Beat

Der Klang der See­le

- Von To­bi­as Fi­scher Entertainment · Music · Congress of the United States · Song County · Earth, Wind & Fire · Earth, Wind & Fire · Chaka Khan · Chaka Khan · Dave Bautista · The Isley Brothers · Fleetwood Mac · Eagles · Isaac Hayes · Chicago · Chicago Transit Authority · Mattel · London · Skype · Dropbox · Hoffman Estates · Ableton · Jesse Saunders

Er gilt als der „Ori­gi­na­tor of Hou­se Mu­sic“, sein Klas­si­ker „On and On“als der ers­te Hou­se-Track über­haupt: ­Jes­se Saun­ders hat sich sei­ne Po­si­ti­on in den Ana­len der Elek­tro­nik red­lich ver­dient. Wie sei­ne ak­tu­el­le Ver­öf­fent­li­chung „Kalei­do­scope“be­weist, ruht er sich aber eher un­gern auf sei­nen Lor­bee­ren aus. Saun­ders ist mit der Zeit ge­gan­gen – bleibt aber bis heu­te klas­si­schen Pro­duk­ti­ons­tu­gen­den treu.

Beat / Man er­kennt dei­ne Pro­duk­tio­nen so­fort. Wie fin­det man zu so ei­nem per­sön­li­chen Sound?

Jes­se Saun­ders / Ich ha­be schon mit 14 Jah­ren an­ge­fan­gen. Ich hat­te ei­nen Kas­set­ten­re­kor­der mit ei­ner Pau­se-Tas­te. Mit dem ha­be ich Edits von Plat­ten an­ge­fer­tigt. Ich fand im­mer, dass vie­le Tracks ihr Po­ten­ti­al nicht voll aus­ge­schöpft ­ha­ben. Al­so ha­be ich das über­nom­men. Erst mit 21 ha­be ich mei­nen ers­ten ei­ge­nen Song ge­schrie­ben. Der war aber be­reits das Er­geb­nis ei­nes lan­gen mu­si­ka­li­schen Trai­nings. Wenn ich zu­rück­bli­cke, wür­de ich sa­gen: Wenn du Tech­ni­ken ent­deckst, die für dich funk­tio­nie­ren, dann ­set­ze sie in all dei­nen Pro­duk­tio­nen ein. So ent­ste­hen die Stil­rich­tun­gen, an de­nen du die Hand­schrift ei­nes ­Pro­du­zen­ten er­ken­nen kannst. Al­le gu­ten Song­wri­ter ha­ben ei­nen ei­ge­nen Sound. Man könn­te auch ver­ein­facht sa­gen: Sie wis­sen, was funk­tio­niert und was nicht.

Beat / Man­che Gen­res ha­ben aber ih­rer­seits auch ei­nen ei­ge­nen Sound. Schränkt das nicht die­se Frei­heit ein?

Jes­se Saun­ders / Nein, denn du kannst im­mer noch dei­nen Sound aus ei­nem Gen­re neh­men und ihn ganz wo­an­ders ein­set­zen. Da­mit es passt, musst du manch­mal gar nicht mehr ma­chen als die Ton­hö­he an zu pas­sen oder aus gan­zen No­ten Vier­tel- oder Ach­tel­no­ten ma­chen. All das wird dei­ner Kom­po­si­ti­on ei­ne kla­re­re Form ge­ben. Wenn du ein­mal ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für Klän­ge ge­won­nen hast - und da­zu zäh­le ich Drum-Sounds ­glei­cher­ma­ßen wie me­lo­di­sche - wirst du sie auch bes­ser ein­zu­set­zen wis­sen. Der Krea­ti­vi­tät sind kei­ne Gren­zen ge­setzt. Je­der Sound kann zu ei­nem Teil dei­nes Tracks wer­den. Nur du kannst sa­gen, wel­cher Teil das sein soll.

Beat / Hat­test du nie das Be­dürf­nis, auch ein­mal Songs zu schrei­ben, die sich an die Mu­sik an­de­rer Künst­ler an­lehnt?

Jes­se Saun­ders / Es gab na­tür­lich Künst­ler, die mich be­ein­flusst ha­ben. In mei­nen frü­hen Jah­ren wa­ren das vor al­lem Earth, Wind & Fi­re, Cha­ka Khan and Ru­fus, die Is­ley Bro­thers, Fleet­wood Mac und die Eagles. Ich ha­be stu­diert, wie sie Me­lo­di­en schrei­ben und das tief ver­in­ner­licht. Aber ich hat­te schon im­mer ei­ne ge­naue Vor­stel­lung da­von, was ich er­rei­chen woll­te. Als ich 1986 mit Far­ley ­„Jack­mas­ter“Funk „Love can‘t turn around“auf­ge­nom­men ha­be, woll­te er Isaac Hayes‘ „I can‘t turn around“ko­pie­ren. Ich aber woll­te, dass die Pro­duk­ti­on für sich selbst steht und neue Ly­rics und Me­lo­di­en be­kommt. Mit der Ein­stel­lung ha­ben wir dann ­Ge­schich­te ge­schrie­ben.

Kos­ten­lo­ses De­büt

Beat / Du hast in ei­ner Zeit an­ge­fan­gen, die sich mit der heu­ti­gen Mu­sik-Sze­ne kaum noch ­ver­glei­chen lässt. Wie darf man sich dei­ne ers­ten Stu­dio-Ses­si­ons vor­stel­len?

Jes­se Saun­ders / Das ers­te Stu­dio, in dem ich auf­ge­nom­men ha­be, war das So­lid Sound in Hoff­man Esta­tes. Das liegt in di­rek­ter Nä­he von Chi­ca­go. Ein Freund von mir, Ke­vin Richards, ab­sol­vier­te ge­ra­de sein Sound-En­gi­nee­ring-Stu­di­um. Er lud mich zu ei­ner kos­ten­lo­sen Ses­si­on ein, um „Fan­ta­sy“auf­zu­neh­men. Das soll­te sein Ab­schluss­pro­jekt wer­den. Ich ha­be mich vor Ort nach ei­ner Band um­ge­se­hen und Mo­na­te da­mit ver­bracht, mit ih­nen zu pro­ben. Sie hat­ten ge­ra­de ei­nen Ta­lent­wett­be­werb ge­won­nen und es ließ sich im Vor­feld gut an. Dann ka­men wir ins Stu­dio und nichts lief wie ge­plant.

Beat / Was ist pas­siert?

Jes­se Saun­ders / Der Schlag­zeu­ger konn­te den Takt nicht hal­ten, weil er so auf­ge­regt war. Dar­auf­hin sind al­le an­de­ren aus dem Kon­zept ge­kom­men. Ich muss­te al­so zu­rück ans Reiß­brett. Ich ha­be mir als Ers­tes ei­ne Syn­so­nic Drum Ma­chi­ne von Mat­tel ge­kauft. Die hat­te ich im Fern­se­hen in ei­nem Wer­be­spot ge­se­hen und da­bei ist mir ein Licht auf­ge­gan­gen.

Beat / Du hast „Fan­ta­sy“im Grun­de ge­nom­men als elek­tro­ni­schen Track um­ge­deu­tet.

Jes­se Saun­ders / Ja. Ich ha­be mir noch ei­ne Ro­land TR-606 und ei­ne TB-303 für den Bass ge­holt. Das war das ers­te Mal, dass ich den Bass nicht auf mei­nem Kla­vier spie­len muss­te. Vor al­lem konn­te ich jetzt die wich­tigs­ten Tei­le des Songs selbst vor­be­rei­ten! Beim nächs­ten Auf­nah­me­ter­min lief al­les glat­ter und der Song wur­de zu ei­nem Klas­si­ker.

Beat / Bis heu­te klin­gen vie­le dei­ner Pro­duk­tio­nen, als ob du mit ei­ner Band zu­sam­men­ar­bei­test.

Jes­se Saun­ders / Du kannst ein Ge­fühl, das dei­ner See­le ent­springt, nicht di­gi­tal ein­fan­gen. Du musst dei­ne Sa­chen zu­min­dest selbst ein­spie­len und darfst sie nicht quan­ti­sie­ren. Sonst ha­ben sie ein­fach kein men­sch­li­ches Ge­fühl. Du musst Mu­sik­theo­rie ken­nen, wis­sen, wann man die Ton­art wech­selt, dich mit Cre­scen­di und De­cre­scen­di, Kon­tra­punk­tik und Takt­be­zeich­nun­gen aus­ken­nen. Bei „Fan­ta­sy“hat es mich Mo­na­te ge­kos­tet, bis al­les ge­passt hat. Da­für ist es bis heu­te ei­nes mei­ner bes­ten Ar­ran­ge­ments!

Beat / War­um ge­nau siehst du di­gi­ta­le Pro­duk­ti­ons­mit­tel so kri­tisch?

Jes­se Saun­ders / Die di­gi­ta­le Welt legt dir Schran­ken auf. Wenn ein Song aus­schließ­lich in Able­ton pro­du­ziert wur­de, kann ich das hö­ren. Es gibt da ei­ne in­ne­re Span­nung. Die Mu­sik kommt ir­gend­wie nie dort an, wo sie hin will.

Grund­le­gen­de Über­ein­stim­mung

Beat / Wie wich­tig ist es, dass man mit den an­de­ren Mu­si­kern bei ei­nem Pro­jekt im sel­ben Raum sitzt?

Jes­se Saun­ders / 1988 ha­be ich das Chi­ca­go-Reuni­on-Al­bum auf­ge­nom­men und das war das ers­te Mal, dass ich mit ei­nem Sän­ger ge­ar­bei­tet ha­be, der nicht bei mir im Stu­dio saß. Wir ha­ben die Vo­cals von Ty­rie Co­oper in Lon­don auf­ge­nom­men und den Track dann bei mir pro­du­ziert. In­zwi­schen nut­ze ich In­ter­net und Sky­pe. Ich ha­be für mei­ne ak­tu­el­le Ver­öf­fent­li­chung „Kalei­do­scope“mit Da­ni Ivory ge­ar­bei­tet und wir ha­ben stän­dig Auf­nah­men über Drop­box aus­ge­tauscht. Das ist mög­lich, weil ich ih­rem In­stinkt und ih­ren Ent­schei­dun­gen in­zwi­schen völ­lig ver­traue. Das geht aber nicht mit je­dem. Man muss schon ein ge­wis­ses Maß an Über­ein­stim­mung ha­ben. Und wir wa­ren ganz zu An­fang auch zu­sam­men im Stu­dio.

Beat / Wie sind die Auf­nah­men zu „Kalei­do­scope“kon­kret ab­ge­lau­fen?

Jes­se Saun­ders / Ich ha­be mit ei­nem Drum-­Beat und ei­ner Bass­li­ne an­ge­fan­gen. Dar­über legt Da­ni dann üb­li­cher­wei­se ih­re Vor­stel­lun­gen ei­ner Har­mo­nie­fol­ge und wir ar­bei­ten dann ge­mein­sam an ei­ner Va­ri­an­te, die uns bei­den zu­sagt. Da­nach fü­ge ich ei­ni­ge DJ-freund­li­che Ele­men­te hin­zu, bei­spiels­wei­se Per­cus­sion-Sound-Ef­fek­te und ei­ne Struk­tur. Meis­tens ma­chen wir an die­ser Stel­le ei­ne Zä­sur. Den nächs­ten Tag ver­brin­ge ich da­mit, ei­ne Me­lo­die und den Text zu schrei­ben. Ich sum­me die Me­lo­di­en und fü­ge zu­nächst ein­mal Wor­te ein, die sich gut an­füh­len. Dann schi­cke ich mei­ne Ide­en an Da­ni, die den Text er­gänzt und fer­tig­stellt.

Beat / Das klingt al­les sehr ent­spannt. Wie sieht dein Ta­ges­ab­lauf aus?

Jes­se Saun­ders / Wenn ich an ei­nem Pro­jekt ar­bei­te, wa­che ich meis­tens zwi­schen 9 und 10 Uhr mor­gen auf. Ich ma­che mich fer­tig, trin­ke ei­nen kalt ge­press­ten or­ga­ni­schen Frucht­saft und es­se ei­ne Ba­na­ne. Da­nach se­he ich auf mei­nem Te­le­fon nach, ob ich für mei­ne Agen­ten, Ma­na­ger oder PR-Agen­ten et­was er­le­di­gen muss. Da­nach geht es ins Stu­dio, wo ich an ak­tu­el­ler Mu­sik ar­bei­te. Nach ein paar St­un­den be­ge­be ich mich an mei­nen liebs­ten Ort, das District in der Gre­en Val­ley Ranch. Da kannst du mich dann da­bei er­wi­schen, wie ich ent­we­der et­was schrei­be, pla­ne, mit Part­nern über Ge­schäfts­vor­ha­ben nach­den­ke oder ein Mee­ting ab­hal­te.

Beat / War­um ar­bei­test du dort am liebs­ten?

Jes­se Saun­ders / Ich lie­be die­sen Ort, weil es wie ein Ur­laub un­ter blau­em Him­mel ist. Pal­men, war­mes Wet­ter, Son­ne, be­que­me Sitz­ge­le­gen­hei­ten – für mich ist das ide­al! Aber eigentlich kann ich im­mer und übe­r­all an Mu­sik ar­bei­ten, so­lan­ge mich die Mu­se küsst. Du wirst mich ganz oft in mei­nem Au­to fin­den. Dort hö­re ich den Song, an dem ich ge­ra­de ar­bei­te, im­mer und im­mer und im­mer wie­der. Ich brau­che die­se Kon­tras­te: Das Cha­os des Le­bens treibt mich da­zu an, über­haupt Songs zu schrei­ben. Aber die Stil­le des Le­bens treibt mich da­zu an, da­bei ganz kon­kre­te Be­ge­ben­hei­ten aus mei­nem ­Le­ben zu of­fen­ba­ren.

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Be­reits mit 14 fing Jes­se Saun­ders mit dem Pro­du­zie­ren an – mit ei­nem Kas­set­ten­re­kor­der.

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