DIE KUNST DER MÄSSIGUNG

Bücher Magazin - - Erste Seite - VON NI­CO­LE TRÖTZER

Mit ih­ren uni­ver­sel­len, zu­tiefst mensch­li­chen Ge­schich­ten er­ober­te die Schrift­stel­le­rin Ma­ría Du­e­ñas be­reits die spa­ni­sche Sprach­welt. Nun er­scheint ihr neu­er Ro­man auf Deutsch und wir spra­chen mit der Au­to­rin über sze­ni­sche Le­sun­gen und fi­nan­zi­el­le Über­le­bens­kämp­fe.

Ma­ría Du­e­ñas ist in Spa­ni­en und Latein­ame­ri­ka be­reits ein Best­sel­ler-Star. Ihr De­büt-Ro­man „Das Echo der Träu­me“(2009) wur­de auf An­hieb ein Er­folg, ist in mehr als 30 Spra­chen über­setzt wor­den und lief in ih­rer Hei­mat als TV-Se­rie mit Trau­mein­schalt­quo­ten. Im März hat sie in Deutsch­land ih­ren neu­es­ten Ro­man „Wenn ich jetzt nicht ge­he“prä­sen­tiert – ei­nen ori­gi­nel­len his­to­ri­schen Aben­teu­er­ro­man im Span­nungs­feld von der al­ten Ko­lo­ni­al­macht Spa­ni­en, der jun­gen me­xi­ka­ni­schen Re­pu­blik und dem ko­lo­nia­len Ku­ba.

Zu­rück in ih­rer spa­ni­schen Hei­mat schwärmt sie: „Mei­ne kürz­li­che Rei­se nach Deutsch­land war ei­ne wun­der­ba­re Er­fah­rung! In Ber­lin hat­te ich ei­ne Buch­vor­stel­lung im In­sti­tu­to Cer­van­tes, und in Köln war ich bei ei­nem gro­ßen Event mit Kreuz­fahrt über den Rhein im Rah­men des Fes­ti­vals lit.Co­lo­gne da­bei. Bei bei­den Ge­le­gen­hei­ten wur­de ich von kom­pe­ten­ten Mo­de­ra­to­ren und Schau­spie­le­rin­nen be­glei­tet. Das war ei­ne be­son­de­re Er­fah­rung für mich, denn in Spa­ni­en ha­ben wir Schrift­stel­ler nicht die­se Art Buch­vor­stel­lung, be­glei­tet von Darstel­lern mit pro­fes­sio­nell ge­schul­ten Stim­men.“

Ihr jüngs­ter Ro­man lie­fert in der Tat viel Po­ten­zi­al für sze­ni­sches Vor­le­sen: Im Mit­tel­punkt steht der spa­ni­sche Self­made­man Mau­ro Lar­rea, der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts nach Me­xi­ko aus­wan­dert, dort ein Ver­mö­gen er­wirt­schaf­tet, jung ver­wit­wet und mit sei­nen bei­den Kin­dern ein Lu­xus­le­ben führt, bis ei­ne ris­kan­te fi­nan­zi­el­le Spe­ku­la­ti­on im Sil­ber­mi­nen­ge­schäft ihn an den Rand des Ruins bringt. Von Schul­den und der Schan­de des so­zia­len Ab­stiegs ge­trie­ben, schifft er sich zu­nächst in Ku­ba ein, wo ihm die Be­geg­nung mit ei­ner schö­nen, lau­ni­schen Da­me ein aus­ge­fal­le­nes Du­ell und schließ­lich das un­ver­mu­te­te Er­be ei­ner Sher­ryBo­de­ga im an­da­lu­si­schen Je­rez de la Fron­te­ra ein­bringt. Sie wol­le mit Lar­rea „die Ent­wick­lung ei­nes im­pul­si­ven, zwei­feln­den Man­nes zei­gen, der die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren hat und den das Le­ben schließ­lich zu la tem­plan­za führt“, so der Na­me der al­ten Sher­ry Bo­de­ga. So lau­tet auch der dop­pel­sin­ni­ge spa­ni­sche Ori­gi­nal­ti­tel des Ro­mans, er be­deu­tet so viel wie Mä­ßi­gung oder Zü­ge­lung. Ob es uns an die­ser heut­zu­ta­ge man­gelt? „Ja, ich fin­de, in un­se­ren Le­ben fehlt la tem­plan­za“, be­stä­tigt Du­e­ñas, „es ist ei­ne Tu­gend, nach der wir öf­ter trach­ten soll­ten.“

Die Spa­nie­rin gibt ein über­ra­schend un­kom­pli­zier­tes Bild ei­ner Er­folgs­au­to­rin ab. Sie tritt lo­cker und ge­las­sen auf. In In­ter­views sagt sie nichts Pro­vo­zie­ren­des, sie zeigt sich eher dank­bar und be­geis­tert für ih­re Pro­jek­te. War­um es ihr kei­nes­wegs schwer­fällt, vor Pu­bli­kum oder vor der Presse frei zu spre­chen, ob­wohl sie erst mit 45 Jah­ren ih­ren ers­ten Ro­man pu­bli­ziert hat? „Zum ei­nen liegt das an mei­nem Cha­rak­ter, ich bin ein of­fe­ner und we­nig schüch­ter­ner Mensch. Zum an­de­ren hat das mit mei­nem frü­he­ren Be­ruf zu tun. 20 Jah­re lang war ich als Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät tä­tig und mei­ne Ar­beit ver­pflich­te­te mich da­zu, stän­dig mit ei­nem Pu­bli­kum zu in­ter­agie­ren: im Se­mi­nar­raum, auf Kon­fe­ren­zen und Kon­gres­sen.“

Die 51-Jäh­ri­ge hat ei­nen Dok­tor in eng­li­scher Phi­lo­lo­gie und ar­bei­te­te zu­nächst als Sprach­wis­sen­schaft­le­rin und Pro­fes­so­rin für Ang­lis­tik an der Uni­ver­si­tät von Mur­cia. Nach dem gro­ßen Welter­folg als Schrift­stel­le­rin hat sie schnell ge­merkt, dass sich nicht bei­des par­al­lel ver­fol­gen lässt – die aka­de­mi­sche Lauf­bahn und die Li­te­ra­tur –, des­halb be­schloss sie, die Uni­ver­si­tät zu ver­las­sen. Aber ih­ren wis­sen­schaft­li­chen Hin­ter­grund be­trach­tet sie beim Schrei­ben als hilf­reich, wenn es um Ge­nau­ig­keit, Dis­zi­plin, die Struk­tu­rie­rung der Themen geht, an­sons­ten ver­mei­det sie be­wusst jeg­li­chen aka­de­mi­schen An­satz und wid­met sich den Aspek­ten, die ihr selbst beim Le­sen von Li­te­ra­tur ge­fal­len: Aben­teu­er, ro­man­ti­sche Ver­wick­lun­gen an exo­ti­schen Schau­plät­zen, er­zählt mit in­tel­li­gen­tem Hu­mor und viel his­to­ri­scher Staf­fa­ge. Ein biss­chen gro­ßes Ki­no. Be­son­ders in­ten­siv wid­met sie sich der his­to­ri­schen Re­cher­che­ar­beit, stu­diert di­ver­se Zeit­do­ku­men­te, reist mehr­mals an die Or­te des Ge­sche­hens.

Ob ihr Buch in Spa­ni­en viel­leicht auch des­halb ei­nes der meist ver­kauf­ten des Jah­res 2015 war, weil die­se Ge­schich­te ei­nes Man­nes, der um sein fi­nan­zi­el­les Über­le­ben kämpft, an so vie­le Schick­sa­le im kri­sen­ge­schüt­tel­ten Spa­ni­en er­in­nert? „Ja, in die­sem Sin­ne mag es ge­wis­se Par­al­le­len ge­ben: Die Kri­se hat uns zahl­rei­che Bei­spie­le von Per­so­nen be­schert, die plötz­lich ih­re Ar­beit ver­lo­ren ha­ben, ih­ren Be­sitz, ih­re Stel­lung … und die sich neu er­fin­den muss­ten, um zu über­le­ben.“Doch die Be­zü­ge zur Ak­tua­li­tät sind we­nig ein­deu­tig, ihr Er­folg be­ruht wohl eher auf der Uni­ver­sa­li­tät ih­rer Ge­schich­ten, und nicht zu­letzt dar­auf, dass sie zu­rück­kehrt zu ei­nem sehr klas­si­schen, tra­di­tio­nel­len Er­zähl­stil.

Über­setzt von Pe­tra Zick­mann In­sel, 589 Sei­ten, 24 Eu­ro

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