Flie­gen ler­nen

# Un­se­re Kin­der wer­den groß

Auszeit - - INHALT - AN­NA BER­GER

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Kin­der wol­len sich aus­pro­bie­ren. Sie wol­len Ent­de­cker und For­scher sein. Sie ha­ben ei­nen un­bän­di­gen Drang, ihr ei­ge­nes Le­ben und die Welt zu er­kun­den und zu ver­ste­hen. Da­für brau­chen sie An­ge­bo­te. Und El­tern, die los­las­sen kön­nen.

Mei­ne Kind­heit war ge­prägt von lie­be­vol­ler Um­sor­gung und ge­dan­ken­lo­ser Frei­heit. Schon mit vier Jah­ren schlen­der­te ich träu­mend am Feld­rand ent­lang, pflück­te glück­lich die wil­des­ten Blu­men­sträu­ße und brann­te mich an Nes­seln. Die Som­mer­ta­ge ver­brach­te ich an klei­nen Bä­chen, um im Was­ser zu spie­len. Ziem­lich oft kam ich pitsch­nass nach Hau­se. Oh­ne Angst spiel­te ich fas­zi­niert mit Spin­nen und Blind­schlei­chen. Ich nasch­te Bee­ren, von de­nen ich Durch­fall be­kam. Und im Win­ter zog ich mit mei­nem Schlit­ten los, um am Hunds­hü­bel zu ro­deln und da­bei in He­cken zu knal­len. Be­geis­tert schau­te ich den Flam­men des La­ger­feu­ers beim Nach­barn zu und ver­brann­te mich beim hin­ein­le­gen klei­ner Holz­stü­cke.

Frei­räu­me

Ich durf­te Kind sein und mich frei be­we­gen. Ich pro­bier­te mich und die Welt aus. Mei­ne El­tern hat­ten kaum Zeit, sich um mich zu küm­mern. Sie wa­ren von mor­gens bis abends mit Ar­bei­ten be­schäf­tigt. Sie kon­trol­lier­ten nie die Er­zie­her, ob die­se mir auch ge­nü­gend Bil­dungs­an­ge­bo­te mach­ten. Zen­su­ren, die mir der Leh­rer gab, wur­den ak­zep­tiert. Be­kam ich Schel­te von der Nach­ba­rin, weil ich über ih­ren Zaun ge­klet­tert war, sag­te mei­ne Mut­ter stets: „Das has­te da­von“. Die­ser klei­ne Satz präg­te mich. Als jun­ge Frau frag­te ich mich spä­ter oft: „Was hast du da­von?“und hin­ter­frag­te so manch wich­ti­ge Ent­schei­dung. Mei­ne El­tern ha­ben mir Er­fah­run­gen durch los­las­sen und kind­ge­rech­te Frei­hei­ten er­mög­licht. Nach­barn und Be­kann­te mein­ten zwar oft, mei­ne Mut­ter wür­de mich ver­nach­läs­si­gen. Spä­ter be­schwer­te ich mich beim Va­ter, nicht ge­för­dert wor­den zu sein. Heu­te aber ha­be ich be­grif­fen, ich hat­te ei­ne wun­der­ba­re Kind­heit. Mei­ne Zeit wur­de nicht mit akri­bisch aus­ge­ar­bei­te­ten An­ge­bo­ten von Päd­ago­gen ge­füllt. Mei­ne El­tern lehr­ten mich mu­tig zu sein, weil sie mich nicht vor al­lem be­schütz­ten.

Sie ga­ben mir Selbst­ver­trau­en durch Aus­pro­bie­ren. Ich ha­be aus ei­ge­nen Er­fah­run­gen ge­lernt, schwie­ri­ge Si­tua­tio­nen zu meis­tern. All­er­gi­en oder Un­ver­träg­lich­kei­ten ken­ne ich nicht, weil sich mein Im­mun­sys­tem ent­wi­ckeln durf­te. Ich lern­te das Le­ben durch aus­pro­bie­ren.

Aber je­des Kind ist an­ders und viel­leicht hät­ten sich an­de­re Kin­der mit mei­nen Frei­hei­ten un­glück­lich und ein­sam ge­fühlt. Es liegt an den Er­wach­se­nen, zu er­ken­nen, wel­che Be­dürf­nis­se das Kind hat. In wel­chem Rah­men Schutz not­wen­dig - und das Los­las­sen rich­tig und sinn­voll ist. Ei­ne Mut­ter lässt ihr Kind das ers­te Mal los, wenn die Na­bel­schnur ge­trennt wird. Beim Wech­sel von der Ku­schel­zo­ne Kin­der­zim­mer in die Kin­der­krip­pe oder in den Kin­der­gar­ten sind die El­tern ein wei­te­res Mal ge­for­dert, das Kind für ein paar St­un­den am Tag los­zu­las­sen und die Ver­ant­wor­tung ab­zu­ge­ben. Den Wech­sel vom ge­schütz­ten Um­feld des Kin­der­gar­tens in die Hek­tik der

Mei­ne El­tern lehr­ten mich mu­tig zu sein, weil sie mich nicht vor al­lem be­schütz­ten. Ich lern­te das Le­ben durch aus­pro­bie­ren.

Schu­le se­hen vie­le El­tern mit Sor­ge ent­ge­gen. Vö­lig un­be­grün­det, denn Kin­der kön­nen sich gut an­pas­sen. Na­tür­lich ist es Auf­ga­be der El­tern, für den Schutz und die Ent­wick­lung der Kin­der zu sor­gen. Doch die Gren­ze zwi­schen Schutz und Ei­n­en­gung ist für ei­ni­ge El­tern nicht er­kenn­bar. In ih­rer Für­sor­ge­pflicht ge­hen sie oft auf Num­mer si­cher.

Los­las­sen ler­nen

Mit den Er­fah­run­gen mei­ner un­ge­zwun­ge­nen Kind­heit ha­be ich mein Le­ben stets gut ge­meis­tert. Auch mei­nen Töch­tern ha­be ich die Mög­lich­keit ge­schaf­fen, ih­re Er­fah­run­gen zu ma­chen. Da­bei muss­te ich oft über mei­nen Schat­ten sprin­gen, denn ei­ne gu­te Mut­ter ist stets um das Wohl ih­rer Kin­der be­sorgt. Auch, wenn das Kind schon er­wach­sen ist. Die wich­tigs­te Er­kennt­nis für mich war, ich muss bei mei­nen Kin­dern auch Ein­flüs­se durch an­de­re Men­schen zu­las­sen. Denn nur so kön­nen sie sich am En­de ei­ne ei­ge­ne Meinung bil­den. Auch mir ist nicht im­mer al­les gut ge­lun­gen. Feh­ler ge­hö­ren eben zum Le­ben da­zu. Und Er­zie­hen be­deu­tet auch, Feh­ler zu ak­zep­tie­ren. Auf bei­den Sei­ten. Wich­tig ist, sich und sein Ver­hal­ten zu über­den­ken und Ent­schei­dun­gen zu hin­ter­fra­gen.

Bei mei­nen ei­ge­nen Kin­dern wur­de mir be­wusst, je­des Kind braucht ein Fun­da­ment zum Wach­sen und Flü­gel zum Er­kun­den der Welt.

Ich ken­ne El­tern, die ha­ben ei­nen un­still­ba­ren Drang nach der ab­so­lu­ten Si­cher­heit für ihr Kind. Sie wol­len je­de Si­tua­ti­on kom­plett be­herr­schen und möch­ten im­mer „nur das Bes­te“für ihr Kind. Da­mit neh­men sie dem Kind die Mög­lich­keit, aus ei­ge­nen Er­fah­run­gen zu ler­nen, die ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten aus­zu­tes­ten und Resi­li­enz zu ent­wi­ckeln. Die­se El­tern schwe­ben stän­dig über dem

Es liegt an den Er­wach­se­nen, zu er­ken­nen, In wel­chem Rah­men Schutz not­wen­dig oder das Los­las­sen rich­tig und sinn­voll ist.

Kind und las­sen es sel­ten aus den Au­gen. Sie wol­len Re­gie füh­ren über das ge­sam­te Le­ben des Kin­des. Sie sind stets prä­sent und grei­fen da­mit in den Frei­raum des Kin­des mas­siv ein. Sie füh­len sich für je­de Tat, für je­de schlech­te Zen­sur mit­ver­ant­wort­lich. Sie er­kämp­fen dem Kind ei­nen Weg oh­ne Hin­der­nis­se und neh­men ihm da­mit die Chan­ce, Hür­den zu be­ste­hen. Aber, es sind kei­ne schlech­ten El­tern, denn sie möch­ten ih­rem Nach­wuchs ei­gent­lich die best­mög­li­chen Chan­cen im Le­ben er­öff­nen, oh­ne es Ri­si­ken aus­zu­set­zen.

Die­ses Schutz­ver­hal­ten, die­ser För­de­rungs­wahn kann auch ne­ga­tiv en­den. Spä­tes­tens im Ju­gend­al­ter bre­chen ei­ni­ge die­ser Kin­der aus.

Sie schlies­sen sich frag­wür­di­gen Grup­pen an, um dort Er­fah­run­gen nach­zu­ho­len. Man­che die­ser Kin­der blei­ben ihr Le­ben lang un­selbst­stän­dig und wer­den zu Nest­ho­ckern. In Fa­mi­li­en, in de­nen El­tern und Kin­der gut von­ein­an­der las­sen kön­nen, ha­ben al­le et­was da­von. Mann und Frau wer­den mehr Zeit und Frei­räu­me für sich und ih­re Part­ner­schaft ha­ben und die Kin­der kön­nen ihr ei­ge­nes Le­ben ent­wi­ckeln.

Der ei­ge­ne Weg

Zwei Sät­ze ste­hen bei mir an mei­ner Ein­gangs­tür: „Dis­tanz schafft Nä­he“und „Nur wer in die Welt geht, kann auch wie­der­kom­men“. Je­de Mut­ter, je­der Va­ter soll­te sich be­wusst ma­chen, spä­tes­tens wenn der Spröß­ling 18 Jah­re wird, ist er für sich selbst ver­ant­wort­lich und kann tun und las­sen, was er möch­te. Mei­ne Kind­heit be­stand aus Frei­hei­ten, die heu­te kaum noch ein Kind kennt. Mei­ne El­tern lie­ßen mich ganz frei, als ich sech­zehn war und in ei­ne frem­de Stadt in die Leh­re ging. Kei­ner wuss­te, ob und wie ich das schaf­fen wür­de. Es war nicht zu än­dern und ich hat­te die Mög­lich­keit, mich im Le­ben zu be­wäh­ren oder un­ter­zu­ge­hen. Ich über­trug un­be­wusst, die als Kind ge­lern­ten Si­tua­tio­nen auf mein ak­tu­el­les Le­ben und fand mich so­mit schnell und gut auch im Groß­stadt­dschun­gel zu­recht. Hät­ten mir mei­ne El­tern stets al­le Ver­ant­wor­tung ab­ge­nom­men, mich vor al­len Feh­lern und Ge­fah­ren be­schützt, so wä­re ich si­cher in man­cher Si­tua­ti­on un­be­hol­fen ge­we­sen. Ein­mal im Le­ben muss sich ein Kind an ei­nem klei­nen Feu­er die Fin­ger ver­bren­nen. Dann weiß es: Feu­er ist heiß und es ist bes­ser, nicht in die Flam­me zu fas­sen. <

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