Der Herbst ist Me­lan­cho­lie, der Früh­ling sanf­tes La­chen

Bücher Magazin - - Inhalt - VON TI­NA MUFFERT

Ti­tel­in­ter­view mit Char­ly Hüb­ner

Char­ly Hüb­ner ent­führt uns mit „Ein iri­scher Dorf­po­li­zist“ins raue Ir­land, ein Land, das er mehr­fach be­reis­te und ihn nach­hal­tig be­ein­druckt. Ein Ge­spräch über Me­lan­cho­lie als po­si­ti­ven Be­glei­ter, Of­fen­heit im Le­ben und die gu­te, iri­sche Le­bens­art.

Sie klin­gen in „Ein iri­scher Dorf­po­li­zist“wie ein kul­ti­vier­ter See­bär, mit rau­em, aber gleich­zei­tig zar­tem Tim­bre, auch durch­aus mit ei­nem Schmun­zeln auf den Lip­pen. Man hat beim Zu­hö­ren das Ge­fühl, das Ein­le­sen hat Ih­nen sehr viel Spaß ge­macht? Stimmt das?

Ja. Da ist die­se sanf­te Iro­nie in der Spra­che. Ich mag die At­mo­sphä­re der Haupt­fi­gu­ren dort. Es steckt ei­ne gro­ße Me­lan­cho­lie in der Ge­schich­te, das ge­fällt mir. Nie ist es für die Men­schen aus die­sem Dorf wirk­lich toll.

Das ist auch das Span­nen­de. „Der iri­sche Dorf­po­li­zist“spielt in Dun­dee, am Arsch der Welt, wie es in der Be­schrei­bung so schön heißt. Die Welt scheint

ste­hen­ge­blie­ben, bis ei­ne Lei­che auf ei­nem Bau­ern­hof ge­fun­den wird und die Ein­woh­ner – be­la­den mit vie­len Päck­chen des Le­bens – ent­blät­tert wer­den. Moch­ten Sie das Buch des­halb so sehr? Je­der ein­zel­ne Cha­rak­ter für sich ver­birgt ei­ne tra­gi­sche Ge­schich­te. Das Dorf Dun­dee ist für mich wie ein Kos­mos, der für Eu­ro­pa steht. Al­le wol­len ab­ge­holt und ge­liebt wer­den. Da geht es um gro­ße Ge­heim­nis­se un­ter­ein­an­der, Sinn­su­che des Le­bens und be­täu­ben des­sel­bi­gen mit Al­ko­hol, aber auch das Er­lei­den schwe­rer Schick­sals­schlä­ge. Und dann gibt es na­tür­lich PJ, den Dorf­po­li­zis­ten.

… ein ech­tes Ori­gi­nal.

Er ist wie ei­ne ver­schla­fe­ne Bull­dog­ge, hat das Herz am rech­ten Fleck und ist oft noch wie ein rie­sen­gro­ßes Kind. Er ist ver­blüfft, dass sich wirk­lich zwei Frau­en in ihn ver­gu­cken und dass er sich zu­traut, Sex zu ha­ben. Er ist au­then­tisch, mensch­lich und nicht ver­lo­gen. Er ist noch so wach und hat ei­ne in­ne­re Auf­rich­tig­keit sich selbst ge­gen­über.

Ei­ne groß­ar­ti­ge Stel­le in der Ge­schich­te ist fol­gen­des Ge­dan­ken­spiel von PJ: „Ist es mög­lich, dass ein sim­pler Sco­nes ei­ne der­ar­ti­ge Ge­fühls­ver­wir­rung her­vor­ru­fen konn­te? PJ fühl­te sich be­vor­mun­det, gie­rig, wü­tend, hung­rig und un­ter­le­gen.“

Das zeigt die Spra­che und die tro­cke­ne Iro­nie des Ro­mans.

„Der iri­sche Dorf­po­li­zist“ist ihr drit­tes, gro­ßes Hör­buch, was Sie ein­ge­le­sen ha­ben. Mö­gen Sie das Gen­re zu­neh­mend?

Ja, zu­neh­mend! An­fangs kam ich mit der Stu­dio­si­tua­ti­on nicht klar, weil mir das Still­sit­zen am Tisch so schwer­fiel. Ich bin ein Zap­pel­phil­ipp, wie man frü­her sag­te.

Sie spra­chen von ei­ner gro­ßen Me­lan­cho­lie in der Ge­schich­te. Sind Sie oft me­lan­cho­lisch?

Me­lan­cho­lie be­glei­tet uns doch stän­dig, ich fin­de, es ist et­was sehr Schö­nes. Wenn man ei­ne St­un­de zu we­nig ge­schla­fen hat, ver­fällt man doch schon in Me­lan­cho­lie. Je­der kennt das, aber die meis­ten Men­schen ren­nen weg da­vor, weil es ei­nen wahr­haf­tig be­rührt. Me­lan­cho­lie be­deu­tet für mich Herbst und sanf­tes La­chen ist für mich der Früh­ling.

Me­lan­cho­lie kann ja auch durch­aus in Trau­rig­keit über­ge­hen. Ken­nen Sie das auch?

Trau­rig­keit ist dann doch ein ganz an­de­res Ge­fühl.

Wann wa­ren Sie das letz­te Mal trau­rig? Erst vor Kur­zem, als ein Freund und Schau­spiel­kol­le­ge viel zu früh starb.

Fah­ren Sie in sol­chen Si­tua­tio­nen ger­ne in Ihr Haus nach Meck­len­burg-Vor­pom­mern?

Nein, das ei­ne hat mit dem an­de­ren nichts zu tun. Meck­len­burg ist schlicht ein tol­ler Rück­zugs­ort, weil es hier gro­ße Stil­le und Wei­te gibt. Das sind Rie­sen­ge­schen­ke. Ir­land hat das ja auch.

Ha­ben Sie das Land be­reist?

Oft. Seit den 90ern – im­mer wie­der. Do­ne­gal und Con­ne­ma­ra mag ich am liebs­ten. In Ir­land wol­len sich die Na­tur­geis­ter noch zei­gen.

Ha­ben Sie dort auch Ein­hei­mi­sche ken­nen­ge­lernt?

Ja. Wir ha­ben uns in B&Bs (Bed & Bre­ak­fast, Pri­vat­un­ter­künf­te bei Ein­hei­mi­schen, Anm. d. Red.) ein­ge­mie­tet und je­den Tag bei an­de­ren Gast­ge­bern über­nach­tet. Da­durch lernst du die Leu­te ken­nen und man snackt ei­nen run­ter. Der längs­te Klön war mit ei­nem Bau­ern …

Den ha­ben Sie im Bed & Bre­ak­fast ken­nen­ge­lernt?

Nein, auf der Stra­ße bei Wa­ter­vil­le. Der kam da den Hang mit dem Fahr­rad run­ter­ge­ei­ert und quatsch­te ein­fach drauf los. An­fangs ha­be ich ab­so­lut nichts ver­stan­den, er hat ein für mich nicht ver­ständ­li­ches Eng­lisch ge­spro­chen. Dann hab ich nach ei­ni­ger Zeit ein­fach in mei­nem Hirn auf Platt­deutsch um­ge­schal­tet und dann konn­te ich ihn ver­ste­hen. Er war ganz be­geis­tert vom Mau­er­fall, er­zähl­te mehr­mals, wie sie wein­ten vorm TV, als sie die Bil­der vom 9.11.89 sa­hen und dann er­zähl­te er mir gleich da­nach, dass es an dem Tag zwölf Re­gen­güs­se ge­ben wird. Ich soll­te mal auf den At­lan­tik schau­en, da kön­ne man schon al­le Wol­ken kom­men se­hen.

CHAR­LY HÜB­NER HÖ­REN GRA­HAM NORTON: Ein iri­scher Dorf­po­li­zist Argon, un­ge­kürz­te Le­sung, 420 Min./ 6 CDs, 19,95 Eu­ro AGA­THA CHRIS­TIE: Der Mord an Ro­ger Ack­royd der Hör­ver­lag (2013), un­ge­kürz­te Le­sung 405 Min./1 MP3-CD, 9,99 Eu­ro HANS GE­ORG LEN­ZEN,...

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