Mann ge­steht Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen

Bergische Morgenpost Remscheid - - PANORAMA - VON CLAU­DIA HAU­SER

Ei­ne Grup­pe jun­ger Män­ner soll im Ruhr­ge­biet sie­ben Mäd­chen zum Sex ge­zwun­gen ha­ben. Am ers­ten Pro­zess­tag in Es­sen leg­te ein 20-Jäh­ri­ger ein Ge­ständ­nis ab. Doch Ver­ant­wor­tung für die Ta­ten über­nimmt er nicht.

ES­SEN Die Ka­pu­zen tief in der Stirn, die Ja­cken hoch­ge­zo­gen bis über die Au­gen. So tas­ten sich vier jun­ge Män­ner in Saal 101 des Es­se­ner Land­ge­richts Schritt für Schritt vor zu ih­ren Plät­zen. Die Ka­me­ras der Fo­to­gra­fen kli­cken. Nur ei­ner ver­birgt sein Ge­sicht nicht: Es ist der 18-jäh­ri­ge De­an L., nach dem die Po­li­zei im Fe­bru­ar bun­des­weit mit Fo­to ge­fahn­det hat­te. „Je­der kennt sein Ge­sicht“, wird ein Ver­wand­ter spä­ter auf dem Flur sa­gen und sich über die Fahn­dung är­gern. L. trägt ein blü­ten­wei­ßes Hemd, ei­ne Un­der­cut-Fri­sur, im­mer wie­der streicht er sich ei­ne dunk­le Lo­cke aus der Stirn. Das Fo­to von dem ernst bli­cken­den Jun­gen mit dem Schal­ke-Tri­kot ist zum Ge­sicht ei­nes Falls ge­wor­den, der bun­des­weit Auf­merk­sam­keit auf sich ge­zo­gen hat.

Min­des­tens sie­ben Mäd­chen sol­len die fünf An­ge­klag­ten zwi­schen Som­mer 2016 und Ja­nu­ar die­ses Jah­res ge­mein­sam zum Sex ge­nö­tigt ha­ben. In drei die­ser Fäl­le schei­ter­ten sie laut An­kla­ge an der Ge­gen­wehr der Mäd­chen. Al­le Op­fer sind sehr jung, 16 Jah­re alt, Schü­le­rin­nen. Die Op­fer kann­ten je­weils min­des­tens ei­nen der Män­ner vor der Tat.

Ei­ner der mut­maß­li­chen Tä­ter ist ge­ra­de mal 17, die an­de­ren zwi­schen 18 und 24 Jah­re alt. Sie ha­ben deut­sche Päs­se, stam­men aus Es­sen, Gel­sen­kir­chen und Wuppertal. Die Staats­an­walt­schaft ist da­von über­zeugt, dass die Ta­ten im­mer nach dem glei­chen Mus­ter ab­lie­fen: In un­ter­schied­li­cher Kon­stel­la­ti­on sol­len sie die Mäd­chen mit dem Au­to ab­ge­holt ha­ben, un­ter ei­nem Vor­wand nah­men sie ih­nen die Han­dys ab, dann ging es an den Stadt­rand Es­sens.

Im Wald oder auf ei­nem Feld er­fuh­ren die Mäd­chen dann laut An­kla­ge, was die jun­gen Män­ner mit ih­nen vor­hat­ten: „Wir spie­len jetzt ein Spiel, zieh dich doch mal aus“, hieß es. Oder:„Ent­we­der du machst das jetzt, oder ich schla­ge dich ka­putt.“Auf dem Rück­sitz des Au­tos, ein­mal auch in ei­nem Ho­tel ta­ten die jun­gen Frau­en dann, was von ih­nen ver­langt wur­de. Je­weils vier Tä­ter sol­len sie nach­ein­an­der zum Sex ge­zwun­gen ha­ben. Dann be­ka­men sie ih­re Han­dys zu­rück und wur­den nach Hau­se ge­fah­ren.

Jos­hua E. macht an die­sem ers­ten Pro­zess­tag den An­fang. Der 20-Jäh­ri­ge will re­den, ein Ge­ständ­nis ab­le­gen. Erst lässt er sei­nen Ver­tei­di­ger sa­gen: „Ich ste­he zu al­len Ta­ten und will mich bei den Op­fern ent­schul­di­gen für mein Ver­hal­ten.“Er schä­me sich. Doch als er mit lei­ser, fast sanf­ter Stim­me er­zählt, was ge­nau pas­siert ist, lässt er sei­ne ei­ge­ne Ver­ant­wor­tung doch eher in den Hin­ter­grund rü­cken. Er ha­be die Mäd­chen et­wa im­mer „nett ge­fragt“, ob sie „Ge­schlechts­ver­kehr“ mit ihm ha­ben woll­ten und sie nie da­zu ge­zwun­gen. Ein­mal ha­be er ei­ner Schü­le­rin beim Ab­schied ei­nen Geld­schein ge­ge­ben, weil sie nichts mehr hat­te. Sie ha­be ihm dann noch ei­nen Kuss ge­ge­ben, als er sie dar­um ge­be­ten hat­te, man ha­be so­gar Num­mern aus­ge­tauscht. E. be­las­tet vor al­lem den jüngs­ten An­ge­klag­ten schwer, der als ein­zi­ger auf frei­em Fuß ist, weil er erst 17 ist. Des­sen An­wäl­te hat­ten zu Be­ginn der Ver­hand­lung ver­sucht, die Öf­fent­lich­keit aus­schlie­ßen zu las­sen – „um sei­ne künf­ti­ge Ent­wick­lung nicht zu ge­fähr­den“. Die Kam­mer lehn­te den An­trag ab.

Jos­hua E. sagt, der Jüngs­te von ih­nen ha­be die Whats­App-Grup­pe „Spin­nen GE“ge­grün­det, in der die Er­mitt­ler Hun­der­te Chats si­cher­ten, in de­nen die Ta­ten ge­plant wor­den sein sol­len. Hin­ter­her sol­len sich die An­ge­klag­ten in der Grup­pe über die Mäd­chen lus­tig ge­macht und sie ver­höhnt ha­ben: „Du hast was ver­passt, Bru­der.“

Auf Nach­fra­ge des Vor­sit­zen­den Rich­ters sagt E., die Grup­pe tra­ge den Na­men, weil sie al­le so dünn sei­en, Bei­ne wie Spin­nen hät­ten. „Mäd­chen be­sorgt hab ich nie“, sagt er. Der 17-Jäh­ri­ge und Gi­an­ni H., 20 Jah­re alt, hät­ten „al­les ge­plant“. „Sie ha­ben De­an ge­sagt, er soll Mäd­chen be­sor­gen, der hat das ein­ge­fä­delt.“Der Jüngs­te sei der Boss ge­we­sen. „Ich woll­te ein­fach nur mit da­bei sein, fand das aber nicht gut.“Fast al­le An­ge­klag­ten stamm­ten aus Sin­ti-Fa­mi­li­en.„Da kennt man sich un­ter­ein­an­der, schon lan­ge.“

Laut An­kla­ge war Jos­hua E. in sechs der sie­ben Fäl­le da­bei. Er be­haup­tet, den Sex so­fort ab­ge­bro­chen zu ha­ben, als er ge­merkt ha­be, dass ei­nes der Mäd­chen„nicht rich­tig woll­te“. Ganz ne­ben­bei lässt er ein­flie­ßen, dass ein Mäd­chen ihm ge­sagt ha­be, er ha­be so schö­neWim­pern. Oder ein an­de­res, dass er „voll hübsch“sei. „Ich hab die nie falsch an­ge­fasst.“Ihm sei es egal ge­we­sen, ob er Sex mit den Mäd­chen hat­te, er „woll­te nur mit den Jungs un­ter­wegs sein“.

Die Er­mitt­ler ge­hen im­mer noch da­von aus, dass es mehr als sie­ben Op­fer gibt, aber auch wei­te­re Tä­ter, die bis­her nicht er­mit­telt wer­den konn­ten. Der Pro­zess wird am 6. Au­gust fort­ge­setzt.

FO­TO: DPA

Zwei der An­ge­klag­ten (M. und r.) sit­zen im Es­se­ner Ge­richts­saal.

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