GE­SCHICH­TE IH­RER SELBST

Bücher Magazin - - Erste Seite - VON CHRISTIANE VON KORFF

End­lich er­scheint die au­to­bio­gra­fi­sche Ge­sell­schaftschro­nik von An­nie Ernaux auch in Deutsch­land. Ein me­lan­cho­li­sches Meis­ter­werk, in dem sich das Po­li­ti­sche im Pri­va­ten ref lek­tiert.

In Frank­reich ist die Schrift­stel­le­rin An­nie Ernaux so be­kannt wie Be­noî­te Groult, Gran­de Da­me und Fe­mi­nis­tin, die mit ih­rem ero­ti­schen Ro­man „Salz auf un­se­rer Haut“welt­be­rühmt wur­de. Doch wäh­rend Groult in die Pa­ri­ser Bour­geoi­sie, die groß­bür­ger­li­che Ge­sell­schafts­schicht, hin­ein­ge­bo­ren wur­de, stammt An­nie Ernaux aus be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen, ih­re El­tern be­trie­ben ei­nen klei­nen Ko­lo­ni­al­wa­ren-La­den in der Nor­man­die.

Ihr Werk ist au­to­bio­gra­fisch ge­prägt, in all ih­ren Ro­ma­nen the­ma­ti­siert sie ih­ren Le­bens­weg. Ih­re Be­frei­ung vom Klein­bür­ger­tum, ih­ren Sprung aus der Pro­vinz in die Me­tro­po­le Pa­ris. Jetzt ist in Deutsch­land ihr Meis­ter­werk „Die Jah­re“er­schie­nen. Ein er­staun­li­ches Buch: Chro­nik und Ge­sell­schafts­por­trät, das die Jah­re zwi­schen 1941 und 2006 um­spannt. In Frank­reich, 2008 ver­öf­fent­licht, wur­de es gleich ein Best­sel­ler und in ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten zum Klas­si­ker.

Was für ein Buch! Es be­ginnt mit dem Blick ei­ner Elf­jäh­ri­gen, die wie al­le Mäd­chen in den 50ern nicht nur bei Tisch den Mund zu hal­ten hat­ten und für die „Scham ei­ne stän­di­ge Be­dro­hung war: Mit wem man sei­ne Zeit ver­brach­te, wann man aus dem Haus ging, wann man zu­rück­kam, ob man ro­te Fle­cken im Schlüp­fer hat­te, man stand un­ent­wegt un­ter Über­wa­chung der Ge­sell­schaft.“

Kaum vor­stell­bar, heu­te: Erst 1945 er­hiel­ten fran­zö­si­sche Frau­en das Wahl­recht, zwei Jah­re zu­vor wur­de ei­ne Ab­trei­bung noch mit der Guil­lo­ti­ne be­straft, auch nach Ab­schaf­fung der To­des­stra­fe muss­ten Frau­en mit­hil­fe ei­ner En­gel­ma­che­rin ab­trei­ben oder mit Strick­na­deln selbst Hand an­le­gen. Ernaux be­schreibt, wie die 68er-Re­vol­te lang­sam das ge­sell­schaft­li­che Be­wusst­sein ver­än­dert und sich Frau­en vom pa­tri­ar­cha­li­schen Kor­sett be­frei­en.

Kon­ge­ni­al und ele­gant ver­mischt Ernaux Er­in­ne­run­gen mit ge­gen­wär­ti­gen Ein­drü­cken: „Ein frem­des Zei­t­emp­fin­den er­greift Be­sitz von ihr und ih­rem Kör­per, ei­nes in der sich Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart über­la­gern, aber nicht in­ein­an­der auf­ge­hen (…) Und ist die­ses Ge­fühl nicht auch ab­hän­gig von der Ge­schich­te, von den Ve­rän­de­run­gen im Le­ben der Frau­en und Män­ner – viel­leicht kann sie es nur des­halb emp­fin­den, weil sie mit acht­und­fünf­zig ne­ben ei­nem Neun­und­zwan­zig­jäh­ri­gen lie­gen kann, oh­ne sich zu schä­men…“

Die­se Stim­me ist ein­zig­ar­tig. Durch die Zeit glei­tend, nach­denk­lich stim­mend, be­we­gend – kol­lek­tiv ge­leb­te Jah­re.

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