Al­so sprich und le­be

Bücher Magazin - - Inhalt - VON CHRIS­TIA­NE VON KORFF

Be­rüh­ren­de Antho­lo­gie zur is­rae­li­schen Be­sat­zungs­po­li­tik

Das jü­disch-ame­ri­ka­ni­sche Au­to­ren­paar Ayelet Wald­man und Micha­el Ch­a­bon hat 26 in­ter­na­tio­na­le ge­fei­er­te Schrift­stel­ler ein­ge­la­den, um sich von der is­rae­li­schen Be­sat­zungs­po­li­tik ein ei­ge­nes Bild zu ma­chen. Ent­stan­den ist ei­ne zu­tiefst mensch­li­che und be­we­gen­de Antho­lo­gie.

Wir woll­ten die­ses Buch nicht her­aus­ge­ben“, schrei­ben Ayelet Wald­man und Micha­el Ch­a­bon im Vor­wort der Antho­lo­gie „Oli­ven und Asche“. Nicht nach­den­ken über Be­sat­zung und In­ti­fa­da, über Sied­lungs­po­li­tik und Selbst­mord­at­ten­tä­ter und die Fra­gen, „wes­sen Lei­den schlim­mer, wes­sen Ver­bre­chen un­ge­heu­er­li­cher, wel­cher Zorn ge­rech­ter ist“. Dann lernt Ayelet Wald­man in Je­ru­sa­lem Mit­glie­der der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on „Brea­king the Si­lence“ken­nen. Die ehe­ma­li­gen is­rae­li­schen Sol­da­ten, die seit Jah­ren die Be­sat­zungs­po­li­tik kri­ti­sie­ren, nah­men die Schrift­stel­le­rin mit in das pa­läs­ti­nen­si­sche He­bron. Wald­man war so „an­ge­wi­dert“von der Ag­gres­si­vi­tät der jü­di­schen Sied­ler in der auf­ge­teil­ten Stadt im West­jor­dan­land, dass sie et­was än­dern woll­te.

Das jü­disch-ame­ri­ka­ni­sche Au­to­ren­paar weiß, dass Ge­schich­ten Her­zen öff­nen kön­nen. So lu­den sie Au­to­ren aus al­ler Welt ein, um in Ost-Je­ru­sa­lem und im West­jor­dan­land zu re­cher­chie­ren. Welch ein Glück: Dar­aus sind leuch­ten­de, ein­dring­li­che Tex­te ent­stan­den.

So un­ter­schied­lich die Her­kunft und Na­tio­na­li­tä­ten der 26 Au­to­ren, so viel­schich­tig sind die Bei­trä­ge: Es­says, Re­por­ta­gen, Kurz­ge­schich­ten. No­bel­preis­trä­ger Ma­rio Var­gas Llosa, der in den 80er-Jah­ren in der Po­li­tik ak­tiv war und sich 1990 als Kan­di­dat für das Amt des pe­rua­ni­schen Staats­prä­si­den­ten be­warb, ge­lingt mü­he­los der Spa­gat zwi­schen der Em­pa­thie für die Exis­tenz des Staa­tes Is­ra­el und deut­li­cher Kri­tik an der Be­sat­zungs­po­li­tik. Stets hat er die po­li­ti­sche Vor­ge­hens­wei­se Is­ra­els ve­he­ment ver­tei­digt. In sei­ner jet­zi­gen Ana­ly­se kon­sta­tiert er bit­ter, dass Is­ra­el zu „ei­nem an­ma­ßen­den Ko­lo­ni­al­staat“ge­wor­den sei. „Ge­gen­wär­tig herrscht dort die ul­tra­re­li­giö­ses­te und na­tio­na­lis­tischs­te Re­gie­rung sei­ner Ge­schich­te, des­halb wird die ver­tre­te­ne Po­li­tik im­mer un­de­mo­kra­ti­scher.“Die­se Ent­wick­lung sieht Llosa, und üb­ri­gens auch is­rae­li­sche Links-In­tel­lek­tu­el­le, mit Sor­ge und be­trach­tet es des­halb als ei­nen „Akt der Lie­be“, wenn er die­se Po­li­tik an­pran­gert.

Die ös­ter­rei­chi­sche Au­to­rin Eva Me­n­as­se zeigt, wel­che Aus­wir­kun­gen die Be­sat­zungs­po­li­tik hat. In ih­rer auf­rüt­teln­den Kurz­ge­schich­te „Hun­dert Kin­der“wird der Kon­flikt zwi­schen „Blauwei­ßen und Rot­grü­nen“zu ei­ner trau­ma­ti­schen Er­fah­rung. Wir er­le­ben das Grau­en mit der acht­jäh­ri­gen Aya, als vor ih­ren Au­gen ihr El­tern­haus von ei­nem Bull­do­zer zer­stört wird.

Im Krieg gibt es kei­ne Ge­win­ner, nur Op­fer auf bei­den Sei­ten. Dies zeigt die er­grei­fen­de Ge­schich­te des Iren Co­lum McCann. Ra­mis Fa­mi­lie lebt seit sie­ben Ge­ne­ra­tio­nen in Je­ru­sa­lem, sein Va­ter ist Ho­lo­cau­st­über­le­ben­der. Bassam, Pa­läs­ti­nen­ser, warf an­fangs St­ei­ne, spä­ter Hand­gra­na­ten auf die Jeeps der ver­hass­ten Be­sat­zer. 1997 spreng­ten sich pa­läs­ti­nen­si­sche Selbst­mord­at­ten­tä­ter mit­ten in Je­ru­sa­lem in die Luft, tö­te­ten fünf Men­schen, dar­un­ter Ra­mis Toch­ter, 14. 2007 er­schießt ein is­rae­li­scher Sol­dat Bas­sams zehn­jäh­ri­ge Toch­ter vor ih­rer Schu­le. „Wenn je­mand dei­ne Toch­ter um­bringt“, sagt Ra­mi, „willst du dich rä­chen.“„Der Mord an Abir“, sagt Bassam, „hät­te mich ganz leicht auf den Weg des Has­ses brin­gen kön­nen.“Bei­de Vä­ter sind aus­ge­bro­chen aus dem end­lo­sen Kreis­lauf der Ge­walt.

In der Or­ga­ni­sa­ti­on „Kämp­fer für den Frie­den“setz­ten sie sich zu­sam­men, spra­chen über ihr Leid. Bassam und Ra­mi, schreibt McCann, „wis­sen, dass Ge­schich­ten­er­zäh­len die Welt grö­ßer ma­chen kann: Wir schlüp­fen in Kör­per, Zei­ten, Le­bens­ge­füh­le, Kul­tu­ren und Aben­teu­er, die nicht die un­se­ren sind. Es ist nö­tig, an­de­ren zu­zu­hö­ren. Und selbst ge­hört zu wer­den. Ei­ne Ge­schich­te ist so vie­le Ge­schich­ten. Al­so sprich und le­be – bis zu dei­nem Tod.“

AYELET WALD­MAN, MICHA­EL CH­A­BON (HRSG.):Oli­ven und Asche – Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler be­rich­ten über die is­rae­li­sche Be­sat­zung inPa­läs­ti­naKie­pen­heu­er und Witsch, 560 Sei­ten, 28 Eu­ro

BÜCHER­ma­ga­zin ver­lost drei­mal „Oli­ven und Asche“(Kie­pen­heu­er & Witsch). Teil­nah­me­be­din­gun­gen auf S. 4. Viel Glück!

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