In der Über­zahl

2 000 Men­schen set­zen in Kan­del Zei­chen ge­gen Hass / Ver­ein­zel­te Aus­schrei­tun­gen

Badische Neueste Nachrichten (Ettlingen) - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Ni­na Setz­ler

Kan­del. Bet­ti­na Al­tes­le­ben vom DGB Rhein­land-Pfalz/Saar­land ver­teilt ro­te Fähn­chen an ei­ne Rei­se­grup­pe, die ge­ra­de mit dem Bus aus Saar­brü­cken an­ge­kom­men ist und in Rich­tung Bahn­hof Kan­del läuft. „Ich bin kein Ge­werk­schafts­mit­glied, ha­be aber von die­ser Bus­fahrt er­fah­ren und fin­de es wich­tig, hier da­bei zu sein“, sagt ein Mann et­wa Mit­te drei­ßig. Er will sei­nen Na­men nicht nen­nen, zeigt aber be­reit­wil­lig Flag­ge, in­dem er mit rund 2 000 an­de­ren Men­schen dem Auf­ruf des Bünd­nis­ses „Wir sind Kan­del“ge­folgt ist. „Heu­te sind vie­le Men­schen hier, die mit of­fe­nen Au­gen durch die Welt ge­hen und nicht nur hin­neh­men wol­len, was pas­siert“, glaubt Al­tes­le­ben.

Hin­ter­grund der er­neu­ten De­mons­tra­tio­nen ist die töd­li­che Mes­ser­at­ta­cke auf Mia aus Kan­del. Der mut­maß­li­che Tä­ter war ein aus Af­gha­nis­tan stam­men­der Flücht­ling, der 2016 un­be­glei­tet nach Deutsch­land kam. Die 15-Jäh­ri­ge war sei­ne Ex-Freun­din. „Wir sind heu­te nicht auf ei­ner Ge­gen-De­mo“, ruft die rhein­land-pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­lu Drey­er den De­mons­tran­ten zu, de­ren Zahl von Po­li­zei und Ver­an­stal­tern mit 2 000 an­ge­ge­ben wird. „Wir de­mons­trie­ren für De­mo­kra­tie, Re­spekt und Viel­falt! Wir über­las­sen die Plät­ze nicht de­nen, die Leid und Trau­er für ih­re Zwe­cke aus­nut­zen und hier ihr brau­nes Süpp­chen ko­chen wol­len.“Die Men­ge klatscht und ju­belt zu­stim­mend, über­all sieht man „Wir sind Kan­del“-But­tons an Ja­cken und Man­tel­krä­gen. Die SPD-Po­li­ti­ke­rin ist zu­sam­men mit Ver­tre­tern von Par­tei­en, Kir­chen und Ge­werk­schaf­ten nach Kan­del ge­kom­men. Dann be­tont Drey­er, dass die süd­pfäl­zi­sche Kle­in­stadt am An­fang nicht dar­auf ge­fasst war, wie vie­le Leu­te hier ein­fal­len und den Mord an Mia für po­li­ti­sche Zwe­cke in­stru­men­ta­li­sie­ren woll­ten. Mitt­ler­wei­le, das zei­gen die zahl­rei­chen De­mons­tra­ti­ons­teil­neh­mer un­ter­schied­lichs­ter Cou­leur, möch­ten die an­ders Ge­sinn­ten der neu­en Rech­ten, die an die­sem Nach­mit­tag fast gleich­zei­tig auf dem Kan­de­ler Markt­platz de­mons­triert, ih­re Sicht der Din­ge ent­ge­gen­set­zen. „Noch ges­tern Abend gab es hier in Kan­del ei­ne Men­ge Leu­te, die sich aus der De­mo her­aus­hal­ten woll­ten, zu­mal ja auch die An­ti­fa in ei­ner drit­ten Ver­samm­lung heu­te hier ist. Aber letzt­end­lich sind jetzt doch ganz vie­le ge­kom­men, von de­nen man es nicht ver­mu­tet hät­te“, freut sich ei­ne Frau aus dem Bür­ger­bünd­nis. Auch zahl­rei­che Ein­zel­händ­ler ma­chen mit dem Aus­hang des „Wir sind Kan­del“-Pla­kats klar, dass sie für Of­fen­heit und To­le­ranz sind. Auf dem Markt­platz pro­tes­tie­ren der­weil et­wa 1 000 Men­schen mit dem Bünd­nis „Kan­del ist über­all“ge­gen Zu­wan­de­rung. Da­bei wer­den Deutsch­land­fah­nen in die Hö­he ge­reckt und auf Trans­pa­ren­ten die Lie­be zum Va­ter­land be­kun­det. Un­ter­des­sen zie­hen die De­mons­tran­ten von „Wir sind Kan­del“vom Bahn­hof zur Ver­bands­ge­mein­de­ver­wal­tung, wo wei­te­re Kon­zer­te und Re­den statt­fin­den. Mit da­bei ist auch Re­bec­ca aus Kan­del samt Freund. „Die letz­ten Ma­le war ich nicht da­bei, aber jetzt fand ich es ein­fach zu wich­tig“, sagt die jun­ge Frau.

Die Po­li­zei be­rich­tet spä­ter von ver­ein­zel­ten Aus­schrei­tun­gen bei den De­mos. Links­ge­rich­te­te Teil­neh­mer grif­fen dem­nach Po­li­zis­ten an, wes­halb die­se Pfef­fer­spray und Schlag­stö­cke ein­setz­ten. Drei Be­am­te wur­den leicht ver­letzt. Fünf De­mons­tran­ten sei­en vor­läu­fig fest­ge­nom­men wor­den. Ge­gen ei­nen Mann wur­de dem­nach Straf­an­zei­ge er­stat­tet, weil er den Hit­ler­gruß zeig­te.

Seit dem Tod von Mia gibt es im­mer wie­der De­mos

BUNTER PRO­TEST: Et­wa 2 000 Men­schen folg­ten am Sams­tag dem Auf­ruf des Bünd­nis­ses „Wir sind Kan­del“, das für Viel­falt und To­le­ranz ein­tritt. Fo­tos: Setz­ler/Deck

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