Per­fek­ter Klang zum Fest­ban­kett

Kris­tin Ka­res und die Hof-Ca­pel­le Carls­ru­he prä­sen­tie­ren Al­bum mit Mu­sik Karls­ru­her Kom­po­nis­ten

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Kultur -

Wel­chen Dau­er­bren­ner be­vor­zu­gen Sie zu Weih­nach­ten? „Last Christ­mas“von Ge­or­ge Micha­el oder das Con­cer­to gros­so „Fat­to per la Not­te di Na­ta­le“von Ar­can­ge­lo Co­rel­li? Kurz­um: Un­ter­hal­tungs­mu­sik oder Ba­rock? Bei­de Flie­gen mit ei­ner Klap­pe schla­gen kann man mit der neu­en CD der Hof­ka­pel­le Karls­ru­he: Mit den Mi­nia­turo­pern von Jo­hann Mel­chi­or Mol­ter und In­stru­men­tal­wer­ken wei­te­rer am Karls­ru­her Hof be­schäf­tig­ter Kom­po­nis­ten ist näm­lich nicht nur fest­li­che Mu­sik an der Schwel­le vom Ba­rock zur Klas­sik zu er­le­ben, son­dern auch pu­re Un­ter­hal­tung. Denn da­für wur­de sie einst ge­schaf­fen und so klang auch das Er­geb­nis: Fest­lich darf die Mu­sik zu Ho­fe da­her­kom­men, dann aber wol­len sich die Gäs­te in Ru­he un­ter­hal­ten. Wer in der jun­gen mark­gräf­li­chen Re­si­denz Mu­sik für den Hof kom­po­nier­te, stand im Di­enst der hö­fi­schen Ge­sell­schaft und muss­te ei­nes be­den­ken beim Kom­po­nie­ren: Ab ei­nem ge­wis­sen Zeit­punkt hört kei­ner mehr hin. Weil die Gäs­te ein­an­der be­grü­ßen, ein paar Kom­men­ta­re zum Wet­ter oder lo­ben­de Wor­te über die neu­es­te Sor­te schö­ner Pa­pa­gei­en-Tul­pen im Schloss­park ver­lie­ren, spä­ter dann am Fa­san na­gen und am Kris­tall­glas nip­pen, er­klang Mu­sik nicht al­lein um ih­rer selbst wil­len.

Ver­mut­lich gab es auch des­halb die vie­len Wie­der­ho­lun­gen in der Mu­sik. Sie kam ja nicht aus der Kon­ser­ve. Falls man als Zu­hö­rer ab­ge­lenkt war von dem Ge­spräch der Nach­ba­rin, dem Ker­zen­schein, dem Es­sen, so hat­te man die Chan­ce, Ver­säum­tes noch­mal zu hören. Über­le­gun­gen wie die­se fes­seln Kirs­tin Ka­res bei ih­ren For­schun­gen über den Ori­gi­nal­hand­schrif­ten in der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek oder als di­gi­ta­les Ma­nu­skript auf dem Com­pu­ter. Die Karls­ru­her Hof­kom­po­nis­ten ha­ben es ihr an­ge­tan. Für sie hat Kirs­tin Ka­res ge­wis­ser­ma­ßen ih­ren Job auf Eis ge­legt. Die Mu­sik­leh­re­rin am Gym­na­si­um in Bret­ten hat sich be­ur­lau­ben las­sen, um Zeit zu ha­ben für ih­re Pro­jek­te.

Es sind wah­re Schät­ze für die Brat­schis­tin und Mu­sik­päd­ago­gin: Vie­le seit Jahr­hun­der­ten nicht mehr ge­spiel­te Par­ti­tu­ren la­gern in der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek. No­ten, die seit Hof­thea­ter­zei­ten nicht mehr ge­spielt wur­den, fie­len Ka­res in die Hän­de und sie woll­te nur eins: die Mu­sik­ge­schich­te der Stadt hör­bar ma­chen. „Mir tut Mu­sik leid, die da liegt und nicht klingt“, sag­te sie vor zwei Jah­ren, als Ka­res pünkt­lich zum Stadt­ge­burts­tag ih­re ers­te ver­dienst­vol­le CD mit dem Ti­tel „Mu­sik am Ho­fe zu Karls­ru­he“auf den Markt brach­te. Und sie füg­te au­gen­zwin­kernd hin­zu: „Mit ei­nem er­füll­ten Wunsch wach­sen neue.“

Zum Bei­spiel je­ner Wunsch, „Ba­ro­ckSo­aps“wie­der zum Le­ben zu er­we­cken. So nennt Ka­res die welt­li­chen Kan­ta­ten des be­deu­ten­den Hof­ka­pell­meis­ters Jo­hann Mel­chi­or Mol­ter (1696 bis 1765). Die acht- bis zehn­mi­nü­ti­gen Wer­ke für So­pran und Strei­cher sind für Ka­res das pu­re Ver­gnü­gen, die „Lin­den­stra­ße“der Ver­gan­gen­heit, eben: Ba­rock-So­aps. Was ih­ren Reiz aus­macht? Was Mol­ter selbst „Can­ta­ten“nann­te, sind ge­wis­ser­ma­ßen klei­ne Opern­sze­nen, sagt Ka­res. Zwi­schen zwei Ari­en steht je­weils ein Re­zi­ta­tiv, das blitz­schnell und wit­zig ei­nen Af­fekt ver­mit­telt. In­halt­lich geht es um Lie­be und Lei­den­schaft – bis in den Tod. Mit Me­lo­di­en, die wie Knos­pen am Zaun zur fol­gen­den Epo­che der Klas­sik blü­hen und de­ren Ele­ganz Ka­res be­geis­tert.

Acht die­ser Kan­ta­ten von Mol­ter, der von 1719 bis 1733 und von 1743 bis zu sei­nem Tod im Di­enst der Mark­gra­fen Carl Wil­helm von Ba­den-Dur­lach und sei­nem En­kel Carl Fried­rich mit Di­enst­sitz im Karls­ru­her Schloss stand, sind voll­stän­dig über­lie­fert. Vier da­von wur­den noch nicht ein­ge­spielt. Kei­ner kann­te sie, bis sie vor ei­nem Jahr in der Lan­des­bi­blio­thek zum ers­ten Mal seit Jahr­hun­der­ten wie­der vor­ge­tra­gen wur­den.

Jetzt lie­gen sie auch auf CD vor. Für Kon­zert und Ein­spie­lung wie für wei­te­re Pro­jek­te hat­te Ka­res im ver­gan­ge­nen Jahr ein En­sem­ble ge­grün­det, das schon die ers­te CD ein­spiel­te: Die „Neue Hof­ka­pel­le Karls­ru­he“, be­ste­hend aus fünf frei­be­ruf­li­chen Mu­si­kern aus Süd­west­deutsch­land, die das nö­ti­ge Ge­spür und In­stru­men­ta­ri­um ha­ben, um al­te mu­si­ka­li­sche Schmuck­stü­cke wach zu küs­sen. Ge­spickt ist das Al­bum mit reiz­vol­len In­stru­men­tal­wer­ken und Er­stein­spie­lun­gen von wei­te­ren Hof­kom­po­nis­ten wie Se­bas­ti­an Bo­di­nus, Gi­a­c­in­to Sch­iat­ti, Fried­rich Schwindl und Jo­seph Aloys Sch­mitt­bau­er: Das ist nicht nur mu­sik­his­to­risch wert­voll. Die CD ist ei­ne ab­wechs­lungs­rei­che Rei­se am Über­gang von Ba­rock zur Früh­klas­sik wie sie stim­mungs­vol­ler zu Weih­nach­ten nicht klin­gen könn­te. So edel kann Un­ter­hal­tungs­mu­sik sein! Isa­bel Step­peler

CD-Tipp

Mol­ters Mi­nia­tur-Opern & Kam­mer­mu­sik vom Karls­ru­her Hof, Hof-Ca­pel­le Carls­ru­he, Au­dio-CD Pro­fil, 71:28 Mi­nu­ten, 14,99 Eu­ro. Er­hält­lich bei al­len BNN-Ge­schäfts­stel­len.

VER­GES­SE­NE KLÄN­GE WACHKÜSSEN hat sich Kirs­tin Ka­res (rechts) zur Auf­ga­be ge­macht und mit der da­für ge­grün­de­ten Hof-Ca­pel­le Carls­ru­he die zwei­te CD ein­ge­spielt. Fo­to: Rin­der­spa­cher

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