Welt­krieg aus Künst­ler-Sicht

Bergische Morgenpost Remscheid - - SPORT - VON PHIL­IPP MÜLLER

„Zei­ten des Um­bruchs“heißt die neue Aus­stel­lung im Zen­trum für ver­folg­te Küns­te.

SO­LIN­GEN Al­les, was man im Zen­trum für ver­folg­te Küns­te ma­che, ha­be sei­nen Ur­sprung im Ers­ten Welt­krieg, sagt der Di­rek­tor des Zen­trums für ver­folg­te Küns­te, Dr. Rolf Jes­se­witsch. Im ehe­ma­li­gen Gräf­ra­ther Rat­haus, dem Kunst­mu­se­um, stell­te er die Aus­stel­lung „Zei­ten des Um­bruchs Vor 100 Jah­ren Ers­ter Welt­krieg, No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on, Wei­ma­rer Re­pu­blik in der Kunst“vor. Sie ist nicht nur aus An­lass des En­des des Ers­ten Welt­kriegs ent­stan­den. Sie wür­digt zu­gleich den lei­den­schaft­li­chen Kunst­samm­ler und Ge­schichts­ken­ner Dr. Ger­hard Schnei­der.

Er fei­ert am heu­ti­gen Sams­tag sei­nen 80. Ge­burts­tag. Tei­le sei­ner Samm­lung wur­den vom Bund als Grund­stock für die Kunst im Zen­trum an­ge­schafft. In der ak­tu­el­len Schau sind da­zu Wer­ke als Pre­mie­re zu se­hen, die Schnei­der erst kürz­lich pri­vat er­wor­ben hat.

Die Aus­stel­lung spannt da­bei ei­nen wei­ten Bo­gen. Mit ei­ner Rei­he von Blät­tern aus den ge­druck­ten Pu­bli­ka­tio­nen „Kriegs­zeit Künst­ler­flug­blät­ter“wird die auch un­ter Künst­lern ver­brei­te­te Be­geis­te­rung, 1914 in den Krieg zu zie­hen, do­ku­men­tiert. Max Lie­ber­mann, Ernst Bar­lach oder Wil­ly Ja­eckel sind da­bei die be­kann­te­ren Ver­tre­ter. Doch die Stim­mung schlug schnell um. Das be­legt schon 1914 das Blatt „Das Ban­gen“von Kä­the Koll­witz mit sei­nem ängst­li­chen, ah­nen­den Blick.

Das stei­gert sich bis zum Kriegs­en­de. Vie­le Zeich­nun­gen zei­gen kämp­fen­de und ster­ben­de Sol­da­ten, be­schrei­ben

Fron­tall­tag und Schüt­zen­grä­ben. Aber sie ma­chen auch das Trauma an der Front fast phy­sisch greif­bar. Ot­to Dix ist ei­ner der be­kann­ten Künst­ler, der den Krieg über­leb­te und er­schüt­tern­de Do­ku­men­te hin­ter­ließ. Am Schick­sal von Ot­to Dix lässt sich die The­se von Jes­se­witsch be­le­gen, dass al­les im Zen­trum in den Schüt­zen­grä­ben ih­ren An­fang nahm. Künst­ler, die Ver­dun und die West­front über­leb­ten, wur­den in der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­fei­ert, aber nach 1933 ver­bo­ten, ver­nich­tet, ver­ges­sen. Der Nach­kriegs­zeit und der Wei­ma­rer Re­pu- blik wid­met die Aus­stel­lung da­her ei­nen wich­ti­gen Teil, weist auf die­se Zu­sam­men­hän­ge hin.

Das Zen­trum selbst wur­de heu­te vor drei Jah­ren er­öff­net. Da pas­se es gut, er­klä­ren Schnei­der und Jes­se­witsch, dass mit der Aus­stel­lung erst­mals in der Bun­des­re­pu­blik das The­ma Ers­ter Welt­krieg aus Sicht der Künst­ler um­fas­send ge­zeigt wer­de, so den Zen­trums-Auf­trag un­ter­strei­che.

Schnei­der gab sich bei derVor­stel­lung„sei­ner“Aus­stel­lung vol­ler Ener­gie. Ganz wich­tig sind ihm die Wer­ke rund um den 9. No­vem­ber 1918 und kurz da­nach, die die Re­vo­lu­ti­on, aus­ge­löst durch Ma­tro­sen in Kiel, the­ma­ti­sie­ren. Da tau­chen nicht die gro­ßen Na­men auf – ob­wohl vie­le Zeich­nun­gen enorm emo­tio­nal sind, mit ex­pres­sio­nis­ti­schen und ku­bis­ti­schen Ele­men­ten spie­len, be­reits er­ah­nen las­sen, wie spä­ter die „Neue Sach­lich­keit“den scho­nungs­lo­sen Blick auf die Ge­sell­schaft wagt. „Es zäh­len in den gro­ßen Mu­se­en lei­der nur die be­kann­ten Na­men“, er­klärt der Samm­ler. Da­bei ent­ste­he die Viel­falt der Sti­le erst durch ei­ne eben­falls gro­ße Viel­falt an Künst­lern. Das wol­le er auf­zei­gen.

Stolz ist er dar­auf, als Pre­mie­re Zeich­nun­gen und Dru­cke aus dem Ers­ten Welt­krieg von Erich Fraaß ab Sonn­tag aus­stel­len zu kön­nen. Die ha­be er erst im ver­gan­ge­nen Jahr aus des­sen Nach­lass er­wor­ben. Sie of­fen­ba­ren die Kraft und Wucht der Künst­ler zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts fast ex­em­pla­risch für die gan­ze Ge­ne­ra­ti­on der Ma­ler, Zeich­ner und Bild­hau­er, die in den Krieg zo­gen, die­sen mit ih­ren Bild­wor­ten ver­ur­teil­ten.

„Ganz wich­tig sind mir die Wer­ke

rund um den 9. No­vem­ber 1918“

Ger­hard Schnei­der

Kunst­samm­ler

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