Als Pau­lo Co­el­ho noch ein Hip­pie war

Bergische Morgenpost Radevormwald - - KULTUR - VON WELF GROMBACHER

Der Weg war im­mer schon sein gro­ßes Ziel. Der bra­si­lia­ni­sche Best­sel­ler­au­tor be­gibt sich in sei­nem neu­en Ro­man auf den Hip­pie-Trail. Das Buch ist ei­ne Art spi­ri­tu­el­ler Road Mo­vie ge­wor­den.

Auf Rei­sen hat er im­mer ein Fläsch­chen Weih­was­ser aus Lour­des im Ge­päck, und mit ei­nem neu­en Ro­man be­ginnt er erst, wenn er auf ei­nem sei­ner Spa­zier­gän­ge ei­ne wei­ße Fe­der ge­fun­den hat.

Kurz­um: Pau­lo Co­el­ho ist schon et­was spe­zi­ell. Trotz­dem sieht er sich selbst nicht als „New-Age-Gu­ru“. „Na gut, viel­leicht für ei­ne kur­ze Zeit, als ich Hip­pie war“, ge­steht der 71-Jäh­ri­ge. „Dann ha­ben mich die Me­di­en in ih­rem Drang, al­les und je­den ka­te­go­ri­sie­ren zu müs­sen, in die­se New-Age-Kis­te ge­steckt. Was kann ich da­ge­gen ma­chen? Gar nichts.“

Nun, so ganz un­schul­dig wie er be­teu­ert, ist er nicht an sei­nem Image. Der neue Ro­man„Hip­pie“ist ein wei­te­rer Be­leg da­für. Pau­lo Co­el­ho er­zählt dar­in von eben je­nen wil­den Jah­ren, in de­nen er selbst mit ei­ner wil­den Mat­te auf dem Kopf durch die Welt reis­te. „Was in die­sem Buch be­rich­tet wird, ha­be ich selbst er­lebt“, schreibt er gleich am An­fang. Le­dig­lich Na­men, An­ga­ben zu Per­so­nen und die Chro­no­lo­gie ha­be er ver­än­dert, au­ßer­dem in der drit­ten Per­son er­zählt, da­mit je­de Fi­gur „er­kenn­bar ei­ne ei­ge­ne Stim­me“be­sit­ze. Zwar sei­en al­le sei­ne Bü­cher Re­fle­xio­nen sei­ner See­le, er­klär­te er un­längst in ei­nem In­ter­view. Et­was von ihm selbst ste­cke in al­len Cha­rak­te­ren, die er er­fin­de. In „Hip­pie“aber sei er doch „ein biss­chen mehr sicht­bar“.

Mit dem le­gen­dä­ren Ma­gic Bus will die jun­ge Hol­län­de­rin Kar­la im Sep­tem­ber 1970 nach Kath­man­du fah­ren, um sich dort selbst zu fin­den. Ih­ren Job hat sie auf­ge­ge­ben. Jetzt sucht sie in Ams­ter­dam noch ei­nen männ­li­chen Rei­se­be­glei­ter und freut sich, als die Wahr­sa­ge­rin ihr pro­phe­zeit, sie wer­de bis mor­gen Abend den Mann tref­fen, der mit ihr geht.

Kei­ne Fra­ge, da­mit muss der blau­äu­gi­ge Bra­si­lia­ner Pau­lo ge­meint sein, dem sie kurz dar­auf über den Weg läuft. Ei­gent­lich will er zwar wei­ter nach London zie­hen, als er aber er­fährt, dass die Rei­se auf dem Hip­pie Trail nur 70 Dol­lar kos­tet, ist er gleich mit da­bei. Zu­mal so ein schö­nes Mäd­chen ihn fragt. Mit ei­ner Hand­voll an­de­rer Selbst­su­cher ma­chen sie sich al­so auf den wei­ten Weg.

Al­les, was Pau­lo Co­el­ho aus­macht, steckt auch in die­sem spi­ri­tu­el­len Road­mo­vie. Die Su­che nach dem Sinn des Le­bens treibt die­sen Au­tor seit Jahr­zehn­ten. Als Sa­ta­nist hat er nach Ant­wor­ten ge­sucht und als ka­tho­li­scher Or­dens­bru­der. Er schrieb lan­ge vor Ha­pe Ker­ke­ling und Ma­nu­el An­drack über sei­ne Wan­de­rung „Auf dem Ja­kobs­weg“(1987) und lan­de­te mit „Der Al­chi­mist“(1988) ei­nen Welt­best­sel­ler, der in 81 Spra­chen über­setzt wur­de. 15 Mil­lio­nen Fol­lo­wer auf Twit­ter ma­chen ihn in den so­zia­len Netz­wer­ken zum Schrift­stel­ler mit der größ­ten Fan­ge­mein­de. Kön­nen so vie­le Men­schen ir­ren? Man könn­te das durch­aus be­ja­hen. Aber Pau­lo Co­el­ho dar­um nur als„Schwach­sinns­schwur­b­ler“und „Kö­nig des Eso­te­ri­kschunds“ab­zu­tun – wie es Kri­ti­ker Den­nis Scheck macht –, wä­re dann doch zu un­ge­recht und ein­fach.

In ei­ner gott­lo­sen, vom Ka­pi­ta­lis- Al­les ist hier. Al­les ist jetzt. Der ge­gen­wär­ti­ge Mo­ment ist im­mer der wich­tigs­te.

Viel­leicht han­delt es sich bei „Hip­pie“um das per­sön­lichs­te Buch des bra­si­lia­ni­schen Schrift­stel­lers. Der frei­en Lie­be er­teilt der seit 37 Jah­ren ver­hei­ra­te­te Co­el­ho dar­in aber eben­so ei­ne un­miss­ver­ständ­li­che Ab­sa­ge wie auch den Dro­gen als be­wusst­seins­er­wei­tern­de Sti­mu­lan­zi­en. Ob­wohl Kar­la im Le­ben zum ers­ten Mal rich­tig liebt, so viel sei ver­ra­ten, werden sie und Pau­lo am En­de kein Lie­bes­paar. Wäh­rend sie ih­re Rei­se nach Ne­pal fort­setzt, bleibt er in Istan­bul und hofft im Su­fis­mus sein Heil zu fin­den.

Die le­sen­den Jün­ger von Pau­lo Co­el­ho werden be­geis­tert sein. Ein­mal mehr bie­tet er ein­fa­che Ant­wor­ten auf kom­ple­xe Fra­gen an. Das ist für vie­le ver­lo­ckend.

FO­TO: PRIVAT

Pau­lo Co­el­ho in be­weg­ten und sinn­su­chen­den Zei­ten.

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