Wie­der­ent­deck­te Klas­si­ker

Bücher Magazin - - Inhalt - VON HEI­KO KAMMERHOFF

Das größ­te Glück in der Kar­rie­re des Schrift­stel­lers Vla­di­mir Na­bo­kov ist „Lo­li­ta“. Der Ro­man macht ihn im Jahr 1958 erst in den USA und dann auf der gan­zen Welt be­rühmt und be­rüch­tigt. Der Ich-Er­zäh­ler Hum­bert Hum­bert – char­mant, ego­is­tisch, amo­ra­lisch – legt dar­in aus dem Knast her­aus sei­ne Le­bens­beich­te ab: Sei­ne pä­do­phi­le Nei­gung zu „Nym­phen“fin­det Er­fül­lung, als es ihm ge­lingt, Stief­va­ter der zwölf­jäh­ri­gen Do­lo­res zu wer­den. Mit ihr be­gibt er sich auf ei­ne Tour durch die Staa­ten und er schei­tert auf al­len Ebe­nen. „Lo­li­ta“ist ein per­ver­tier­tes Mär­chen, ein ame­ri­ka­ni­scher Alb­traum. In den Nach­kriegs­jah­ren, in de­nen die Ge­sell­schaft ma­te­ri­el­len Wohl­stand ge­nießt und ma­kel­lo­sen An­stand mimt, ist das Buch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ein Skan­dal. Vie­le er­ken­nen in ihm aber auch ein li­te­ra­ri­sches Meis­ter­werk. Der Au­tor – ein Rus­se, der in ei­nem ver­spiel­ten, nu­an­cier­ten Eng­lisch schreibt – ist ein Star. Aber wer ist er und wo kommt er her?

Die „Brie­fe an Vé­ra“ge­ben dar­über nun Aus­kunft, und zwar aus­führ­lich und sehr privat. Das di­cke Buch be­schließt zu­gleich die schi­cke 24-bän­di­ge Wer­k­aus­ga­be im Ro­wohlt-Ver­lag, die dort seit An­fang der Neun­zi­ger peu à peu er­schie­nen ist. Der ver­le­ge­ri­sche Ma­ra­thon (ver­ant­wor­tet von Die­ter E. Zim­mer) prä­sen­tiert den Au­tor Na­bo­kov in gan­zer Fül­le und Viel­falt. „Lo­li­ta“ist viel­leicht das Kern­stück, aber das Mo­sa­ik be­ein­druckt erst in sei­ner Ge­samt­heit so rich­tig.

Na­bo­kovs Le­bens­weg liest sich in Tei­len selbst wie ein Ro­man. An vie­len Ab­zwei­gun­gen stellt sich die Fra­ge: „Was wä­re

Vla­di­mir Na­bo­kov ist ei­ner der größ­ten Er­zäh­ler des 20. Jahr­hun­derts. Die Brie­fe an sei­ne Frau Vé­ra, die nun zum ers­ten Mal auf Deutsch er­schei­nen, zei­gen ihn von sei­ner per­sön­li­chen Sei­te.

ge­we­sen, wenn …?“Ge­bo­ren im letz­ten Jahr des 19. Jahr­hun­derts, ha­ben Zu­fäl­le, welt­po­li­ti­sche Um­stän­de und per­sön­li­che Ent­schei­dun­gen sei­ne Bio­gra­fie mehr­mals in völ­lig neue Bah­nen ge­lenkt. Aus sei­ner Ent­wur­ze­lung hat er ei­ne Tu­gend ge­macht und mit den Er­fah­run­gen sei­ne Bü­cher ge­speist. Die groß­bür­ger­li­che Fa­mi­lie muss 1917 aus St. Pe­ters­burg (wo er nach ei­nem sei­ner be­kann­te­ren Bon­mots als „völ­lig nor­ma­les drei­spra­chi­ges Kind“auf­ge­wach­sen war) vor der Re­vo­lu­ti­on und den Bol­sche­wis­ten flie­hen. In Ber­lin fällt sein Va­ter dann ei­nem At­ten­tat zum Op­fer. Na­bo­kov zieht es nach Cam­bridge zum Stu­di­um. Zu­rück im un­ge­lieb­ten Ber­lin trifft er 1923 auf Vé­ra. Da­mit be­ginnt ei­ne Lie­be und – auch li­te­ra­ri­sche – Part­ner­schaft, die über 50 Jah­re bis zu sei­nem Tod im Jahr 1977 währt.

Der Groß­teil der Brie­fe stammt aus den Vor­kriegs­jah­ren. Der jun­ge Na­bo­kov macht in rus­si­schen Exi­lan­ten­krei­sen auf sich auf­merk­sam – zu­nächst un­ter dem Pseud­onym „W. Si­rin“, um ei­ne Ver­wechs­lung mit sei­nem gleich­na­mi­gen Va­ter aus­zu­schlie­ßen. Die Brie­fe, die er sei­ner Ge­lieb­ten täg­lich schickt – durch die Stadt, spä­ter in ein Sa­na­to­ri­um im Schwarz­wald, in dem sie we­gen De­pres­sio­nen be­han­delt wird, oder aus Frank­reich und En­g­land, wo er sich in li­te­ra­ri­schen und uni­ver­si­tä­ren Krei­sen um­tut –, sind vol­ler über­schwäng­li­cher Lie­bes­schwü­re. In die­ser Ge­ball­theit sind sie ziem­lich dick auf­ge­tra­gen: „Ich lie­be Dich, wirk­lich mehr als die Son­ne“, schreibt Na­bo­kov im­mer und im­mer wie­der, in 100 Va­ria­tio­nen. Doch die Brie­fe sind mehr als nur ein schmal­zi­ges Poe­sie­al­bum. Sie zei­gen den schwie­ri­gen Weg zur An­er­ken­nung, die ewi­gen Geld­sor­gen, die Last des Exils. Sie be­leuch­ten ein­mal mehr die Lei­den­schaf­ten, die Na­bo­kov ne­ben Frau und Li­te­ra­tur hat: Ten­nis, Rät­sel, Schach und vor al­lem das Sam­meln von Schmet­ter­lin­gen (selbst un­ter Wis­sen­schaft­lern war Na­bo­kov auf die­sem Ge­biet ein an­ge­se­he­ner Ex­per­te).

1940 sie­delt die Fa­mi­lie Na­bo­kov (mit dem Sohn Di­mi­tri) in die USA über. Dort hält der Schrift­stel­ler ge­fei­er­te Vor­le­sun­gen über Li­te­ra­tur ab. Und er wech­selt die Spra­che. Auf Eng­lisch wird er zum Welt­schrift­stel­ler – was nicht zu­letzt an „Lo­li­ta“liegt. Ab 1961 le­ben die Na­bo­kovs im schwei­ze­ri­schen Mon­treux stan­des­ge­mäß in ei­nem Grand Ho­tel. Brie­fe tau­schen sie kaum noch, die bei­den sind fast un­zer­trenn­lich. Mit die­sem Brief­band lässt sich ein­deu­tig sa­gen: Das größ­te Glück im Le­ben des Men­schen Vla­di­mir Na­bo­kov ist Vé­ra.

VLA­DI­MIR NA­BO­KOV: Brie­fe an Vé­ra Über­setzt von Lud­ger Tolks­dorf Ro­wohlt, 1152 Sei­ten, 40 Eu­ro

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