Beat

Test: Da­da Noi­se Sys­tem

Das Eri­ca Synths Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem ist das nächs­te Kom­plett­set von den let­ti­schen Mo­du­lar-Spe­zia­lis­ten. Doch an wen rich­tet sich die­ses äs­the­ti­sche Un­ge­tüm?

- Von Kai Cho­nish­vili Berlin · Portugal · Google Drive · Nashville Sounds · Printer's Row, Chicago, IL · Porsche Automobil Holding SE · LFO (British band) · Dada · Pico · Unilever NV · Panorama

Mo­du­lar, geil – und sehr spe­zi­ell.

Eri­ca Synths Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem ist ein kom­plet­tes Mo­du­lar­sys­tem für ex­pe­ri­men­tel­le Klang­for­scher, wel­ches in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ar­tist-Kol­lek­tiv Li­quid Sky in Ber­lin und Por­tu­gal ent­stan­den ist. Galt das Fu­si­on Dro­ne Sys­tem schon als exo­ti­scher Krach­ma­cher für Dri­ve-Fe­ti­schis­ten, setzt die­se Neu­heit noch­mal ei­ne Schip­pe oben drauf und ist auch mal eben dop­pelt so groß. Al­so, auf geht’s in den Li­quid Sky...

Über­all rauscht es

Für die ei­ge­ne Klang­er­zeu­gung gibt es im Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem grob ge­sagt vier Mo­du­le: zwei Black Co­de Sour­ce Ein­hei­ten in­klu­si­ve ei­nem Ex­pan­der ste­hen für um­fang­rei­che Noi­se-Ex­pe­ri­men­te, wäh­rend Pi­co VCO und Pi­co Drums klas­si­sche Sounds ab­de­cken. Doch zu­nächst zum Noi­se: Black Co­de Sour­ce ist ein di­gi­ta­ler Rau­schen- und Zu­falls­ge­ne­ra­tor so­wie Bit­crus­her, der neun un­ter­schied­li­che Rau­schar­ten in Ste­reo mit ein­stell­ba­rer Ton­hö­he be­her­bergt. Schon aus die­sem Satz lässt sich ab­lei­ten, was man klang­lich er­war­ten darf: Noi­se!! Über den (Samp­le-) Ra­te-Reg­ler wird die Qua­li­tät so­weit her­ab­ge­senkt, dass man flüs­sig vom Rau­schen zu klas­si­schen Chip­tu­ne-Bit­crus­her-Sounds bis zu ein­zel­nen Klicks her­un­ter­fah­ren kann. Weil die di­gi­ta­len Noi­se-Qu­el­len auch durch ein Samp­le & Hold lau­fen, sind zu­dem Lo­op- und Stot­ter-Ef­fek­te um­setz­bar. Und von die­sem Spe­zia­lis­ten hat man eben zwei Stück an Bord. So kann man ei­ner­seits wun­der­ba­re Noi­se-Tex­tu­ren um­set­zen oder sich im rhyth­mi­schen Klick-Be­reich ver­lie­ren und in­ter­es­san­te Groo­ves auf­spü­ren. Da­zwi­schen lie­gen klas­si­sche Bit­crus­her-Klän­ge mit Chip­tu­ne-Flair. Au­ßer­dem er­gänzt das Ex­pan­der-Mo­dul den Funk­ti­ons­um­fang der Black Co­de Sour­ce-Ein­hei­ten um ei­ne Pitch-Hüll­kur­ve - ide­al für die Krea­ti­on von Hi-Hats, rausch­haf­ten Sna­re­drums oder Per­cus­sions.

Pi­co in­si­de

Un­schein­bar und den­noch mäch­tig im Klang sind die bei­den Mo­du­le der Pi­co-Se­rie: Pi­co VCO und Pi­co Drums. Letz­te­rer be­dient sich aus ei­nem Pool an 64 Sam­ples (12-Bit-Qua­li­tät) und ver­sorgt das Mo­du­lar­sys­tem mit zahl­rei­chen Drums-Sounds. Ge­ni­al: Pi­co Drums ar­bei­tet du­al, so­dass zwei un­ab­hän­gi­ge Trig­ger auch zwei Sam­ples (z.B. Kick und Sna­re) un­ab­hän­gig an­steu­ern kön­nen, um ru­di­men­tä­re Beats zu er­mög­li­chen. Es ist aber auch mög­lich, ei­ge­ne Sam­ples zu la­den, da­mit man mit dem Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem nicht in der Noi­se-Welt ge­fan­gen bleibt.

Für ei­ne ge­wohn­te Por­ti­on Stan­dard gibt es das Mo­dul Pi­co VCO. Die­ser win­zi­ge to­nal spiel­ba­re Di­gi­tal-Os­zil­la­tor stellt 32 Wel­len­for­men be­reit, die von klas­sisch-ana­lo­gen Ver­tre­tern (Sä­ge­zahn und Co.) bis zum Rau­schen rei­chen. Al­so kann das ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ge Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem auch klas­si

sche Sä­ge­zahn-Bäs­se oder Leads. Doch das wä­re so, als wür­de man mit ei­nem Por­sche durch ei­ne 30er-Zo­ne „hei­zen“. Viel span­nen­der ist es, wenn man die druck­vol­len Wel­len­for­men des Pi­co VCO als to­na­les Bei­werk be­trach­tet und die­ses mit­hil­fe der exo­ti­schen Mo­du­le in rausch­haf­te, über­steu­er­te Sphä­ren schickt.

For­mun­gen und Mo­du­la­tio­nen

In punc­to Mo­du­la­ti­ons-Mög­lich­kei­ten geht’s beim Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem mäch­tig ab. Der Oc­ta­sour­ce bei­spiels­wei­se ist ein LFO auf Ste­reo­iden, denn er er­zeugt acht Wel­len­for­men, die sum­miert oder in­di­vi­du­ell(!) ab­ge­grif­fen wer­den kön­nen. Mit dem Ra­te-Pa­ra­me­ter kann mit die Ge­schwin­dig­keit lo­gi­scher­wei­se kon­trol­lie­ren, aber auch die Wel­len­for­men ein­frie­ren, wenn die­se den Null­punkt er­reicht. Das Än­dern der Pha­sen­la­ge ist auch noch mach­bar. In der Pra­xis könn­te man al­so Pi­co VCO, Black Co­de Sour­ce und Pi­co Drums für die Klang­er­zeu­gung nut­zen und de­ren Ein­stel­lun­gen über den Black Oc­ta­sour­ce zen­tral än­dern und für die mu­si­ka­li­sche Ak­zen­tu­ie­rung ein­frie­ren.

Ne­ben dem Black Oc­ta­sour­ce wur­den noch wei­te­re Mo­du­la­to­ren/Steu­er­ein­hei­ten ver­baut : Black Mo­du­la­tor, Black Du­al EG/LFO und der Joy­stick Con­trol­ler. Black Du­al EG/LFO ist ein ziem­lich aus­ge­fuchs­tes Mo­dul, denn die­ses ist je nach Mo­dus ei­ne flot­te ADSR- oder dua­le AD-Hüll­kur­ve. Das schnel­le An­sprech­ver­hal­ten eig­net sich gut für per­kus­si­ve Ver­läu­fe. Be­son­ders ge­ni­al ist der LFO-Mo­dus, denn dann wird die Hüll­kur­ve im Lo­op wie­der­ge­ge­ben. So könn­ten bei­spiels­wei­se zwei ge­loop­te, per­kus­si­ve AD-Hüll­kur­ven die bei­den Samp­le-Slots im Pi­co Drums an­trig­gern, um ru­di­men­tä­re Beats zu kre­ieren.

Der Black Mo­du­la­tor hin­ge­gen ist ein voll­stän­di­ger LFO, des­sen drei Wel­len­form se­pa­rat aus­ge­ge­ben wer­den. Aber na­tür­lich fin­det man auch hier wie­der or­dent­lich Noi­se mit se­pa­ra­ten Aus­gän­gen und clock­ba­rer Samp­le-&-Hold-Schal­tung. Ty­pi­sche Fil­ter-Wob­bles ge­lin­gen al­so eben­so gut wie chao­ti­sche Mo­du­la­tio­nen. Üb­ri­gens: der LFO kann auch in den Au­dio-Mo­dus ge­schal­tet wer­den, so­dass die Wel­len­for­men und das Rau­schen für die Klang­er­zeu­gung ge­nutzt wer­den kön­nen. Das to­na­le Spie­len ist dann aber nur über den Ra­te-Reg­ler mög­lich – al­so eher un­prak­tisch.

Der Joy­stick ist zwar kein Mo­du­la­tor im Sin­ne ei­nes LFOs oder der­glei­chen, aber eig­net sich eben her­vor­ra­gend, das Mo­du­lar­sys­tem für die Live-Per­for­mance auf­zu­pim­pen. Aus den Be­we­gun­gen las­sen sich gan­ze acht Steu­er­span­nun­gen ab­grei­fen, um bei­spiels­wei­se Ef­fekt-Pa­ra­me­ter, Fil­ter­fre­quenz, LFO-In­ten­si­tät und Rau­schen-Va­ria­tio­nen spie­le­risch zu kon­trol­lie­ren. In der Pra­xis ist die­ses Mo­dul ein Se­gen, denn wenn ei­nem die Kom­ple­xi­tät des Da­da Noi­se Sys­tems zu über­wäl­ti­gend scheint, legt man sich eben acht es­sen­zi­el­le Pa­ra­me­ter auf den Joy­stick und ge­nießt den hoch­wer­ti­gen Klang wäh­rend der spie­le­ri­schen Per­for­mance.

Ring­mo­du­la­ti­on, Hall & Co.

Aus der Fu­si­on-Se­rie ha­ben die Tüft­ler dem Noi­se-Sys­tem die bei­den Mo­du­le Fu­si­on Ring­mo­du­la­tor und Fu­si­on En­sem­ble spen­diert. Das ist ei­ne sehr gu­te Wahl, denn der Ring­mo­du­la­tor kann auf Ba­sis zwei­er Si­gna­le ei­nen völ­lig neu­en Sound er­zeu­gen, der leicht me­tal­lisch und spa­cig klingt. Das i-Tüp­fel­chen ist aber die ver­bau­te Röh­re, wo­durch sich bei hö­he­ren Pe­geln dre­cki­ge Ver­zer­run­gen in das Si­gnal ein­schlei­chen – Cha­rak­ter pur!

Mit dem Mo­dul Fu­si­on De­lay Flan­ger Vin­ta­ge En­sem­ble ist es dann ein Leich­tes, tro­cke­nen Si­gna­len ei­ne räum­lich-sphä­ri­sche No­te zu ver­pas­sen. Al­les, was dünn und mono rein­kommt, kann fett und ste­reo wie­der raus­ge­hen! Ver­träum­te Echos mit über­steu­er­ten Feed­back-Or­gi­en ge­hö­ren eben­so zum Pro­gramm wie Cho­rus-Ef­fek­te durch ul­tra-kur­ze mo­du­lier­te De­lay-Zei­ten. Auch hier steu­ert die ver­bau­te Röh­re bei ho­hen Pe­geln ei­ne Ver­zer­rung bei.

Ein wei­te­res Ef­fekt-Mo­dul heißt Black Ho­le DSP, wel­ches gleich 16 Ef­fek­te an Bord hat und in Ste­reo aus­ge­führt ist. Sehr vie­le De­lay-Va­ri­an­ten mit un­ter­schied­li­chen Feed­back-Aus­füh­run­gen, gra­nu­la­ren Funk­tio­nen oder Ton­hö­hen-Ef­fek­ten kön­nen aus die­sem Mo­dul er­tö­nen und pas­sen ex­trem gut zu Am­bi­ent Noi­ses, Dro­nes und eben al­les, was lan­ge klin­gen soll. Die Be­die­nung ist auf­grund der we­ni­gen Pa­ra­me­ter kin­der­leicht und kann via CV au­to­ma­ti­siert wer­den.

Fil­ter, Mi­xer und Splitter

Das Fil­ter-Mo­dul Mul­ti­mode VCF ist ein re­so­nan­tes Mul­ti­mode-Fil­ter mit se­pa­ra­ten Aus­gän­gen für Hoch-, Tief- und Band­pass. Die Cu­toff-Fre­quenz und Re­so­nanz kön­nen wie ge­wohnt via CV an­ge­steu­ert wer­den. Klang­lich prä­sen­tiert sich das Fil­ter but­ter­weich, aber auch au­then­tisch Acid-las­tig, wenn man die Re­so­nanz auf­dreht. Hier gibt’s al­so „nur“ge­wohn­te Kost und kei­ne exo­ti­schen Spie­le­rei­en.

Zu gu­ter letzt fin­den sich noch zahl­rei­che Mi­xer- und Splitter-Mo­du­le im Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem, um Si­gna­le von A nach B zu schi­cken, auf­zu­tei­len oder ganz ein­fach zu mul­ti­pli­zie­ren. So gibt es al­so ge­nug An­lauf­punk­te, um auch ex­ter­ne Si­gna­le wie bei­spiels­wei­se Syn­the­si­zer, Spu­ren aus der DAW oder an­de­re Mo­du­lar­sys­te­me in die Noi­se-Welt ein­zu­bin­den. Das Black Output Mo­du­le bie­tet sich für das En­de der ge­sam­te Si­gnal­ket­te an, denn hier kön­nen drei Qu­el­len im Pan­ora­ma ver­teilt und als Mas­ter aus­ge­ge­ben wer­den. Der fi­na­le Sound kann zu­dem über Kopf­hö­rer ab­ge­hört wer­den.

Klang und Pra­xis

Im All­tag er­weist sich das Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem als groß­ar­ti­ger Ide­en­spen­der mit ho­hem Sucht­po­ten­ti­al. Die Be­die­nung macht durch­weg Spaß, denn al­les ist so­fort griff­be­reit. Ver­schach­tel­te Me­nüs, fum­me­li­ge Reg­ler und bil­li­ge Mas­sen­wa­re sucht man hier ver­ge­bens. In punc­to Klang darf man aber nicht zim­per­lich sein, denn Rau­schen, Ver­zer­rung, Feed­back und Bit­crus­her Noi­se fin­det man an je­der Ecke. Doch ge­nau das ist der Reiz. Wäh­rend man bei klas­si­schen Syn­the­si­zern oft­mals ei­nen Rau­schen­ge­ne­ra­tor vor­fin­det und die­sen eben fix ab­stem­pelt hat, be­wegt man sich hier in ei­ner ei­ge­nen Ga­la­xie des Ato­na­len. Wer dar­in ein­taucht, will so schnell nicht wie­der raus. Und wenn man dann ex­ter­ne Si­gnal­quel­len – Ra­dio, DAW, Syn­the­si­zer etc. - ins Sys­tem ein­speist, be­greift man erst die klang­li­che Wucht der Mo­du­le. Vo­cals kön­nen wie ver­zerr­te Funk­sprü­che aus dem Space­shut­tle klin­gen, ste­ri­le Lo­ops aus der DAW blü­hen auf und ge­nie­ßen durch Feed­back, Röh­ren und Rau­schen ein in­spi­rie­ren­des Ei­gen­le­ben und so wei­ter und so wei­ter. Na­tür­lich sind auch to­na­le Spie­le­rei­en mög­lich, doch das kön­nen an­de­re Kom­plett­sys­tem bes­ser. Wer auf den Zug des Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem springt, will un­kon­ven­tio­nel­le Klän­ge und kei­ne Stan­dard­ware für EDM.

Fa­zit

Das Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem von Eri­ca Synths ist ei­ne teue­re An­ge­le­gen­heit, kei­ne Fra­ge. Doch hier be­kommt man ein ul­tra-fle­xi­bles Mo­du­lar­sys­tem mit sehr ho­hem Spaß­fak­tor. Das Sys­tem ist so schräg, dass man ei­gent­lich kei­ne Kri­tik­punk­te ver­ge­ben kann, denn das Kon­zept geht auf. Wer ein be­son­de­res In­stru­ment für die ex­pe­ri­men­tel­le Klang­for­schung sucht und da­bei Wert auf ei­nen per­for­man­ten Work­flow, sehr gu­te Ver­ar­bei­tung und de­tail­ver­lieb­ten Ana­log-Sound sucht, soll­te sich schon ein­mal Ge­dan­ken über die Fi­nan­zie­rung ma­chen. Das Sys­tem rockt ein­fach!

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Kom­plett schwarz: das Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem bie­tet ei­ne er­le­se­ne Aus­wahl an Mo­du­len, um in ab­so­lut schrä­ge Klang­wel­ten ab­drif­ten zu kön­nen.
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Das Mo­dul Black Ho­le DSP zau­bert auch aus tro­ckens­ten Si­gna­le schö­ne ver­träum­te De­lay-Land­schaf­ten oder gro­ße Hall-Räu­me.
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Wenn ei­nem die Ar­beit zu un­über­sicht­lich wird, legt man ein­fach ein paar Pa­ra­me­ter auf den Joy­stick und ge­nießt die spie­le­ri­sche Sei­te des Li­quid Sky Da­da Noi­se Sys­tem.

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