JAN BRANDT – VERGESSLICHE MO­MEN­TE XXXI ICH GEH IN DIE BUNDESPRESSEKONFERENZ UND SEH’ EI­NEM SOUFFLÉ BEIM LUFTENTWEICHEN ZU

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Zum ers­ten Mal be­geg­ne­te ich ihr in Mün­chen. Es war Früh­ling, Sams­tag, der 5. April 2003. Ich war in die Stadt ge­reist, um mich an der Deut­schen Jour­na­lis­ten­schu­le zu be­wer­ben. Wir stan­den mit 50 an­de­ren im Hin­ter­hof vom Alt­hei­mer Eck Num­mer 3 und muss­ten uns in ei­nem der Un­ter­richts­räu­me den Fra­gen der Aus­wahl­kom­mis­si­on stel­len. Drei wur­den be­fragt, drei an­de­re schau­ten ih­nen da­bei zu, da­mit sie sa­hen, was kurz da­rauf auf sie selbst zu­kom­men wür­de. Me­la­nie Amann war in der Grup­pe vor mir. Sie saß in der Mit­te, trug ein dunk­les Ko­s­tüm und pa­rier­te al­le Fra­gen mit gro­ßer Sou­ve­rä­ni­tät: nach ih­rem Ju­ra­stu­di­um und ih­ren De­bat­tier­er­fah­run­gen, ih­rer Ein­stel­lung zum IrakK­rieg und zum Kopf­tuch­streit, was sie von der CDU-Vor­sit­zen­den An­ge­la Mer­kel hal­te und ob sie sich auch vor­stel­len kön­ne, vor der Ka­me­ra zu ste­hen, als Mo­de­ra­to­rin zum Bei­spiel – „Ja, aber zu­erst möch­te ich das Hand­werk ler­nen.“

Ein hal­bes Jahr spä­ter ka­men wir am sel­ben Ort wie­der zu­sam­men und lern­ten das Hand­werk. Wir wa­ren aus­ge­wählt wor­den, gin­gen mit 13 wei­te­ren Mit­schü­lern in ei­ne Klas­se, die 42A, und spra­chen am 9. Ok­to­ber im Rah­men un­se­rer ers­ten Un­ter­richts­ein­heit „In­ter­view­tech­nik“mit ei­nem Mit­glied des En­sem­bles Blin­de Mu­si­ker Mün­chen. Wir tra­fen uns mit ihm bei ihm zu Hau­se un­ten im Trep­pen­haus – er woll­te uns nicht in sei­ne Woh­nung las­sen – und zeich­ne­ten das Ge­spräch auf Ton­band auf. „Wel­ches In­stru­ment spie­len Sie?“– „Te­nor­horn.“– „War­um aus­ge­rech­net die­ses?“– „Bringt mir Spaß.“– „Ist das ex­tra auf Sie zu­ge­schnit­ten?“– „Nein.“

Am 27. Mai 2005 mach­te ich ein Prak­ti­kum bei „NEON“und Me­la­nie, die bei der „Fi­nan­ci­al Ti­mes Deutsch­land“in Ber­lin hos­pi­tier­te, kam als Ju­ry­mit­glied der Deut­schen De­bat­tier­meis­ter­schaft nach Mün­chen. Wir la­gen auf der Wie­se im Eng­li­schen Gar­ten. Ne­ben uns im Eis­bach schwam­men Jungs auf Luft­ma­trat­zen, Bier in der Hand und Chucks an den Fü­ßen, und ein paar Me­ter wei­ter stritt sich ein Pär­chen, bis der Mann ein­fach los­ging und die Frau sich zu uns um­dreh­te und sag­te: „Jetzt läuft der ein­fach so weg.“An­statt et­was da­zu zu sa­gen, frag­ten wir uns, was aus uns wer­den wür­de, ob wir jetzt, da wir nicht mehr ge­mein­sam zur Schu­le gin­gen und in ver­schie­de­nen Städ­ten leb­ten, be­freun­det blei­ben oder auch ein­fach aus­ein­an­der­ge­hen wür­den.

Aber wir blie­ben be­freun­det, er­leb­ten nach mei­ner Rück­kehr nach Ber­lin zu­fäl­lig ei­ne Fahr­rad­de­mo mit dem Grü­nen-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Hans-Chris­ti­an Strö­be­le mit, aßen im dich­ten Schnee­trei­ben in der Tor­stra­ße Fala­fel, tran­ken in der Ro­ten Bar in Frank­furt am Main Abs­inth – Me­la­nie ar­bei­te­te zu der Zeit im Wirt­schafts­res­sort der „FAZ“–, fei­er­ten mei­nen ers­ten Ro­man und ih­re ju­ris­ti­sche Dok­tor­ar­beit mit dem Ti­tel „Die Be­leg­schafts­ab­stim­mung“und mach­ten Par­tyhop­ping auf der Buch­mes­se. Im Fe­bru­ar 2016 – Me­la­nie war wie­der nach Ber­lin zu­rück­ge­kehrt, als Po­li­tik-Re­dak­teu­rin des „Spie­gel“-Haupt­stadt­bü­ros – wohn­te ich so­gar ei­nen Mo­nat lang mit ihr zu­sam­men, bis ich nach lan­ger Su­che ei­ne ei­ge­ne Woh­nung fand. In die­ser Zeit sa­hen wir uns kaum, sie war viel un­ter­wegs, stand oft vor der Ka­me­ra, nicht als Mo­de­ra­to­rin, son­dern als Gast in Talk­shows wie „Mar­kus Lanz“oder „Hart aber fair“, fuhr kreuz und quer durchs gan­ze Land und re­cher­chier­te über die AfD. Und ir­gend­wann tauch­te sie für meh­re­re Mo­na­te ab, weil sie an ei­nem Buch über die­se neue rech­te Par­tei schrieb, das schon im Früh­jahr dar­auf er­schei­nen soll­te.

Am 28. Fe­bru­ar 2017 war es so weit: Me­la­nie hat­te zur Pre­mie­re von „Angst für Deutsch­land – Die Wahr­heit über die AfD: wo sie her­kommt, wer sie führt, wo­hin sie steu­ert“ins Haus der Bundespressekonferenz am Schiff­bau­er­damm ge­la­den. Der Raum war vol­ler Jour­na­lis­ten, ein hoch­pro­fes­sio­nel­les Pu­bli­kum, das Mit­tags­licht fiel durch die gro­ßen Fens­ter im Erd­ge­schoss, und Me­la­nie be­trat mit Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er das Po­di­um. Alt­mai­er hielt ei­nen halb­stün­di­gen Vor­trag über Po­pu­lis­mus und rech­te Vor­läu­fer­par­tei­en, über die Eu­ro­päi­sche Uni­on und den Bin­nen­markt, über Na­tio­nal­staa­ten und Leit­kul­tur, Gas­t­ar­bei­ter und Flücht­lin­ge, „Be­stands­zu­wan­de­rer“, „Bi­odeut­sche“und „In­te­gra­ti­ons­gip­fel“. Er lob­te ih­re Re­cher­che­leis­tung, ih­re Fä­hig­keit, die Ver­gan­gen­heit auf­zu­ar­bei­ten und ei­ne Art Archäo­lo­gie der AfD zu be­trei­ben, zwei­fel­te aber an ih­rem pro­phe­ti­schen Ge­schick. Am An­fang ha­be sie die AfD un­ter­schätzt, jetzt über­schät­ze sie die Par­tei. Me­la­nie gab zu, sich in die­sem Punkt ge­täuscht zu ha­ben und hoff­te, sich, was die be­vor­ste­hen­de Bun­des­tags­wahl an­ge­he, wie­der zu täu­schen.

„In ge­wis­ser Wei­se er­in­nert mich die AfD an ein Soufflé, das Pro­ble­me be­kommt, so­bald es vom Back­ofen an die fri­sche Luft kommt“, sag­te Pe­ter Alt­mai­er. „Mei­ne The­se ist, die AfD hat den Back­ofen noch längst nicht ver­las­sen, aber der Back­ofen wird auch nicht mehr so ge­heizt wie frü­her.“

Die glei­che Me­ta­pher hat­te 2005 der grü­ne Au­ßen­mi­nis­ter Josch­ka Fi­scher in Be­zug auf An­ge­la Mer­kel ver­wen­det, als er mein­te, ih­re ho­hen Um­fra­ge­wer­te sei­en „ein wun­der­bar an­zu­schau­en­des Soufflé im Ofen“, das bei der Wahl zu­sam­men­fal­len wer­de, wenn der Sou­ve­rän da hin­ein­pik­se. Und da fiel mir ein, dass Me­la­nie Pe­ter Alt­mai­er in ih­rem Buch „als CDU-Mann ver­klei­de­ten Grü­nen“be­zeich­net und dass ihr ei­gent­li­ches Ta­lent dar­in be­steht, die Men­schen und de­ren un­mit­tel­ba­re Ge­gen­wart zu durch­schau­en.

Me­la­nie Amann und Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er

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