SCHOT­TI­SCHE SEL­LER­KÖ­NI­GIN

Bücher Magazin - - Erste Seite - VON CHRISTIANE VON KORFF

Die Uni­ver­si­täts­an­ge­stell­te Gail Ho­ney­man lan­de­te mit ih­rem Ro­man­de­büt ei­nen Über­ra­schungs­hit. In Glas­gow er­zähl­te sie uns, wie es da­zu kam, dass sie ih­ren Job an den Na­gel häng­te, nach­dem ihr Buch „Ich, Elea­nor Oli­phant“von 27 Ver­la­gen welt­weit ge­kauft wur­de.

Der Him­mel über Glas­gow ist perl­mutt­grau, be­vor der Wind dunk­le Wol­ken auf­türmt. Nach ei­nem Re­gen­schau­er blitzt kurz ein Son­nen­strahl auf. „Bei uns“, sagt Gail Ho­ney­man, „wech­selt das Wetter al­le zehn Mi­nu­ten. Des­halb ge­he ich nie oh­ne Schirm und Son­nen­bril­le aus dem Haus.“Wir ste­hen vor der Uni­ver­si­ty of Glas­gow, ei­ne der äl­tes­ten Uni­ver­si­tä­ten Groß­bri­tan­ni­ens. Das im­po­san­te, mit­tel­al­ter­li­che Ge­bäu­de mit sei­nen Tür­men und stei­ner­nen Tie­ren, die ma­jes­tä­tisch ei­nen Trep­pen­auf­gang be­wa­chen, er­in­nert an Schloss Hog­warts und es wür­de ei­nen nicht wun­dern, wenn gleich Har­ry Pot­ter auf sei­nem Renn­be­sen Nim­bus 2000 um die Ecke flie­gen wür­de. Hier hat die 45-jäh­ri­ge schot­ti­sche Au­to­rin fran­zö­si­sche und eng­li­sche Li­te­ra­tur stu­diert.

Ge­ra­de ist ihr De­büt­ro­man „Ich, Elea­nor Oli­phant“er­schie­nen. Die be­rüh­ren­de Ge­schich­te ei­ner Frau, die der Ein­sam­keit den Kampf an­sagt, wur­de in 27 Län­der ver­kauft und er­hielt vor­ab ful­mi­nan­te Kri­ti­ken wie von Best­sel­ler­au­to­rin Jo­jo Moyes, die den Ro­man als ei­ne „ein­zig­ar­ti­ge li­te­ra­ri­sche Schöp­fung – wit­zig, be­we­gend un­vor­her­seh­bar“lobt.

Den Wunsch, zu schrei­ben, hat­te sie schon im­mer ge­hegt. „Aber“, sagt Ho­ney­man, „das Stu­di­um der Li­te­ra­tur hat mich ein­ge­schüch­tert. Es gibt so vie­le gu­te Bü­cher. Ich las ‚Ma­dame Bo­va­ry‘ und dach­te, es gibt doch schon den per­fek­ten Ro­man. Was soll ich da noch schrei­ben?“Elf Jah­re ar­bei­te­te sie im öf­fent­li­chen Di­enst in der Be­hör­de für Wirt­schafts­för­de­rung, dann wech­sel­te sie in die Ver­wal­tung der Uni­ver­si­tät von Glas­gow. Es war ihr 40. Ge­burts­tag, der sie zum Nach­den­ken brach­te. „Es war wie ein Weck­ruf, ich sag­te mir, jetzt oder nie. Wenn ich jetzt nicht mit dem Schrei­ben be­gin­ne, dann wer­de ich es be­reu­en.“

VOM SCHREIBKURS DI­REKT ZUM LI­TE­RA­TUR­PREIS

In der Zei­tung hat­te sie ei­ne An­non­ce ei­nes Crea­ti­ve Wri­ting Cour­ses, ei­nem krea­ti­ven Schreibkurs, der re­nom­mier­ten Fa­ber Aca­de­my ent­deckt. Zehn an­ge­hen­de Au­to­ren schrie­ben Tex­te, und tausch­ten sich über das Ge­schrie­be­ne aus. „Es ist“, sagt Ho­ney­man „sehr hilf­reich, nicht im luft­lee­ren Raum zu schrei­ben, son­dern Feed­back zu be­kom­men. So ha­ben wir den Stil un­se­rer Ge­schich­ten und auch die Cha­rak- te­re dis­ku­tiert und uns Fra­gen ge­stellt: Ist es über­zeu­gend, dass die Fi­gur die­se Ent­wick­lung macht? Läuft die Ge­schich­te und war­um ist sie an die­ser Stel­le holp­rig? Un­se­re Ge­sprä­che wa­ren kon­struk­tiv, wir ha­ben uns ge­gen­sei­tig er­mu­tigt, aber auch kor­ri­giert.“Neun Mo­na­te dau­er­te der Kurs, Gail Ho­ney­man schrieb Kurz­ge­schich­ten und reich­te sie bei Wett­be­wer­ben ein. Es zeig­te sich, dass sie Ta­lent hat, denn sie er­hielt auf An­hieb Li­te­ra­tur­prei­se, wie den Scot­tish Book Trust Award oder den BBC Ope­ning Li­nes Preis. Die Aus­zeich­nun­gen er­mu­tig­ten sie, sich an ei­nen Ro­man zu wa­gen. „Ich woll­te aus­pro­bie­ren, ob ich auch ei­ne lan­ge Stre­cke über meh­re­re 100 Sei­ten schaf­fe.“Be­vor sie mit dem Schrei­ben be­gann, hat­te Ho­ney­man kei­nen Plot ent­wi­ckelt, son­dern nur ih­re Haupt­fi­gur vor Au­gen. „Ich fand es span­nend zu ent­de­cken, was Elea­nor tut und wel­che Rich­tung sie ein­schlägt. So hat sich die Ge­schich­te ganz or­ga­nisch ent­wi­ckelt.“

Elea­nor Oli­phant ist 30, lebt als Sing­le in ei­ner klei­nen Woh­nung in Glas­gow und ar­bei­tet in der Buch­hal­tung in ei­ner Gra­fik-De­sign-Agen­tur. Mit ih­ren Kol­le­gen ver­bin­det sie nichts, ihr Le­ben be­steht aus Rou­ti­ne, sie trägt je­den Tag das­sel­be, be­rei­tet sich je­den Abend das glei­che Es­sen, Pas­ta mit Pes­to. Freun­de hat sie nicht, wenn das Te­le­fon klin­gelt, ist es ein Markt­for­schungs­in­sti­tut und au­ßer dem Mann, der den Zäh­ler­stand ab­le­sen will, be­sucht sie nie­mand in ih­rer Woh­nung. Am Frei­tag kauft sie sich zwei Fla­schen Wod­ka, die sie gleich­mä­ßig ver­teilt über das Wo­che­n­en­de trinkt, so­dass sie nie ganz nüch­tern, aber auch nicht be­trun­ken ist. Elea­nor Oli­phant ist ein­sa­me Ein­zel­gän­ge­rin, re­det sich aber ein, dass ihr nichts fehlt, da sie im­mer den größ­ten Wert dar­auf legt, al­lein zu­recht­zu­kom­men.

Die Idee, sich mit dem The­ma Ein­sam­keit zu be­schäf­ti­gen, kam der Au­to­rin, als sie ei­nen Ar­ti­kel las über ei­ne jun­ge Frau, die in ei­ner Groß­stadt leb­te. Wenn sie sich nicht be­son­ders be­müh­te, sich fürs Wo­che­n­en­de zu ver­ab­re­den, dann pas­sier­te es, dass sie von Frei­tag­abend, wenn sie ihr Bü­ro ver­ließ, bis zur Rück­kehr am Mon­tag­mor­gen mit nie­man­dem ein Wort ge­wech­selt hat­te. „Das“, sagt Ho­ney­man, „er­schien mir sehr selt­sam. Ein­sam­keit, so dach­te ich, be­trifft doch eher äl­te­re Men­schen, wenn bei­spiels­wei­se der Mann oder die Frau ge­stor­ben ist und

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