DIE TIE­RE SIND UN­RU­HIG

Bücher Magazin - - Erste Seite - VON ELI­SA­BETH DIETZ

Manch­mal stellt die Zeit sich ei­ne Fra­ge. In die­sem Jahr, ei­nem Wahl­jahr, in dem wir Eu­ro­pa zum ers­ten Mal seit Lan­gem als zer­brech­lich er­le­ben und in dem wir mit neu­en Schutz­su­chen­den und al­ter Miss­gunst zu­recht­kom­men müs­sen, ist das wohl: Was macht ein Zu­hau­se aus? Und in was für ei­nem Land le­ben wir ei­gent­lich?

Noch vor 100 Jah­ren hät­ten die meis­ten auf die Fra­ge nach ih­rem Zu­hau­se oh­ne zu zö­gern ih­ren Ge­burts­ort ge­nannt. Die Ant­wort ist kom­pli­zier­ter ge­wor­den. Wir zie­hen oft um, aus Nei­gung oder Zwang, der Ar­beit, der Lie­be, der Frei­heit nach, über den ge­sam­ten Pla­ne­ten. Aber das ist längst nicht al­les. „Klas­si­sche Be­zie­hungs­mus­ter, die lan­ge all­ge­mein­gül­tig schie­nen, ha­ben an Be­deu­tung ver­lo­ren. Die vor­an­schrei­ten­de Globalisierung der Welt geht für man­che mit ei­nem Zu­wachs an Le­bens­mög­lich­kei­ten ein­her, für an­de­re mit Ge­füh­len des Selbst­ver­lusts. Auch die wach­sen­de Spal­tung der Ge­sell­schaft und der struk­tu­rel­le Wan­del von Po­li­tik und Öf­fent­lich­keit füh­ren zu ei­ner tie­fen Ve­r­un­si­che­rung. Wir le­ben in Zei­ten des Um­bruchs“, stellt Da­ni­el Schrei­ber fest. Es ist be­zeich­nend, dass er sich die Fra­ge nach dem Zu­hau­se in ei­ner Le­bens­kri­se stellt.

Er selbst wur­de in ei­ne Frem­de hin­ein­ge­bo­ren, 1977 als schwu­les Kind in ein Dorf in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, ei­ne Be­dro­hung für das Sys­tem. Als fe­mi­ni­ner Jun­ge litt Schrei­ber schon im Kin­der­gar­ten un­ter der auf Kon­for­mi­tät aus­ge­leg­ten Er­zie­hung, un­ter gut ge­mein­ten Ver­su­chen, ihn durch so­zia­len Druck „nor­mal“zu ma­chen eben­so wie un­ter of­fe­nem Sa­dis­mus. „Die Zu­hau­se­lo­sig­keit von Men­schen, die stig-

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