BOT­SCHAFT AUS BABEL UND WAS DA­NACH GE­SCHAH, WEISS NIE­MAND

Bücher Magazin - - Erste Seite - VON INA PFITZNER

Das Jid­di­sche, die­se „glor­reichs­te Pro­me­na­den­mi­schung un­ter Eu­ro­pas Spra­chen“, er­lebt ge­ra­de ei­nen zar­ten, un­ver­hoff­ten Auf­schwung, welt­weit. Auch zu uns kehrt es jetzt zu­rück.

Be­gin­nen wir mit den Kli­schees: Klez­mer­mu­sik, Te­wje, der Milch­mann aus der gleich­na­mi­gen Er­zäh­lung von Scho­lem Ale­jchem und dem Mu­si­cal Der Fied­ler auf dem Dach bzw. Ana­tew­ka, was wie­der­um von ei­nem Cha­gal­lGe­mäl­de in­spi­riert war. Jid­disch ist die Spra­che der Schtetls, der Män­ner mit den Pelz­hü­ten und Schlä­fen­lo­cken, und es ist die Spra­che der To­ten: der Po­gro­me und vor al­lem auch der Shoah, die auf Jid­disch churbn heißt. Es ist auch die Spra­che der Über­le­ben­den, und es stirbt jetzt lang­sam aus? Oder?

Ent­stan­den ist es aus dem Mit­tel­hoch­deut­schen, das die rhein­län­di­schen Ju­den mit nach Ost­eu­ro­pa brach­ten: he­bräi­sche Schrift mit pol­ni­schen, rus­si­schen, he­bräi­schen, ara­mä­i­schen Ein­spreng­seln. Über 1000 Jah­re lang war es die All­tags­spra­che der Asch­ke­n­a­sim von Frank­reich bis Russ­land. Von 11 Mil­lio­nen Spre­chern wur­den et­wa 5 Mil­lio­nen er­mor­det, dar­un­ter 1200 Schrift­stel­ler. Jetzt lebt es vor al­lem in or­tho­do­xen Ge­mein­schaf­ten wei­ter, in Brook­lyn, Je­ru­sa­lem, Ant­wer­pen, Lon­don, Pa­ris. Knapp 1,5 Mil­lio­nen Spre­cher sol­len es sein.

Aber Jid­disch war nicht nur die Spra­che des Ghet­tos, oder wie Mo­ses Men­dels­sohn mein­te, ein Zei­chen schlech­ter Bil­dung, son­dern auch ei­ne Spra­che der Groß­stadt und der Mo­der­ne. Es war die Spra­che der jü­di­schen Ar­bei­ter­be­we­gung, z. B. des so­zia­lis­ti­schen Al­ge­meyner Yi­dis­her Ar­be­ter Bund. Als Spra­che der Pro­le­ta­ri­er er­leb­te es im Viel­völ­ker­staat So­wjet­uni­on ei­ne kur­ze Glanz­zeit. Und spä­tes­tens 1925 mit der Grün­dung des Jid­di­schen Wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts (YIVO) in Wil­na mit Zweig­stel­len in Ber­lin, War­schau und New York wur­de es ei­ne Spra­che der Wis­sen­schaft. Und heu­te? Was Wör­ter wie shlep­top (Lap­top) oder blitz­brif (E-Mail) er­fin­det, das stirbt doch nicht aus?

Ne­ben der Pop­mu­sik (Oy Va Voi, Je­wrhyth­mics) oder Thea­ter und Tanz wie beim Yid­dish Sum­mer in Wei­mar gibt es jetzt auch über­all Sprach­kur­se, z. B. an der na­gel­neu­en Som­mer­uni­ver­si­tät für jid­di­sche Spra­che und Kultur der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin oder auch uni­ver­si­tär un­ter­füt­tert in Tri­er, Düs­sel­dorf, Hei­del­berg, Pots­dam. Der Jour­na­list Dirk Schü­mer hat selbst Jid­disch ge­lernt: „Was für ei­ne bit­te­re Iro­nie: Aus- ge­rech­net Deut­sche kön­nen sich ein­le­sen in die ori­gi­na­le Li­te­ra­tur ei­nes Vol­kes, das un­se­re Groß­el­tern­ge­ne­ra­ti­on ver­nich­ten woll­te – und da­bei furcht­bar weit ge­kom­men ist. Ame­ri­ka­ner, Fran­zo­sen, die heu­te Jid­disch ler­nen, müs­sen qua­si zwei Spra­chen be­wäl­ti­gen und bei­ßen sich oft die Zäh­ne aus. Wir ha­ben es un­ver­dient leicht.“

Und trotz­dem brau­chen wir noch Über­set­zun­gen. Erst­mals liegt jetzt Mon­tag von Moy­she Kul­bak in deut­scher Über­set­zung vor, „ein klei­ner Ro­man“aus der So­wjet­zeit. Die­ser hat durch­aus et­was von Cha­gall oder von Bru­no Schulz’ Zimt­lä­den, aber wie der Au­tor ist die Haupt­fi­gur He­bräisch­leh­rer, sitzt über di­cken Bü­chern, re­det mit Leu­ten, wird ver­haf­tet, stirbt. In die mys­ti­sche Welt des Jid­di­schen bricht hier die Rea­li­tät der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on und der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ein, mit (auch se­xu­el­ler) Ge­walt, Ent­mensch­li­chung, po­li­ti­scher Ver­fol­gung, und es wer­den exis­ten­zi­el­le Mensch­heits­fra­gen (Nietz­sche, Berg­son usw.) ge­wälzt und dar­über die Lie­be ver­ges­sen. Mon­tag ist ei­ne his­to­risch-poe­ti­sche Mo­ment­auf­nah­me und reicht doch weit dar­über hin­aus.

So­phie Lich­ten­stein über­setzt mit An­spruch; sie ver­wen­det die of­fi­zi­el­le Tran­skrip­ti­on des YIVO (z. B. Moy­she statt dem ein­ge­deutsch­ten Moi­sche) und be­hält Ei­gen­ar­ten des Jid­di­schen bei: nach­ge­stell­te Ad­jek­ti­ve („in der Stadt, der re­vo­lu­tio­nä­ren“), Di­mi­nu­ti­ve (Dach­käm­mer­chen, Gäss­chen), Dop­pe­lun­gen („der Fa­den sponn sich lang-lang“), ex­pres­sio­nis­ti­sche Her­vor­he­bun­gen (Gut!/Wei­ter!/Wei­ter!!!/Wei­ter!!!!/Wei­ter, bis in den Tod!). Ein sol­ches „Ver­frem­den“ist mu­tig und er­in­nert an die en­ge Ver­wandt­schaft der bei­den Spra­chen, an ih­re un­auf­lös­ba­re Ver­bin­dung vom Ur­sprung fast bis zum Tod: „kaum-kaum hör­te man sei­ne letz­ten Wor­te.“Doch wie Isaac Bas­he­vis Sin­ger 1978 in sei­ner (auf Jid­disch ge­hal­te­nen) No­bel­preis­re­de be­ton­te, hat das Jid­di­sche sein letz­tes Wort noch nicht ge­spro­chen. „Und was da­nach ge­schah, weiß nie­mand“, en­det der Ro­man. Das Jid­di­sche hat uns si­cher­lich noch viel zu er­zäh­len.

MOY­SHE KUL­BAK: Mon­tag – Ein klei­ner Ro­man Über­setzt und mit Nach­wort von So­phie Lich­ten­stein edi­ti­on.fo­toTAPETA, 120 Sei­ten, 12,80 Eu­ro MOI­SCHE KUL­BAK:

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