AUF LESETOUR UN­TER­WEGS MIT: Do­ris Dör­rie

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Als Mo­de­ra­to­rin ist Mar­ga­re­te von Schwarzkopf un­ter­wegs im Na­men der Li­te­ra­tur. In die­ser Ko­lum­ne schreibt sie über ih­re Be­geg­nun­gen mit den be­gehr­tes­ten Stars und den auf­re­gends­ten New­co­mern der gro­ßen wei­ten Bü­cher­welt.

Spä­tes­tens seit dem Film „Män­ner“, der 1985 für das Fern­se­hen pro­du­ziert wur­de und dann im Ki­no Be­su­cher­re­kor­de brach, ist der Na­me Do­ris Dör­rie vie­len ge­läu­fig. Doch die 1955 in Han­no­ver ge­bo­re­ne Arzt­toch­ter hat ne­ben dem Ki­no ei­ne zwei­te, fast noch grö­ße­re Lei­den­schaft: das Schrei­ben. Seit 1987 ver­öf­fent­licht sie Ro­ma­ne, Kin­der­bü­cher, Li­bret­ti, Thea­ter­stü­cke und Kurz­ge­schich­ten. Oft fin­det sie in ih­rer ei­ge­nen Pro­sa Stof­fe für ih­re ei­ge­nen Fil­me. Al­ler­dings ist es nicht ganz ein­fach, die Schrift­stel­le­rin Do­ris Dör­rie für Ver­an­stal­tun­gen zu en­ga­gie­ren, da sie stän­dig un­ter­wegs ist und na­tür­lich auch im­mer wie­der zu Dreh­ar­bei­ten in fer­ne Län­der wie Ja­pan reist, wo sie zu­letzt „Grü­ße aus Fu­kus­hi­ma“dreh­te. Der Film hat­te bei den Ber­li­ner Film­fest­spie­len 2016 Pre­mie­re. Doch im­mer­hin ge­lang es dann doch der Stadt­bü­che­rei in Lauf an der Peg­nitz, Do­ris Dör­rie für ei­nen Abend in die Re­gi­on um Nürn­berg zu lo­cken. Mit ei­ni­gen Pro­ble­men, die fast al­le Bahn­be­nut­zer ken­nen, kam sie nach Um­we­gen und mit Ver­spä­tung von Mün­chen in Lauf an.

Zu­letzt ist ihr Buch „Die­be und Vam­pi­re“er­schie­nen, die Ge­schich­te ei­ner Frau, die um je­den Preis schrei­ben möch­te, sich ei­ne Meis­te­rin er­wählt und am En­de dann selbst in die­se Rol­le schlüpft. Wie au­to­bio­gra­fisch ist die­ses Werk? Do­ris Dör­rie er­klärt, dass sie im­mer schon schrei­ben woll­te. „Aber ich war zu schüch­tern, um die­sen Wunsch in die Tat um­zu­set­zen, weil man in sei­ne Wer­ke au­to­ma­tisch ei­ge­ne Er­fah­run­gen ein­flie­ßen lässt und oft un­frei­wil­lig und un­be­wusst ei­ni­ges von sich preis­gibt.“Bü­cher ha­ben sie aber im­mer schon fas­zi­niert. „Mei­ne El­tern be­sa­ßen vie­le Jah­re kei­nen Fern­seh­ap­pa­rat. Al­so hol­te ich mir in der Bi­b­lio­thek Le­se­stoff und konn­te nie ge­nug da­von be­kom­men.“Sie war schon ei­ne er­folg­rei­che Fil­me­ma­che­rin, die längst auch Er­fah­rung als Dreh­buch­au­to­rin ge­sam­melt hat­te, als der Dio­ge­nes-Ver­lag sie er­mu­tig­te, Pro­sa zu ver­öf­fent­li­chen. Seit 30 Jah­ren ist sie die­sem Ver­lag nun schon treu, der ihr die Be­rüh­rungs­ängs­te als Schrift­stel­le­rin neh­men konn­te.

„Lie­be, Schmerz und das gan­ze ver­damm­te Zeug“, er­schie­nen 1987, wa­ren vier Film­sto­rys, de­nen ei­ne Rei­he von Bän­den mit Kurz­ge­schich­ten folg­te, dar­un­ter „Bin ich schön?“, ei­ne Ge­schich­te, die sie 1998 ver­film­te. „Es hat ge­dau­ert, bis ich den Mut hat­te, nach di­ver­sen Kurz­ge­schich­ten end­lich auch ei­nen Ro­man zu ver­öf­fent­li­chen. Wo­bei ich kei­ne di­cken Wäl­zer schrei­be. Auch mei­ne Ro­ma­ne sind eher kurz, so et­was wie ver­län­ger­te Short­s­to­rys.“In ih­ren Bü­chern ver­ar­bei­tet Do­ris Dör­rie Themen, die ihr auf den Nä­geln bren­nen. „Das blaue Kleid“, er­schie­nen 2002, war für sie wich­tig, da sie hier die Trau­er um ih­ren 1996 ver­stor­be­nen Mann Hel­ge Weind­ler, Va­ter ih­rer Toch­ter, ver­ar­bei­tet. „Es war ein lan­ger Weg, bis ich die­ses Buch sechs Jah­re nach Hel­ges Tod schrei­ben konn­te. Ich ha­be als Schau­platz Me­xi­ko ge­wählt, wo der Tod zum All­tag zählt, man ihn fei­ert und mit ihm selbst­ver­ständ­lich um­geht, an­ders als in Ja­pan, wo der Tod ei­ne un­aus­sprech­li­che Di­men­si­on ver­kör­pert.“Des­halb zie­hen sie bei­de Län­der ma­gisch an – die Le­bens­freu­de in Me­xi­ko, zu der das Wis­sen um die ei­ge­ne Ver­gäng­lich­keit ge­hört, und die in Ja­pan sorg­sam ge­hü­te­te Zu­rück­hal­tung, wenn es um so in­ti­me Themen wie das Ster­ben geht.

Er­zäh­len be­deu­tet für Do­ris Dör­rie aber vor al­lem ei­nes: den Mo­ment fest­zu­hal­ten, sich der Zeit und dem Ver­ges­sen ent­ge­gen­zu­stem­men. „Er­zäh­len ist ja ein ur­al­tes zu­tiefst mensch­li­ches Mit­tel, um Ge­dan­ken aus­zu­tau­schen, Er­in­ne­run­gen zu be­wah­ren und sich zu un­ter­hal­ten. Auch mein wich­tigs­tes Ziel ist es, die Le­ser, wie auch die Be­su­cher mei­ner Fil­me, zu un­ter­hal­ten. Wenn da­bei das ei­ne oder an­de­re The­ma zum Nach­den­ken an­regt, um­so bes­ser.“In „Die­be und Vam­pi­re“, in dem es auch dar­um geht, dass Au­to­ren sich hem­mungs­los an der Wirk­lich­keit be­die­nen, in­dem sie Men­schen und Er­eig­nis­se zi­tie­ren, sei ei­ne wei­te­re Grund­idee des Ro­mans, die Er­kennt­nis, „dass je­de Er­in­ne­rung rasch zur Fik­ti­on wird, und mei­ne Prot­ago­nis­tin, die ih­re Er­fah­run­gen auf dem Weg zum Schrei­ben schil­dert, na­tür­lich ihr Wunsch­den­ken und ih­re sub­jek­ti­ve Sicht der Din­ge mit der Rea­li­tät ver­knüpft. Es gibt we­der die ab­so­lu­te Er­in­ne­rung noch die ab­so­lu­te Wahr­heit. Wunsch und Wirk­lich­keit sind Teil der Li­te­ra­tur, aber auch des Ki­nos, das ja auch Ge­schich­ten er­zählt und statt Wor­te die Spra­che der Bil­der wählt.“

Mo­men­tan ar­bei­tet Do­ris Dör­rie an ei­nem neu­en Buch: „Schrei­ben ist har­te Ar­beit“, ge­steht sie, „aber här­ter ist es da­nach, ähn­lich wie nach ei­nem Ki­no­be­such, in die Rea­li­tät zu­rück­zu­fin­den. Ge­nau das ist so ver­füh­re­risch am Schrei­ben.“

Dio­ge­nes TB (2016), 224 Sei­ten, 12 Eu­ro

DO­RIS DÖR­RIE: Die­be und Vam­pi­re

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