Als der Kirch­turm Le­ben ret­te­te

Bergische Morgenpost Radevormwald - - WERMELSKIRCHEN - VON THE­RE­SA DEMSKI

Die klei­ne Dhün­ner Kir­che kennt vie­le Ge­schich­ten. Wer ge­nau hin­sieht, ent­deckt vie­le Spu­ren der Hei­mat­ver­bun­den­heit.

Die Not war groß. Im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich zo­gen Plün­de­rer durch die Lan­de, es herrsch­te mehr Krieg als Frie­den. Wenn sich Die­be auf Beu­te­zug dem klei­nen Ört­chen Dhünn nä­her­ten, dann schlu­gen die Men­schen Alarm, lie­fen zu ih­rem ro­bus­ten, star­ken Kirch­turm, klet­ter­ten die Stie­gen in den Turm hin­auf und harr­ten aus. Schieß­schar­ten mach­ten ih­nen für den Ernst­fall so­gar den Kampf mög­lich, vor al­lem aber schütz­ten sie die schwe­ren, di­cken Mau­ern vor den Ein­dring­lin­gen. Die Men­schen harr­ten aus bis Hil­fe kam oder die Frem­den den Rück­zug an­tra­ten.

„Hier ging es im Mit­tel­al­ter wild zu“, sagt Pfar­rer Rei­nald Rü­sing und streicht über den al­ten St­ein im Dhün­ner Kirch­turm. Seit fast 800 Jah­ren steht der Turm an Ort und Stel­le, die Glo­cken läu­ten zu fröh­li­chen und trau­ri­gen An­läs­sen und ver­mit­telt den Men­schen im Dorf je­nen Ein­druck von Be­stän­dig­keit, der in hek­ti­schen Zei­ten sel­ten ge­wor­den ist. Ein gro­ßes Feu­er 1804 rück­te dem Ge­bälk im Turm zu Lei­be, die Mau­ern hiel­ten durch.

Ein al­ter Bal­ken, der das Feu­er über­stand, emp­fängt heu­te die Be­su­cher im Turm – be­vor sie die Schwel­le zur Kir­che über­tre­ten, die 1771 ge­baut und ein Jahr spä­ter ein­ge­weiht wur­de. „Es ist ei­ne ty­pi­sche, ber­gi­sche Dorf­kir­che“, sagt Rü­sing und er­in­nert dar­an, dass in Witz­hel­den ei­ne Art Zwil­lings­kir­che steht. Pfar­rer Witt­feldt war einst zur Kol­lek­ten­rei­se nach Schott­land auf­ge­bro­chen, kam mit viel Geld zu­rück und der Kirch­bau konn­te be­gin­nen. Un­ter­stüt­zung gab es auch von Dr. Brass aus Dok­tors­dhünn, das spä­ter in der Tal­sper­re un­ter­ging. Und die Hof­schaf­ten steu­er­ten Geld bei, um Bän­ke zu kau­fen.

„Wenn man ge­nau hin­sieht, er­kennt man bis heu­te Buch­sta­ben und Zei­chen auf den al­ten Holz­bän­ken“, sagt Rü­sing. Heid­chen, Hal­zen­berg, Stehls­müh­le: Je­der hat­te sei­nen Platz. „Und die Pas­to- ren­fa­mi­lie saß vor­ne links“, sagt der Pfar­rer, lacht und geht wei­ter zu der klei­nen, bun­ten Tür, die zur Sa­kris­tei führt. „Sie ist den ber­gi­schen Tü­ren nach­emp­fun­den“, sagt er, „des­we­gen ist sie bunt.“

Ungewöhnliche Far­ben in evan­ge­li­schen Kir­chen die­ser Re­gi­on, die meist so­gar durchsichtige Fens­ter­schei­ben ha­ben – schließ­lich soll­te im Fo­kus im­mer das Wort Got­tes blei­ben. Rü­sing klet­tert ein paar schma­le, aus­ge­tre­te­ne Stu­fen hin­auf und öff­net die Tür zur Kan­zel.

„Ich ha­be hier schon so oft ge­pre­digt“, sagt er, „aber die­ser Mo­ment, wenn ich die Kan­zel be­tre­te, bleibt et­was Be­son­de­res.“Got­tes Wort in der Mit­te der Kir­che. Von hier aus kann der Pfar­rer auf je­den Platz des Rau­mes se­hen – ob Em­po­re oder nicht. Und der Schall­de­ckel über dem Pult sorgt da­für, dass er über­all gut ver­ständ­lich ist. Ei­ne Eta­ge hö­her thront die Or­gel – auf ihr ha­ben zwei Hol­zen­gel und Da­vid mit sei­ner Har­fe Platz ge­nom­men. Zum Got­tes­dienst klet­tert Brit­ta Specht dann auf die schma­le Or­gel­bank. „Und wer ge­nau hin­sieht, ent­deckt ge­gen­über an der Em­po­re ei­nen klei­nen Spie­gel“, sagt Rü­sing. Dar­über bleibt die Or­ga­nis­tin wäh­rend des Got­tes­diens­tes mit Pfar­rern und Pres­by­tern im Kir­chen­raum in Kon­takt – er er­laubt ihr den Blick zum Al­tar. Vie­les hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ver­än­dert – in­nen und au­ßen wur­den Sa­nie­run­gen fäl­lig. Die Ge­mein­de ver­zich­te­te auf ein paar Bän­ke und schuf so Platz für Chö­re und Po­sau­nen. Und links ne­ben dem Al­tar hat der al­te Tauf­stein sei­nen Platz zu­rück­er­obert – er dürf­te so alt sein wie das Got­tes­haus selbst, lag al­ler­dings lan­ge zer­bro­chen vor der Kir­che. In­zwi­schen wer­den am St­ein wie­der Kin­der und Er­wach­se­ne ge­tauft.

Auch den Turm muss nie­mand mehr als Wehr­turm nut­zen. Aber die auf­ge­schla­ge­ne Bi­bel in der Mit­te des Al­tars der Dorf­kir­che, die ist ge­blie­ben.

FOTOS (3): JÜR­GEN MOLL

Der Blick auf die Kan­zel und die Or­gel der Evan­ge­li­schen Kir­che in Dhünn.

Der klei­ne Brun­nen vor der Kir­che wird von der Dorf­ge­mein­schaft ge­pflegt. Ein Wap­pen über der Fon­tä­ne er­in­nert an die Zu­ge­hö­rig­keit zu Len­nep.

Die auf­ge­schla­ge­ne Bi­bel in der Mit­te des Al­tars in der Dorf­kir­che in Dhünn ist ei­ne fes­te Ein­rich­tung.

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