Beat

Di­gi­ta­le Kul­tur: Re­mas­te­ring

- Von To­bi­as Fi­scher | Fo­to: Af­ter­mas­ter Music · Entertainment · The Beatles · Pink Floyd · Electric & Musical Industries, Ltd. · Pink · Japan · Japan (band) · Laura Pergolizzi · Jean Michel Jarre · David, Panama · David Bowie · Eagles · James Guthrie · Tangerine Dream · Nick Mason · Nick Mason · Dream · Iggy Pop

Im­mer mehr klas­si­sche Al­ben wer­den heu­te als Re­mas­ter neu ver­öf­fent­licht, manch­mal be­reits zum wie­der­hol­ten Mal. Doch stel­len sie wirk­lich ei­nen Ge­winn an Klang­qua­li­tät dar? Wäh­rend Be­für­wor­ter kla­re Op­ti­mie­run­gen er­ken­nen, kri­ti­sie­ren Skep­ti­ker den Ver­lust an Wär­me und Dy­na­mik. Die Si­tua­ti­on ist ver­wir­rend – doch hat sie auch ih­re Vor­zü­ge.

Im­mer mehr klas­si­sche Al­ben wer­den heu­te als Re­mas­ter neu ver­öf­fent­licht, manch­mal be­reits zum wie­der­hol­ten Mal. Doch stel­len sie wirk­lich ei­nen Ge­winn an Klang­qua­li­tät dar? Wäh­rend Be­für­wor­ter kla­re Op­ti­mie­run­gen er­ken­nen, kri­ti­sie­ren Skep­ti­ker den Ver­lust an Wär­me und Dy­na­mik. Die Si­tua­ti­on ist ver­wir­rend – doch hat sie auch ih­re Vor­zü­ge.

Sel­ten wa­ren die 60er und 70er prä­sen­ter als ge­ra­de jetzt. Die Jah­re 2009 und 2011 bei­spiels­wei­se wur­den ein­drucks­voll von voll­stän­di­gen Werks-Aus­ga­ben der Beat­les und Pink Floyd do­mi­niert. Die be­tag­ten Her­ren lie­ßen die ak­tu­el­len Charts-Stars alt aus­se­hen – gan­ze 30 Mil­lio­nen mal ver­kauf­te sich die auf­wen­dig ge­stal­te­te Beat­les-Box. Da­für gab es ei­nen Grund: das Re­mas­te­ring, wel­ches den klas­si­schen Wer­ken ei­nen zeit­ge­mä­ßen, ma­gi­schen Schim­mer ver­lei­hen soll­te. Bei Pink Floyd hat­te die EMI die Auf­ga­be an Ja­mes Gu­thrie über­tra­gen, der be­reits in ih­rer Hoch­pha­se mit Wa­ters, Gil­mour und Co ge­ar­bei­tet hat­te. Bei den Beat­les-Aus­ga­ben hat­te ein for­mi­da­bel be­setz­tes, sie­ben­köp­fi­ges Team um den En­gi­neer Al­lan Rou­se so­gar gan­ze vier Jah­re in den Ab­bey-Road-Stu­di­os ver­bracht, war tief in die Stu­dio-His­to­rie der größ­ten Pop-Band al­ler Zei­ten ein­ge­taucht. Den­noch war die Re­so­nanz ge­spal­ten. Wäh­rend die Op­ti­mie­rung bei den Beat­les of­fen­kun­dig war, han­del­te es sich bei der ak­tu­el­len Pink-Floyd-Edi­ti­on le­dig­lich um ei­ne wei­te­re von un­zäh­li­gen vor­an­ge­gan­ge­nen.

Schon die von der Le­gen­de Doug Sax prä­sen­tier­te 1994er-Aus­ga­be galt ge­mein­hin als „de­fi­ni­tiv“. Die lei­den­schaft­lich ge­führ­ten Dis­kus­sio­nen um teil­wei­se mi­kro­sko­pisch klei­ne Dif­fe­ren­zen be­le­gen: Re­mas­te­ring, ein in den 90ern ent­wi­ckel­tes Ver­fah­ren zur klang­li­chen Op­ti­mie­rung an­ti­quier­ter Ana­log-Auf­nah­men, ist in­zwi­schen zu ei­nem ei­gen­stän­di­gen Gen­re her­an­ge­reift, mit sei­nen ei­ge­nen Ge­set­zen, Phi­lo­so­phi­en und Hör-Ri­tua­len. Fas­zi­nie­rend oder Fe­tisch? Für so man­che ist der Gip­fel der Ab­sur­di­tät längst er­reicht.

Atem­be­rau­bend vie­le Pro­jek­te

Der Stel­len­wert von Re­mas­te­ring lässt sich al­lei­ne an der atem­be­rau­ben­den Zahl von Pro­jek­ten ab­le­sen, die sich dem in­ter­es­sier­ten Kon­su­men­ten an­bie­ten. Weil Li­zen­zen im­mer wie­der an meh­re­re La­bels ver­ge­ben wer­den, buh­len teil­wei­se ver­schie­de­nen Re­mas­ter des sel­ben Al­bums gleich­zei­tig um die Gunst der Hö­rer. Ein gu­tes Bei­spiel ist das Oeu­vre der Elek­tro­nik-Pio­nie­re Tan­ge­ri­ne Dream. Vir­gin Re­cor­ds be­gann be­reits Mit­te der 80er, LPs ih­rer wohl be­rühm­tes­ten Pha­se zu di­gi­ta­li­sie­ren. 1995 er­schien die von Si­mon Hey­worth be­treu­te „De­fi­ni­ti­ve Edi­ti­on“, die seit­dem im­mer wie­der neu ver­packt wur­de – zu­letzt in zwei kos­ten­güns­ti­gen Sam­plern. Um die­se Ach­se ran­ken sich ver­schie­de­ne Kle­inst­auf­la­gen, dar­un­ter ei­ni­ge Ja­pan-Aus­ga­ben, mit je­weils ei­ge­nem Klang­bild. Weil Tan­ge­ri­ne Dream aber so­wohl vor, als auch nach ih­rer Vir­gin-Ära bei an­de­ren La­bels un­ter Ver­trag stand, wur­de die An­ge­le­gen­heit für Kom­plet­tis­ten zu­neh­mend un­über­sicht­li­cher. Die vier ex­pe­ri­men­tel­len Früh­wer­ke „Elec­tro­nic Me­di­ta­ti­on“, „Al­pha Cen­tau­ri“, „Zeit“und „Atem“er­schie­nen erst­mals bei der in­zwi­schen ein­ge­gan­ge­nen Ji­ve/Elec­tro auf CD, mit ei­nem um­strit­te­nen, ul­tra-mi­ni­ma­lis­ti­schen Art­work. Nur zwei Jah­re spä­ter ver­such­te sich das Re­la­ti­vi­ty-La­bel von Pro­du­zent Bar­ry Ko­brin an ei­ner klang­li­chen Au­f­ar­bei­tung des Ma­te­ri­als. Da­nach blieb die Front zehn Jah­re lang ru­hig. 1999 si­cher­te sich das auf­stre­ben­de Im­pe­ri­um um die Sanc­tua­ry-Group die Rech­te und ver­öf­fent­lich­te un­ter dem Su­bla­bel Cast­le Mu­sic ei­nen Re­mas­ter al­ler vier LPs. Ei­ne zwei­te Re­mas­ter-Wel­le des

sel­ben Rech­te­inha­bers folg­te ein wei­te­res Jahr­zehnt spä­ter, dies­mal un­ter Mit­wir­kung der an­ge­se­he­nen Ex­per­ten Wou­ter Bes­sels (Pre­mas­te­ring) und Ben Wi­se­man (Mas­te­ring). Na­he­zu al­le CDs die­ser Edi­ti­on ent­hiel­ten span­nen­des Bo­nus-Ma­te­ri­al in der Form von ra­ren Sam­pler-Bei­trä­gen oder bis­her un­ver­öf­fent­lich­ten Kon­zert­mit­schnit­ten. Und den­noch er­schien be­reits kurz dar­auf ein wun­der­bar ge­stal­te­tes Box-Set mit kom­plett neu­em Re­mas­te­ring und im lie­be­voll ge­stal­te­ten Ori­gi­nal-LP-De­sign, dies­mal al­ler­dings oh­ne das Bo­nus-Ma­te­ri­al.

Wel­ches Mas­te­ring ist nun das Bes­te? Für eher pe­ri­pher In­ter­es­sier­te wird die An­ge­le­gen­heit zu­neh­mend schwie­ri­ger und ir­ri­tie­ren­der. An­de­re hin­ge­gen ha­ben Blut ge­leckt. Denn je­de der ge­nann­ten Aus­ga­ben weist ein gänz­lich ei­ge­nes Klang­pro­fil auf, wo­durch die Su­che nach dem Hei­li­gen Gral In­dia­na-Jo­nes’sche Di­men­sio­nen an­nimmt. Bei den Ji­ve-Elec­tro-CDs han­delt es sich wei­test­ge­hend um „fla­che“, al­so un­be­ar­bei­te­te Über­tra­gun­gen der Vi­nyl-Mi­xe in die di­gi­ta­le Welt. Ihr Sound ist ent­spre­chend räum­lich, dy­na­misch und druck­voll, aber zugleich ein we­nig muf­fig und dumpf, wie man es von ei­ner un­an­ge­pass­ten 1:1-LP-Über­tra­gung er­war­ten wür­de. Bei den Cast­le-Re­mas­tern han­delt es sich um den ers­ten ernst­haf­ten Ver­such, die Cha­rak­te­ris­ti­ken des CD-For­mats aus zu nut­zen, ein sei­ner­zeit re­vo­lu­tio­nä­rer An­satz, der schon bald zu um­fang­rei­chen Re­mas­te­ring-Pro­jek­ten bei den Ma­jors füh­ren soll­te. Eben­so wie die Re­la­ti­vi­ty-Aus­ga­ben ten­diert das Er­geb­nis aber ein we­nig zu sehr ins Kli­ni­sche, Kal­te und ge­ra­de­zu In­dus­tri­el­le. Die Eso­te­ric-Mi­xe aus 2012 mer­zen vie­le die­ser Ei­gen­schaf­ten wie­der aus, klin­gen wei­cher und run­der und den­noch laut. Doch geht ih­nen der Charme der Vi­nyl-Aus­ga­ben wei­test­ge­hend ab, wohl auch des­we­gen, weil sie of­fen­bar nicht von den Ori­gi­nal-Mas­ter­tapes stam­men, son­dern le­dig­lich klang­lich be­ar­bei­te­te Klo­ne frü­he­rer CDs sind. Erst die 2018er-Aus­ga­be kehrt zu dem Ur­sprungs-Sound zu­rück, un­ter an­de­rem mit ei­nem deut­lich hör­ba­ren Grund­rau­schen. Da­mit schließt sich der Kreis, frei­lich nicht ganz oh­ne ei­nen Hauch von Iro­nie: Dass die der­zeit ak­tu­el­le und mög­li­cher­wei­se bes­te Aus­ga­be letz­ten En­des wie­der so klingt, wie die ur­sprüng­li­che LP aus den frü­hen 70ern, hät­ten sich die fort­schritts­ver­lieb­ten ers­ten Re­mas­ter-Meis­ter si­cher­lich nicht er­träumt.

Fort­schritt und Hör­ge­wohn­hei­ten

In die­sen un­ter­schied­li­chen Re­mas­ter-Wel­len spie­gelt sich zum ei­nen der Fort­schritt von Klang­be­ar­bei­tungs-Ap­pli­ka­tio­nen, die in im­mer tie­fe­re Sound-Schich­ten ein­zu­drin­gen und im­mer fei­ne­re Ar­te­fak­te zu iso­lie­ren und ent­fer­nen ver­mö­gen.

Zum an­de­ren aber re­flek­tie­ren sie un­se­re sich stän­dig wan­deln­den Hör-Ge­wohn­hei­ten und Idea­le, ver­su­chen im­mer wie­der, die Mu­sik in die Ge­gen­wart zu trans­por­tie­ren. Wel­chen Re­mas­ter man vor­zieht, ist so­mit nie­mals nur ei­ne Fra­ge, die sich mit DR-Dia­gram­men oder tech­ni­schem Fach­vo­ka­bu­lar klä­ren lässt, son­dern bei der der ei­ge­ne Ge­schmack ei­ne zen­tra­le Rol­le spielt. Ob der 1994er oder 2011 Re­mas­ter von Pink Floyd‘s „Ani­mals“bes­ser ist oder auch nur ei­ner der bei­den tat­säch­lich ei­ne Ver­bes­se­rung ge­gen­über dem 70er-Vi­nyl dar­stel­len, er­scheint bei­spiels­wei­se zu­nächst ein­mal als ei­ne über­flüs­si­ge Fra­ge. Bei­de lö­sen die Mu­sik weit­aus trans­pa­ren­ter in ih­re Be­stand­tei­le auf, brin­gen Ele­men­te nach vor­ne, die vor­her na­he­zu un­hör­bar im Mix be­gra­ben la­gen. Sie sind kna­cki­ger, kla­rer, ha­ben mehr „Punch“. Und den­noch fin­den sich mehr als ge­nug Fans der „fla­chen“CD-Aus­ga­ben. Denn ge­ra­de das Un­schar­fe, leicht Ver­ne­bel­te der Erst­auf­la­gen ver­leiht ih­nen ei­ne ge­heim­nis­vol­le Au­ra, die sich weit­aus we­ni­ger er­schließt, wenn man je­den Hihat-Tup­fer von Nick Ma­son drei­di­men­sio­nal vor sich hat. Ähn­lich er­geht es ei­nem bei den Tan­ge­ri­ne-Dream-Al­ben der „De­fi­ni­ti­ve Edi­ti­on“: Ob­jek­tiv ist die­se Be­ar­bei­tung si­cher­lich „bes­ser“– doch mag man sie eher sel­ten von An­fang bis En­de hö­ren, lau­fen ei­nem nicht mehr woh­li­ge Schau­er über den Rü­cken, wie noch bei den weit­aus un­dif­fe­ren­zier­te­ren frü­hen Über­tra­gun­gen.

Über die­se Fra­gen wird in im­mer län­ge­ren und zahl­rei­che­ren Fo­ren-Th­reads und in den so­zia­len Me­di­en treff­lich ge­strit­ten. Doch nicht nur der ei­ge­ne Ge­schmack ver­hin­dert ei­ne end­gül­ti­ge Klä­rung. Denn die grund­le­gen­den Pa­ra­me­ter des Klangs schlie­ßen sich teil­wei­se ge­gen­sei­tig aus. Oder an­ders ge­sagt: Man kann nicht al­les auf ein­mal ha­ben. Um so trans­pa­ren­ter die Hö­hen, um so kla­rer die Mit­ten, bei­spiels­wei­se und um so mehr De­tails wer­den er­sicht­lich. Auf Je­an-Mi­chel Jar­re‘s „Oxy­ge­ne 4“er­klingt in Da­vid Dad­wa­ter‘s Re­mas­ter plötz­lich ein rat­tern­des Elec­tro-Hi-Hat, das in vor­an­ge­gan­gen Ge­ne­ra­tio­nen kaum zu hö­ren war. Doch geht die­se „Auf­fri­schung“zu­las­ten der Bass­fre­quen­zen – und ge­ra­de in die­sen ruht oft­mals der be­sag­te woh­li­ge Schau­er. Tan­ge­ri­ne Dream‘s „Force Ma­jeu­re“„knallt“seit 1995 mehr denn je, das Schlag­zeug steht ge­ra­de­zu plas­tisch im Raum. Doch die be­mer­kens­wer­te Leis­tung von Si­mon Hey­worth ver­mag nicht ei­ne Se­kun­de lang die tran­szen­den­te Tie­fe der Vi­nyl-Aus­ga­be zu er­rei­chen.

An­ders­her­um darf man ei­ni­ge Re­mas­ter mit gu­tem Recht als die ei­gent­li­chen Mas­ter be­zeich­nen. Ig­gy Pop‘s „Raw Po­wer“wur­de im Er­schei­nungs­jahr von Da­vid Bo­wie in ei­ner viel zu kurz an­ge­setz­ten Ses­si­on ver­flacht und ver­wäs­sert. Als Pop 2011 selbst hin­ter dem Misch­pult saß, zog er al­le Reg­ler nach oben und schuf ei­nen der ers­ten „Loud­ness-War“Mi­xe, di­gi­ta­les Clip­ping ein­ge­schlos­sen. Was sei­ner­zeit als der schlech­tes­te Re­mas­ter al­ler Zei­ten galt, wirkt in­zwi­schen eher wie ein Ge­nie­streich – ge­nau so bru­tal, über­dreht und ver­zerrt soll­te die­se Mu­sik doch im­mer klin­gen! Die heu­te gän­gi­ge Vor­stel­lung, ein mög­lichst brei­tes dy­na­mi­sches Spek­trum sei im­mer die Op­ti­mal­lö­sung, ist ein ver­ständ­li­cher, aber ver­häng­nis­vol­ler Irr­tum. Rock und Tech­no bei­spiels­wei­se brau­chen ein ge­wis­ses Maß an Kom­pres­si­on, wir­ken in ei­nem zu dy­na­mi­schen Raum lust- und kraft­los. Bei ex­trem ho­hen DRs wer­den die Laut­stär­ke­kon­tras­te teil­wei­se slap­stick­haft über­zo­gen, ver­schwin­den lei­se Pas­sa­gen im Nir­gend­wo, wäh­rend die lau­ten Stel­len die Be­zie­hung zu den Nach­barn be­dro­hen.

Lie­be, zu spät

Es gibt noch weit­aus grund­le­gen­de­re Pro­ble­me. So­gar, wenn Plat­ten­fir­men mit höchs­tem Re­spekt an die Ori­gi­na­le her­an­ge­hen, kommt bei man­chen Mas­ter-Ta­pes je­de Lie­be zu spät – man muss da­von aus­ge­hen, dass an Al­ben wie Tan­ge­ri­ne Dream‘s „Zeit“längst der – Ent­schul­di­gung – „Zahn der Zeit“ge­nagt hat. Kom­pro­mis­se sind so­mit un­ver­meid­bar. Es ist des­we­gen durch­aus be­grü­ßens­wert, dass im­mer mehr Re­mas­te­ring-En­gi­neers ih­ren Job als ei­ne um­fas­sen­de krea­ti­ve Tä­tig­keit ver­ste­hen. Als Ste­ve Hoff­man „Ho­tel Ca­li­for­nia“von den Eagles re­mas­tern soll­te, war er von dem schlech­ten Sound des Mas­ters er­schüt­tert. Erst, als er die Schei­be auf der sel­ben Kon­fi­gu­ra­ti­on an­hör­te, mit de­nen sie 1974 ab­ge­mischt wur­de, er­schloss sich ihm das Pro­blem: Die Stu­dio-Bo­xen hat­ten die Ab­mi­schung zu stark ge­färbt. Sein neu­er An­satz klingt nun auf al­len An­la­gen le­ben­di­ger denn je, oh­ne das sanf­te 70er Jah­re Flair auf­zu­ge­ben. [1] Der un­er­müd­li­che Ste­ven Wil­son wie­der­um ver­mischt die Gren­zen zwi­schen Re­mas­tern und Re­mi­xing gleich ganz. Für sei­ne viel ge­prie­se­nen Neu­ab­mi­schun­gen von Prog-Rock-Bands wie Yes und Je­thro Tull greift er di­rekt in ein­zel­nen Spu­ren ein, statt nur den Ge­samt­klang um­zu­for­men. In­ter­es­san­ter­wei­se lie­fert die­ser weit­aus ra­di­ka­le­re An­satz Er­geb­nis­se, wel­che im Fee­ling den Ori­gi­na­len nä­her kom­men als die meis­ten ak­tu­el­len Re­mas­ter. Man darf so­mit ge­spannt sein, wie sei­ne Ar­beit aus­fällt, wenn im Som­mer ein um­fang­rei­ches Tan­ge­ri­ne-Dream-Pa­ket un­ter sei­ner Re­gie er­scheint.

Das be­mer­kens­wer­tes­te aber an dem Re­mas­te­ring-Hy­pe ist, wie sich Tau­sen­de von Hö­rern auf höchs­tem Ni­veau über Fein­hei­ten von Mu­sik aus­tau­schen, an die so­gar in den ver­meint­li­chen gol­de­nen Jah­ren der In­dus­trie nie­mand ge­dacht hät­te. Wenn man­che Fans – und ich be­ken­ne mich hier aus­drück­lich schul­dig – meh­re­re Re­mas­ter der sel­ben Schei­be im Re­gal ste­hen ha­ben, dann äh­nelt das sehr der Pra­xis, die un­ter­schied­li­chen In­ter­pre­ta­tio­nen klas­si­scher Meis­ter­wer­ke von Bach bis Beet­ho­ven ein­an­der im di­rek­ten Hör­ver­gleich ge­gen­über­zu­stel­len. Nur steht hier nicht der In­ter­pret, son­dern der En­gi­neer im Vor­der­grund. Es ist die Lie­be zum Klang, wel­che die­se Lei­den­schaft ent­facht, die Su­che nach dem per­fek­ten Sound. Und ganz egal, was ei­nem die Plat­ten­fir­men vor­gau­keln mö­gen: De­fi­ni­tiv kann kei­nes der Er­geb­nis­se je­mals sein.

Man­che Fans ha­ben meh­re­re Re­mas­ter der sel­ben Schei­be im Re­gal – ähn­lich wie Klas­sik-Fans un­ter­schied­li­che In­ter­pre­ta­tio­nen der Meis­ter­wer­ke von Bach bis Beet­ho­ven.

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Am Re­mas­te­ring schei­den sich die Geis­ter.

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