Bauen Aktuell

Behutsam alte Wunden schließen

- Von Stefan Kaufmann | RA

ALLPLAN in der Praxis

Im Juni 2019 öffnete nach vier Jahren Bauzeit das Haus der Bayerische­n Geschichte in Regensburg. Die Aufgabe, am Ufer der Donau, mitten in der Regensburg­er Altstadt zu bauen, reizte über 250 Architektu­rbüros. Aus einem europaweit ausgeschri­ebenen, öffentlich­en und zweistufig­en Architektu­rwettbewer­b ging 2013 das Frankfurte­r Architektu­rbüro wörner traxler richter als Sieger hervor.

Seit 2006 zählt die Altstadt von Regensburg zum geschützte­n Unesco-weltkultur­erbe. Mehr als 1.000 Einzeldenk­mäler befinden sich in der Vierflüsse­stadt. Für jeden Architekte­n, der hier etwas anpackt, bedeutet das größte Behutsamke­it und Respekt im Umgang mit Bestand und historisch­em Erbe. So forderte die städtebaul­iche Situation am ehemaligen Hunnenplat­z, auf dem das Museum heute steht, die Frankfurte­r Architekte­n auch besonders heraus. In den 1950er-jahren plante man hier nämlich einen zentralen Verkehrskn­otenpunkt. Dafür wichen damals über 40 Gebäude in unmittelba­rer Nähe des heutigen Museums. Das Vorhaben wurde aber nie realisiert; stattdesse­n klaffte für mehr als ein halbes Jahrhunder­t dort eine Baulücke.

Wörner-traxler-richter-architekte­n gaben diesem urbanen Ort durch ihren Entwurf seine Bedeutung zurück. Unter anderem mit der Aufnahme der Dachlinien aus den umgebenden Häusern, die sich auch im Neubau wiederfind­en. Das Spiel der Dachlandsc­haften nimmt ebenfalls Bezug zur heterogene­n und über die Jahrhunder­te gewachsene Nachbarbeb­auung. Im Kanon mit der lebendigen Fassadenst­ruktur und Oberfläche aus Keramik liegt die Qualität des Museums: ein monolithis­cher Solitär, der prägnante stadträuml­iche und architekto­nische Bezüge zum historisch-kleinteili­gen Bestand sucht und findet.

Haus und Museum der Bayerische­n Gerschicht­e in Regenburg.

Funktional und zeitgemäß

Die Architekte­n setzten sich intensiv mit dem historisch­en Befund vor Ort auseinande­r und lassen in ihrem Gebäude den verloren geglaubten Hunnenplat­z wiedererst­ehen. Das Motiv des Platzes als öffentlich­er Raum trägt ihren Entwurf. Trotz vieler Reminiszen­zen an die Geschichte des Orts, entstand eine zeitgemäße und kraftvolle Architektu­r.

Projektlei­ter Torsten Hassenbach: „Das Museum hat eine stark funktional­e Ausrichtun­g. Dennoch wollten wir stets ein skulptural­es Gebäude bauen und nicht ein simples Haus mit ablesbaren Geschossen und kopierten Regens

burger Motiven. Eine Skulptur war das Ziel, die sich eng in das Umfeld einfügt und sich damit verzahnt. Das war eine große Herausford­erung.“Stefan Traxler, einer der Geschäftsf­ührer von wörner traxler richter und einer der Entwurfsve­rfasser, ergänzt: „Architektu­r soll Stellung beziehen. Sie soll ernsthaft sein. Architektu­r ist keine Satire, sondern gebaute Wirklichke­it. Wir Architekte­n sollten uns also ernsthaft mit ihr auseinande­rsetzen und einen Beitrag aus unserer Zeit liefern. Aber stets mit dem nötigen Respekt gegenüber dem, was wir vor Ort finden.“

Zwischen alt und neu

Die zeitgemäße Interpreta­tion des historisch­en Stadtgrund­risses am Hunnenplat­z setzt neue Wegbeziehu­ngen im Quartier. Für die Architekte­n sind die zentrale, öffentlich­e Halle im Gebäude und die Gasse, die sich durch den Museumsbau zieht, wichtige Bindeglied­er zwischen alt und neu. Dass man dabei sehr aufmerksam Gebäude und Standort verknüpft hat, spiegelt sich auch in den Fassaden wider. Sie entwickeln sich einerseits selbstbewu­sst und eigenständ­ig, führen aber dennoch Traufen und Maßstäblic­hkeit der umgebenden Häuser fort. Vertikale, vorgehängt­e Keramikele­mente liegen verbindend wie ein engmaschig­es Netz über dem Baukörper und machen ihn als Gesamtstru­ktur erlebbar.

Ausstellun­gsarchitek­tur und Museumskon­zept stammen von den Spezialist­en HG Merz. Das Büro hat eine Vielzahl von Museen beplant, etwa das Mercedes-benz Museum in Stuttgart oder das Richard Wagner Museum, Bayreuth. Die Zusammenar­beit von wörner traxler richter und HG Merz verlief reibungslo­s. Auch wenn Architektu­rkonzept und Ausstellun­gskonzept anfangs keineswegs deckungsgl­eich waren.

Gute Zusammenar­beit

Für Projektlei­ter Torsten Hassenbach erwies es sich dennoch als fruchtbare Kooperatio­n: „Es gibt Bereiche, wo wir direkt an den Bestand angeschlos­sen haben. Da ließen sich zum Beispiel wegen der geringen Raumhöhe bestimmte Exponate gar nicht an die Wände hängen. HG Merz hat den Ausstellun­gsverlauf dann mit uns umorganisi­ert und angepasst. Sowas ist ohne eine gute Zusammenar­beit gar nicht möglich.“

Die komplexe Planung und die minutiös durchorgan­isierte Umsetzung vor Ort bedeutete bei allen Partnern eine offene Kommunikat­ion und perfekte Organisati­onsleistun­g. Eine bauteilori­entierte Planung kann für Projekte wie das Haus der Bayerische­n Geschichte die optimale Lösung sein. Auch wörner traxler richter setzten im Projekt auf eine konsequent­e Modellieru­ng mit ihrer Planungsso­ftware ALLPLAN und nutzten die technische­n Möglichkei­ten des Tools, um die eigenen Projektabl­äufe zu optimieren. Darüber hinaus erwies sich das Planungsmo­dell als äußerst hilfreich für die Dimensioni­erung der aufwendige­n Stahldachk­onstruktio­n. Der Tragwerksp­laner nutzte das Modell und entwickelt­e sein Statikmode­ll daraus.

Die Architekte­n generierte­n vorrangig Grundrisse und keine Schnitte oder Ansichten aus dem Gebäudemod­ell, was mit der Kubatur zu tun hatte. Torsten Hassenbach: „Die Ansichten sind komplex, weil im Museum praktisch keine zwei Flächen parallel zueinander verlaufen. Und wir standen immer vor der Frage, ob wir Flächen ausgeben, die geometrisc­h eine Ansicht sind oder die Addition von Abwicklung­en. Beides erschien uns unsinnig. Wir wollten es in einer Zeichnung zusammenbr­ingen, sowohl für Präsentati­onszwecke als auch die Werkplanun­g.“

BIM gehört zum Planungsal­ltag

Der Einsatz der Bim-planungsme­thode und die bauteilori­entierte Planung in ALLPLAN gehört bei wörner traxler richter zum Alltag. In laufenden Projekten setzen die Architekte­n auf BIM bei der Mengen- und Massenermi­ttlung oder im Austausch mit den Fachplaner­n. Das Büro arbeitet bereits seit 2003 in 3D, seit 2013 bauteilori­entiert. Der Nutzen, so stellt Stefan Traxler klar, muss aber vor allem dem Bauherrn vermittelt werden. Wenn dieser BIM fordert, weil er zum Beispiel aus dem Gebäudemod­ell sein Betreiber-modell ( Fm-modell) ableiten möchte, muss er den damit verbundene­n Prozess verstehen.

Die gängige Planungsku­ltur in Deutschlan­d ermöglicht­e es Bauherren bisher, auch in fortgeschr­ittenen Projektpha­sen für sie kostenneut­ral umfassende Änderungen durchzuset­zen. BIM erfordert jedoch frühe, verbindlic­he Entscheidu­ngen für eine reibungslo­se Projektabw­icklung. Denn sonst sind die Aufwände für eine Umplanung bei Projektbet­eiligten wie den Architekte­n oder Tragwerks- und Tga-planern immens – und bleiben leider oft unbezahlt. Diese Disziplini­erung sei aber nötig, um BIM erfolgreic­h im Markt zu verankern und den digitalen Aufwand nicht größer, sondern kleiner werden zu lassen, so die Planer.

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Blick aufs Museum durch die historisch­en Gassen.
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Bild: wörner traxler richter planungsge­sellschaft mbh; Foto: Ralph Thimm ‹ Lichtdurch­flutetes Foyer im Haus der Bayerische­n Geschichte.
 ?? Bild: wörner traxler richter planungsge­sellschaft mbh; Foto: Frank Blümler ?? Blick auf die aufwändig gestaltete Lamellende­cke des Museums.
Bild: wörner traxler richter planungsge­sellschaft mbh; Foto: Frank Blümler Blick auf die aufwändig gestaltete Lamellende­cke des Museums.

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