Wüs­te so groß ist, bie­tet sie nur sehr we­ni­gen Ge­schöp­fen ei­nen Le­bens­raum. Denn mit dem ex­tre­men Kli­ma der Wüs­te kom­men nur we­ni­ge zu­recht. 40 Grad Cel­si­us ge­hö­ren dort zu ei­nem Durch­schnitts­tag. In der Spit­ze steigt der Wert im Som­mer auf bis zu 60 Grad Cel­si­us an – her­kömm­li­che Ther­mo­me­ter zei­gen sol­che Wer­te schon gar nicht mehr an. So heiß die Ta­ge, so kühl die

Näch­te: Um bis zu 30 Grad Cel­si­us kann die Tem­pe­ra­tur in der Nacht ab­fal­len. Der Mensch ist zwar recht an­pas­sungs­fä­hig, doch sol­che Schwan­kun­gen ge­hen auch an uns nicht spur­los vor­bei. Im Klei­nen spü­ren wir das auch in un­se­ren

Brei­ten­gra­den. Springt das Ther­mo­me­ter von ei­nem Tag auf den an­de­ren ein deut­li­ches Stück nach oben oder un­ten kla­gen vie­le Men­schen über Kreis­lauf­pro­ble­me und Kopf­schmer­zen. So schnell konn­te sich der Kör­per nicht um­stel­len. Wie mag das dann erst in der Wüs­te sein, wo sich sol­che Sprün­ge al­le zwölf St­un­den voll­zie­hen?

Rei­sen­den, die ei­nen Be­such in den san­di­gen Lan­den pla­nen, wird in der Re­gel na­he­ge­legt, dies in den ganz frü­hen Mor­gen­stun­den zu tun, wenn noch die „Küh­le“der Nacht über den Dü­nen liegt. Was man dann zu se­hen be­kommt, ist über­wäl­ti­gend: Ein Meer aus Sand, auf­ge­türmt in ei­ner schein­bar will­kür­li­chen For­ma­ti­on von Hü­geln und Tä­lern, das sanf­te Wel­len­mus­ter auf den Hän­gen, die zei­gen, wie der Wind den Sand um­her­ge­trie­ben hat.

Nichts bleibt be­ste­hen

Es ist ei­ne sehr sanf­te Pin­sel­füh­rung, die Mut­ter Na­tur für ihr Werk ge­wählt hat. Es gibt kei­ne Ecken und Kan­ten. Die Dü­nen fol­gen ge­schmei­dig je­dem Rich­tungs­wech­sel, fal­len plötz­lich ab, nur um sich kur­ze Zeit spä­ter wie­der me­ter­hoch auf­zu­tür­men. Die Wüs­te ist in stän­di­ger Be­we­gung. Wo sich heu­te noch ein tie­fes Tal durch ei­ne Schlucht zieht, kann in we­ni­gen Ta­gen be­reits ei­ne fla­che Ebe­ne ent­stan­den sein. Kein Wun­der al­so, dass man schnell die Ori­en­tie­rung ver­liert, wenn man sich wei­ter in die­se fast schon ver­wun­sche­ne Welt vor­wagt, die doch so gleich­för­mig und Mi­nu­ten spä­ter wie­der ganz an­ders aus­se­hen kann. Fix­punk­te gibt es kaum. Zwar fin­den sich in der Wüs­te ne­ben

Sand auch Ge­röll und St­ein- bzw. Fels­for­ma­tio­nen, doch die­se kön­nen in ei­nem Sand­sturm auch schon­mal

un­ter den zahl­lo­sen klei­nen Körn­chen ver­schwin­den. Das tro­cke­ne Kli­ma macht es auch für die al­ler­meis­ten Pflan­zen un­mög­lich, fern­ab ei­ner der nur spär­lich ge­sä­ten Oa­sen zu über­le­ben. Kak­te­en oder auch be­son­ders tief wur­zeln­de Bäu­me wie Aka­zi­en sind da­zu in der La­ge, doch auch sie brau­chen bei al­ler Wi­der­stands­fä­hig­keit ir­gend­wann Was­ser. Bei so viel Ver­gäng­lich­keit fühlt man sich als Mensch zwangs­läu­fig ganz klein, bräuch­te es doch nur ei­nen Wink von Mut­ter Na­tur und auch wir könn­ten von den Sand­mas­sen ver­schluckt wer­den, völ­lig laut­los.

Oh­ne Wor­te

Hat man ei­nen Dü­nen­kamm be­stie­gen und blickt sich um, wird ei­nem noch et­was ganz an­de­res be­wusst: die Stil­le. In der Wüs­te gibt es kei­nen Ver­kehr, kei­ne hek­ti­schen In­nen­städ­te und sieht man von di­ver­sen Rei­se­grup­pen ab auch kei­nen von Men­schen er­zeug­ten Lärm. Und selbst wer in ei­ner sol­chen Ge­mein­schaft un­ter­wegs ist, muss sich nur ein we­nig von die­ser ent­fer­nen, um sich der Fas­zi­na­ti­on der Wüs­te er­ge­ben zu kön­nen. Sie be­sticht durch Ele­ganz, An­mut und Er­ha­ben­heit, durch ei­ne un­nach­ahm­li­che For­men­spra­che und ih­re schlich­te Wür­de. Sie braucht kei­ne bun­ten Far­ben und kei­ne Wor­te. Das Knir­schen des San­des un­ter den ei­ge­nen Schu­hen oder auch das sanf­te Rie­seln, wenn beim Auf­stieg der Sand un­ter un­se­ren Fü­ßen los­ge­tre­ten wird, sind die ein­zi­gen akus­ti­schen Si­gna­le, die auf uns wir­ken. Doch auch sie wer­den von uns selbst er­zeugt. Steht man still, kann man den Ein­druck ge­win­nen, in ei­nem Va­ku­um zu ste­cken, das al­le Rei­ze für un­se­re Oh­ren ab­schirmt.

Ein flüs­tern­der Sturm

Ei­ne Aus­nah­me gibt es aber doch, denn im Zu­sam­men­spiel mit der Na­tur­ge­walt des Win­des ent­fal­tet die Wüs­te ih­re gan­ze Kraft. Es ist zu­nächst oft nur ein lei­ses Flüs­tern, dass durch die Tä­ler der Dü­nen rollt. Auf ei­ne küh­le Bri­se braucht man fern­ab des Mee­res nicht hof­fen, selbst der Wind ist in der Wüs­te heiß.

Wenn der Wind auf­frischt, be­ginnt in den tro­cke­nen Lan­den ei­ne wei­te­re Met­a­mor­pho­se. Denn auch die kleins­ten Luft­zü­ge ver­mö­gen es, den Sand wei­ter­zu­tra­gen und neue Land­schaf­ten zu for­men. Für den Men­schen heißt es dann Obacht wal­ten zu las­sen und sich vor dem um­her­wir­beln­den Sand zu schüt­zen. Es ist ein se­hens­wer­tes Schau­spiel, bei dem ei­nem ein­mal mehr klar wird, an was für ei­nem un­wirt­li­chen Ort man sich be­fin­det.

Wer die Wüs­te ein­mal mit ei­ge­nen Au­gen se­hen will, muss sich auf ei­ne Be­geg­nung mit dem Ex­tre­men ein­stel­len.

Aus dem krea­ti­ven Schöp­fer­geist wird aber auch schnell ei­ne un­bän­di­ge Zer­stö­rungs­kraft, denn wird aus dem Flüs­tern ein brau­sen­der Or­kan ver­sinkt die­se ein­zig­ar­ti­ge Ku­lis­se in ei­nem Sand­sturm, der al­les über­rollt, was sei­nen Weg kreuzt. Für Mensch und Tier gilt es dann glei­cher­ma­ßen, sich in Si­cher­heit zu brin­gen, wo­bei die mäch­ti­gen Wol­ken auch vor Städ­ten oder dem Meer nicht Halt ma­chen.

Was aber bleibt, ist die Fas­zi­na­ti­on: Hat sich der Sand erst ein­mal wie­der ge­legt und ist in den Dü­nen wie­der Ru­he ein­ge­kehrt, fin­den wir ei­ne völ­lig neue Welt vor. Die Na­tur hat uns ein völ­lig neu­es Bild ge­malt, das es zu be­stau­nen gilt, bis sie ih­ren Pin­sel er­neut schwingt. <

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