Jan Brandt: Ver­gess­li­che Mo­men­te

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Am Mitt­woch, den 25. Fe­bru­ar 2009, auf der Buch­pre­mie­re von Tho­mas Klupps De­büt­ro­man Paradiso in der Kreuz­ber­ger Kn­ei­pe Wen­del am Schle­si­schen Tor stan­den wir drau­ßen ne­ben­ein­an­der, ich im Par­ka, sie in ei­nem schwar­zen Man­tel, mit schwar­zen Haa­ren, ei­nem Pa­gen­schnitt, und tran­ken Bier. Svea­le­na Kutsch­ke rauch­te ei­ne Zi­ga­ret­te nach der an­de­ren, mit Span­nung er­war­te­te sie das Er­schei­nen ih­res ei­ge­nen De­büt­ro­mans Et­was Klei­nes gut ver­sie­geln. Dar­in geht es um ei­ne jun­ge Fo­to­gra­fin, die nach Aus­tra­li­en auf­bricht, um ein neu­es Le­ben zu be­gin­nen, bis sie auf der Stra­ße ein Foto fin­det, auf dem sie selbst zu se­hen ist – al­ler­dings in ei­ner ihr voll­kom­men un­be­kann­ten Um­ge­bung. Svea­le­na er­zähl­te da­von mit ei­ner so gro­ßen Er­leich­te­rung und Vor­freu­de, dass ich be­schloss, jetzt auch end­lich ein­mal mit mei­nem De­büt­ro­man fer­tig wer­den zu müs­sen.

Vier Jah­re spä­ter, in­zwi­schen war mein ers­ter Ro­man er­schie­nen, traf ich sie wie­der. Es war Sams­tag, der 20. Ju­li 2013. Lars Cla­ßen, da­mals Lek­tor bei Suhr­kamp, hat­te mich zu ei­nem Abend­es­sen ins Re­stau­rant Them­roc an der Tor­stra­ße ein­ge­la­den. Ich saß zwi­schen dem aus Po­len stam­men­den Schrift­stel­ler Mat­thi­as Na­wrat und Svea­le­na, die mit Span­nung das Er­schei­nen ih­res zwei­ten Ro­mans Ge­fähr­li­che Ar­ten er­war­te­te, der in der Ber­li­ner Bo­he­me spielt: Künst­ler, die in of­fe­nen Be­zie­hun­gen le­ben, bis ei­ne von ih­nen, die Er­zäh­le­rin, schwan­ger wird, sich von ih­ren Mit­men­schen ent­frem­det und im­mer mehr ra­di­ka­li­siert – ei­ne bru­ta­le Ge­schich­te, ge­schil­dert in ei­ner eben­so küh­nen wie kal­ten Spra­che. Ich hat­te das Vor­ab­ex­em­plar ge­le­sen. Der Satz „Wir hat­ten uns ei­ne ewi­ge Ju­gend er­laubt, für die wir schon lan­ge zu alt wa­ren“ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und als wir vorm Them­roc sa­ßen, muss­te ich dar­an den­ken, dass die­ser Satz auch auf uns zu­tref­fen konn­te. Und dann spra­chen wir dar­über, dass sich das Feuille­ton nach Welt­hal­tig­keit seh­ne, nach true sto­ries, nach den Ge­schich­ten hin­ter den Ge­schich­ten, und dass die we­nigs­ten Schrift­stel­ler ei­ne sol­che Ge­schich­te ha­ben, al­len­falls Cle­mens Mey­er. Der, sag­te Lars, sei aber ei­ne ech­te Aus­nah­me, er in­sze­nie­re sich aber auch, sei­ne Welt­hal­tig­keit sei un­be­streit­bar. Und Svea­le­na sag­te, wenn sie noch ein­mal das Wort Welt­hal­tig­keit hö­re, fan­ge sie an zu schrei­en.

Zu der Zeit ar­bei­te­te ich fürs In­ter­view­Ma­ga­zin als Re­dak­teur für Kurz­ge­schich­ten, und ich bat Svea­le­na, mir et­was zu schi­cken, und was sie mir schick­te, war Tra­ve­con­nec­tion, ei­ne Ge­schich­te über Lü­be­cker Punks, die sich stän­dig mit al­lem mög­li­chen Zeugs zu­dröh­nen und von ih­ren tran­szen­den­ta­len Er­fah­run­gen be­rich­ten. Nur im Rausch kön­nen sie ih­rer Ver­gan­gen­heit ent­kom­men. Das kam mir sehr ver­traut vor, nicht nur we­gen der Spra­che, we­gen Wor­ten wie „Kr­ab­ben­puh­ler“, „Ge­döns“und „dös­bad­de­lig“, die ich aus mei­ner ei­ge­nen nord­deut­schen Ver­gan­gen­heit kann­te. Da­mals wuss­te ich noch nicht, dass der Text mo­ti­visch zu ei­nem Ro­man ge­hör­te, an dem sie seit Jah­ren ar­bei­te­te und der erst Jah­re spä­ter Gestalt an­neh­men soll­te.

Am Frei­tag, den 30. Mai 2014, saß sie beim Li­te­ra­tur­fes­ti­val Pro­sa­no­va in Hil­des­heim mit Tho­mas Klupp und Lars Cla­ßen auf dem Po­di­um und er­zähl­te vom Schrei­ben, da­von, dass sie frü­her im­mer schnell Tex­te an­de­ren ge­zeigt ha­be und dass sie das jetzt im­mer we­ni­ger ma­che. Da­nach sa­hen wir uns lan­ge nicht. Sie schrieb, wie ich hör­te, an ih­rem gro­ßen Ro­man, ih­rem Lü­beck-Ro­man, der ganz an­ders sein soll­te als der an­de­re gro­ße Lü­beck-Ro­man, erns­ter und ra­di­ka­ler, aber das wa­ren, weil sie ja nichts da­von her­aus­rück­te, nur Ge­rüch­te. Im Som­mer 2017 war es dann end­lich so weit. Ihr Ver­lag kün­dig­te Stadt aus Rauch an, die­ses, wie es hieß, „wahn­sin­ni­ge Werk“über drei Frau­en und drei Ge­ne­ra­tio­nen, ein Epos über das 20. Jahr­hun­dert, über den Auf­stieg und Fall des Fa­schis­mus in Deutsch­land, über Selbst­lie­be und Frem­den­hass, Künst­ler und Sol­da­ten, Punks und Pro­le­ten, mit ei­ni­gen be­mer­kens­wer­ten Auf­trit­ten des Teu­fels als ma­ni­schem Be­ob­ach­ter, ein ko­los­sa­ler Ge­sell­schafts­ro­man vol­ler Poe­sie, Ma­gie und Rea­lis­mus.

In der Z-Bar in Mit­te gab es am Don­ners­tag, den 14. Sep­tem­ber, ei­ne Vor­ab­pre­mie­re. Mat­thi­as Na­wrat war auch da, wir sa­ßen auf Ki­no­ses­seln im Hin­ter­zim­mer. Svea­le­na sprach von Lü­beck, ih­rer Hei­mat­stadt, in der sich die gan­ze deut­sche Ge­schich­te spie­ge­le: von der Macht und dem Stolz des Bür­ger­tums, vom Un­ter­gang im Zwei­ten Welt­krieg über die Ver­säum­nis­se, hin­ter­her ver­ant­wor­tungs­voll mit der ei­ge­nen Schuld um­zu­ge­hen, bis hin zu dem nie auf­ge­klär­ten Brand­an­schlag auf ein Asyl­be­wer­ber­heim in der Ha­fen­stra­ße. Ein ge­ra­de we­gen sei­ner His­to­rie ab­so­lut aktuelles Buch, aus dem mir wie­der ein Satz im Ge­dächt­nis hän­gen ge­blie­ben war, ein Halb­satz: „… dass je­de Zu­kunft aus der Ver­gan­gen­heit ent­steht, dass nie­mand frei sein kann, des­sen Blick durch die gol­de­nen, kleb­ri­gen Spinn­we­ben der My­then ver­hängt ist.“Und spä­ter an der rauchum­wölk­ten Bar konn­ten wir gar nicht an­ders, als über die Ge­gen­wart spre­chen, über Un­garn, Po­len, Trump und die AfD, über die neu­en Rech­ten und die neue Rhe­to­rik und wie wir uns da­zu ver­hiel­ten. Und plötz­lich war sie da, die Welt­hal­tig­keit, die wir uns vor Jah­ren noch ab­ge­spro­chen hat­ten. Und Svea­le­na schrie nicht, als ich „Welt­hal­tig­keit“sag­te, sie nick­te bloß und sag­te: „Ge­schich­te wie­der­holt sich, wenn man sie nicht auf­ar­bei­tet.“

JAN BRANDT schreibt für das BÜCHER­ma­ga­zin über die jun­ge deut­sche Li­te­ra­tur­sze­ne. Sein Buch „Stadt oh­ne En­gel – Wah­re Ge­schich­ten aus Los An­ge­les“(Du­Mont) ist im Herbst 2016 er­schie­nen

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