Ba­cken ist Lie­be

Bücher Magazin - - Inhalt - VON SA­BI­NE KELP

Ge­zu­cker­te Lo­ve­sto­rys

Mit dem Ba­cken ist es doch so: Es be­geis­tert uns durch Sinn­lich­keit und Lei­den­schaft, Hand­werk und Tra­di­ti­on. Man weiß, dass die Her­stel­lung von Tört­chen oder Zöp­fen ei­ni­ge Mü­he mit sich bringt, mit­un­ter in Ver­zweif­lung um­schlägt, doch am En­de mit ei­nem Hoch­ge­fühl be­lohnt wird. Und jetzt zei­gen Sie mir ei­nen Lie­bes­ro­man, in dem die­se Pa­ra­me­ter kei­ne Rol­le spie­len. Das Prin­zip ist fast im­mer das Glei­che: Die Be­tei­lig­ten nä­hern sich an, ih­re jun­ge Be­zie­hung er­lei­det Rück­schlä­ge, sie fin­den wie­der zu­sam­men und am En­de steht ein Hap­py End. Tri­vi­al? Viel­leicht. Doch schließ­lich liest man auch, um sich in ei­nen an­de­ren Ge­fühls­zu­stand ver­set­zen zu las­sen. Martin Wal­ser recht­fer­tigt das so: „Ich ken­ne nicht ein ein­zi­ges Buch, in dem ein un­glück­li­ches En­de be­ju­belt wird, in dem der Schrei­ber sich glück­lich zeigt über das un­glück­li­che En­de […].“*War­um al­so nicht gleich Leich­tig­keit und Hap­py End?

HÄTT ICH DICH HEUT ER­WAR­TET, HÄTT ICH KU­CHEN …

Auf den Ro­man Die Zi­tro­nen­schwes­tern von Va­len­ti­na Ce­be­ni passt das „be­währ­te Re­zep­te“- Sche­ma per­fekt: Elet­t­ra sucht in ei­nem ita­lie­ni­schen In­sel­k­los­ter nach den Ge­heim­nis­sen ih­rer El­tern. Dort spürt sie der Lie­be ih­rer im Ster­ben lie­gen­den Mut­ter nach, kommt je­doch selbst beim Ba­cken in der Klos­ter­back­stu­be nicht zur Ru­he. Schließ­lich trifft sie auf Adri­an, des­sen Avan­cen sie zu­neh­mend ver­wir­ren. Die Ge­schich­te ist an ei­ni­gen Stel­len viel­leicht et­was zu bild­haft ge­ra­ten. Doch ver­mag sie die­ses zu­frie­de­ne „Hach, schön“zu ver­mit­teln, das nur Lie­bes­ro­ma­ne (und viel­leicht Anis­bröt­chen aus der Klos­ter­bä­cke­rei) kön­nen. Seit je­her hat die Klos­ter­bä­cke­rei die In­sel­be­woh­ner mit Brot ver­sorgt. Mit dem Wie­der­be­le­ben die­ser Tra­di­ti­on durch­bre­chen Elet­t­ra und ih­re Freun­din­nen end­lich ei­ne dunk­le Zeit auf der In­sel. Auch Pol­ly backt für In­sel­be­woh­ner. Und wie bei den „Zi­tro­nen­schwes­tern“lockt al­lein der Ge­ruch ih­rer Bro­te Ein­hei­mi­sche und Be­su­cher an. Ih­re Bä­cke­rei auf der Ge­zei­ten­in­sel Mount Pol­be­ar­ne in Corn­wall ist mitt­ler­wei­le zum drit­ten (und ver­mut­lich letz­ten) Mal Schau­platz ge­fühl­vol­ler Ge­schich­ten, die von Freun­din­nen, der Lie­be und vom Ent­frem­den und Wie­der­zu­sam­men­fin­den er­zäh­len. Chick-Lit at its best. Wie Elet­t­ra muss sich auch Pol­ly mit

Wenn die Ver­bin­dung von

Mehl, Zu­cker und But­ter uns rühr­se­lig macht, steht ent­we­der Weih­nach­ten vor der Tür oder ein neu­er

Ro­man von Pop­py J. An­der­son in den Re­ga­len. Oder bei­des. Aber war­um pas­sen Ba­cken und Lie­bes­ge­schich­ten ei­gent­lich so gut

zu­sam­men?

der Ge­schich­te ih­rer El­tern aus­ein­an­der­set­zen, und so fü­gen sich in Weih­nach­ten in der klei­nen Bä­cke­rei am Strand­weg die Din­ge letzt­lich so zu­sam­men, dass das Hap­py End das Sah­ne­häub­chen der Tri­lo­gie ist. Da Corn­wall und Lie­bes­ge­schich­ten nicht nur bei Ro­sa­mun­de Pil­cher zu­sam­men­ge­hö­ren, knüpft auch Phil­lipa Ash­ley mit ih­rer „Ca­fé am Meer“-Rei­he an die­ses Er­folgs­re­zept an. Weih­nach­ten im Ca­fé am Meer ist die Fort­set­zung ei­ner leich­ten Som­mer­lek­tü­re, die das Herz wärmt, wäh­rend ein Sturm tobt – vor Corn­walls Küs­te und in den Her­zen von De­mi und Cal. Zart ver­führt, Band drei der vier­tei­li­gen „Tas­te of Lo­ve“-Rei­he von Pop­py J. An­der­son, spielt hin­ge­gen in Bos­ton. USA und Pa­tis­se­rie? Pas­sen da Ita­li­en, Frank­reich oder zur Not auch Corn­wall nicht bes­ser? Kei­nes­wegs. Denn Liz be­herrscht die Zu­be­rei­tung von Ma­ca­rons & Co. per­fekt; sie ver­kör­pert ih­re Back­wa­ren ge­ra­de­zu: „Er war wie be­ne­belt von dem Ge­ruch nach Va­nil­le, Scho­ko­la­de, Frau und Lust.“Adam, eins­ti­ges Mo­del und nun Be­trei­ber ei­nes Fit­ness­clubs, ver­liebt sich auf der Stel­le in sie. Stün­de ihm da nur nicht sei­ne ver­letz­te See­le als Schei­dungs­kind im Weg … Pop­py J. An­der­son kennt die Zu­ta­ten für ei­nen Lie­bes­ro­man ge­nau. Das liegt nicht nur dar­an, dass sie lei­den­schaft­lich gern backt, sie weiß vor al­lem, wel­ches Set­ting ei­ne Ge­schich­te braucht und dass die Cha­rak­te­re kei­nes­falls per­fekt sein dür­fen (sie­he In­ter­view). Al­lein ih­re E-Books ha­ben sich über ei­ne Mil­li­on Mal ver­kauft. Auch Die Zu­ta­ten zum Glück spielt in Bos­ton. Al­ler­dings setzt Pâ­tis­siè­re Oli­via mit ih­rem „Ba­ked Alas­ka“, ei­nem flam­bier­ten Traum aus Bai­ser und Pis­ta­zien­eis, ei­nen Lu­xus­club in Flam­men, so­dass sich die Ge­schich­te bald nach Ver­mont aufs Land ver­la­gert. Und hier nimmt das Schick­sal knis­ternd sei­nen Lauf. Die Tat­sa­che, dass die Au­to­rin Loui­se Mil­ler Pâ­tis­siè­re ist, merkt man die­sem De­büt eben­so an wie ih­re Freu­de an For­mu­lie­run­gen. Es sind die klei­nen Ne­ben­sät­ze, die das Le­sen so un­ter­halt­sam ma­chen. „Es war nie ein gu­tes Zei­chen, wenn ich ei­nen Mann da­mit be­ein­dru­cken woll­te, wie saf­tig mei­ne po­chier­ten Bir­nen wa­ren“oder „Dann mach­te ich mich, an­ge­trie­ben von dem Wunsch, von je­man­dem ‚Schatz‘ ge­nannt zu wer­den, auf in Rich­tung Nor­den“. Man ver­sinkt in die­se Ge­schich­ten so leicht, wie man sie an­schlie­ßend be­glückt zur Sei­te legt. Und wenn die ei­ne, Pol­ly, nach Leb­ku­chen duf­tet und die an­de­re, Liz, nach Va­nil­le und Zimt, kann man wohl von leich­ter Kost mit gro­ßem Wohl­ge­fühl spre­chen. Üb­ri­gens: Das Gen­re be­geis­tert auch schon den Le­se-Nach­wuchs mit Ti­teln wie Die Glücks­bä­cke­rei oder P.S. – I still lo­ve you.

ZART WIE SAHNEBAISER

Wem das al­les zu tri­vi­al ist, fin­det der­zeit auch ei­ne gan­ze Rei­he von Ro­ma­nen oh­ne „Bridget Jo­nes“-At­ti­tü­de. So wie Die un­zäh­li­gen Wun­der der Car­mi­ne Street von So­phie Chen Kel­ler. Der Schau­platz, ei­ne klei­ne Pa­tis­se­rie in New York, ist für Wal­ter La­ven­der jun. Aus­gangs­punkt für sei­ne Su­chen nach ver­lo­re­nen Din­gen. Da­bei fin­det er nicht nur Ver­lo­ren­ge­gan­ge­nes, son­dern auch die da­zu­ge­hö­ri­gen Men­schen mit ih­ren Be­son­der­hei­ten. Die­ser Ro­man ist so lei­se und vol­ler Lei­den­schaft, dass Ka­ta­stro­phen in Ne­ben­sät­zen ver­schwin­den. Und er er­zählt von Land­ap­fel-Ga­let­te­häpp­chen, die Mus­kel­ver­span­nun­gen lo­ckern, so an­schau­lich, dass man ein ge­nau­es Bild von die­ser Pa­tis­se­rie zwi­schen der 6th und 7th Ave­nue vor Au­gen hat. Ein Blick auf Goog­le Maps zeigt, wie rich­tig man mit die­ser Vor­stel­lung liegt. Auch Ein fast per­fek­tes Wun­der wird schnell zum Her­zwär­mer – aber auf De-Car­lo-Art. Kaum je­mand sonst kann die­se merk­wür­di­ge Dis­tanz

zu den Fi­gu­ren und gleich­zei­tig gro­ße Nä­he und Iden­ti­fi­ka­ti­on schaf­fen. Und nur De Car­lo kann ei­ne Sze­ne über vie­le Sei­ten auf­bau­en, oh­ne dass man Tei­le da­von schnell über­flie­gen möch­te. Im Ge­gen­teil: Hier er­öff­net das Pro­bie­ren von Eis­sor­ten über vie­le Sei­ten ei­nen zar­ten Lie­bes­akt, der we­der ge­wöhn­lich noch or­di­när an­mu­tet: „Al­les hast du ein­ge­fan­gen in die­sem Fior­di­lat­te-Eis. Das In­nen und das Au­ßen, das Wie­der­fin­den und den Ver­lust, die wun­der­sa­me Freu­de ei­nes Au­gen­blicks, der ver­geht.“„Ih­re Ver­stän­di­gung be­ruht auf ih­rem Atem, der tie­fer oder fla­cher wird, wie ein non­ver­ba­les, ab­so­lut prä­zi­ses Al­pha­bet“. Ein Buch – so zart und gleich­zei­tig sti­lis­tisch ex­akt wie ei­ne per­fek­te Eis­creme. Und dann ist da noch El­ke, die Haupt­dar­stel­le­rin in El­ke – Ein schma­les Buch über die Wir­kung von Ku­chen. Dass El­ke an­ders ist, merkt man gleich auf der ers­ten Sei­te. Denn El­ke ist fett. Sie, der fünf­jäh­ri­ge Adri­an und der un­ge­len­ke Ca­fé­be­sit­zer Uwe sind die See­le der Lu­bitsch, ei­ner Stra­ße von vie­len in Ber­lin. El­ke mag die op­ti­sche An­ti­the­se zu Amé­lie sein, aber ih­re Art, hier und da dem Schick­sal lie­be­voll nach­zu­hel­fen, ist eben­so an­rüh­rend wie im Ca­fé des Deux Mou­lins. Am En­de steht die Fra­ge, ob Selbst­be­stim­mung nicht manch­mal der Kol­lek­tiv­ver­nunft vor­zu­zie­hen ist. Selbst oder vor al­lem dann, wenn es um Ku­chen geht. Üb­ri­gens: Ge­ra­de erst hat die US-Auf­sichts­be­hör­de für Le­bens­und Arz­nei­mit­tel ei­ne Groß­bä­cke­rei ge­rügt – sie hat­te Lie­be als Zu­tat ih­rer Back­wa­ren an­ge­ge­ben.

POP­PY J. AN­DER­SON: Tas­te of Lo­ve – Zart ver­führt Lüb­be, 367 Sei­ten, 12,90 Eu­ro, als Hör­buch bei Lüb­be Au­dio VA­LEN­TI­NA CE­BE­NI: Die Zi­tro­nen­schwes­tern Über­setzt von Syl­via Spatz, Bri­git­te Lin­de­cke Pen­gu­in, 448 Sei­ten, 10 Eu­ro, als Hör­buch bei der...

THE­RE­SA BAUMGÄRTNER: Ba­cken in der Win­ter­zeit Die be­lieb­te Fern­seh­kö­chin The­re­sa Baumgärtner öff­net ih­re per­sön­li­che Win­ter­back­stu­be, gibt De­ko­ra­ti­ons­ide­en für die Weih­nachts­zeit und lädt zum Träu­men ein: mit Ge­schich­ten über Freund­schaft, Lie­be zur...

KA­THRYN LITTLEWOOD: Die Glücks­bä­cke­rei – Die ma­gi­sche Zeit Über­setzt von Pe­tra Ri­kert Fi­scher K JB, 320 Sei­ten, 14,99 Eu­ro, ab 10, als Hör­buch bei Silberfisch JEN­NY HAN: P.S. – I still lo­ve you Über­setzt von Bir­gitt Koll­mann Han­ser, 336 Sei­ten, 16...

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