Ei­ne fra­gi­le Rei­se durchs Ber­gi­sche Land

Bergische Morgenpost Remscheid - - STADTPOST - VON JUT­TA SCHREI­BER-LENZ

Martin und Sieg­lin­de Haa­se de­bü­tier­ten mit ih­rem Pa­pier­thea­ter in Schloss Burg.

BURG Fürs Fähn­chen schwen­ken bei der Er­öff­nung der Rem­schei­der Stra­ßen­bahn 1891 und um den „Schwe­be­bahn-Ele­fan­ten“Tuf­fi als Plüsch­tier trom­pe­ten zu las­sen, ka­men Martin und Sieg­lin­de Haa­se kurz hin­ter ih­rer Büh­ne her­vor und wur­den sicht­bar. Das 14 Zent­ner schwe­re Rüs­sel­tier war 1950 bei ei­ner Wer­be­fahrt für sei­nen Zir­kus aus ei­nem Schwe­be­bahn-Wag­gon in die Wup­per ge­sprun­gen und hat­te da­mit ber­gi­sche Ge­schich­te ge­schrie­ben. Zwei his­to­ri­sche Rück­bli­cke, die das Ehe­paar in ih­rem Stück „Bit­te um­stei­gen“ein­drucks­voll in ih­rer klei­nen Guck­kas­ten-Büh­ne aus Pa­pier in­sze­nier­ten. Sechs ver­schie­de­ne Schau­plät­ze gab es für das Pu­bli­kum zu be­sich­ti­gen: Der Müngs­te­ner Brü­cken­park mit den „klin­gen­den Rät­seln“war eben­so dar­un­ter wie die sanft schwe­ben­den Ses­sel des Lifts von Un­ter- nach Ober­burg hin­auf zum Schloss.

30 Stüh­le wa­ren in dem frisch re­no­vier­ten Raum im Gr­a­ben­tor von Schloss Burg vor der Ku­lis­se mit dem Schlüs­sel­loch im ge­schlos­se­nen „Vor­hang“ge­stellt – mehr geht nicht, wie Martin Haa­se sag­te. „In un­se­ren zwei Räu­men zu Hau­se in Rem­scheid ha­ben nur 16, be­zie­hungs­wei­se 20 Zu­schau­er Platz: Mehr kön­nen ein­fach nicht aus­rei­chend se­hen.“Tat­säch­lich tausch­ten am Sams­tag­mit­tag man­che der fas­zi­nier­ten Zu­schau­er in den hin­te­ren Rei­hen wäh­rend der Vor­stel­lung ih­ren Sitz- ge­gen ei­nen Steh­platz, um das lie­be­voll in­sze­nier­te Ge­sche­hen im pa­pier­nen Guck­kas­ten aus­rei­chend ver­fol­gen zu kön- nen.

Martin und Sieg­lin­de Haa­se, seit 20 Jah­ren mit die­sem Herz­blut-Hob­by des Pa­pier­thea­ter­spie­lens un­ter­wegs, nah­men ihr Pu­bli­kum mit „Bit­te um­stei­gen“mit auf ei­ne un­ter­halt­sa­me Fan­ta­sie-Rund­rei­se durch das ber­gi­sche Städ­te­drei­eck So­lin­gen/Rem­scheid/Wuppertal. Sei es ein al­ter So­lin­ger O-Bus, die Schwe­be­fäh­re in Müngs­ten, die Bur­ger Seil­bahn, die Rem­schei­der Stra­ßen­bahn oder die Wup­per­ta­ler Schwe­be­bahn: Sie al­le tra­ten als an dün­nen Stä­ben ge­scho­be­ne Haupt­dar­stel­ler in den sorg­fäl­tig selbst her­ge­stell­ten Ku­lis­sen von Sieg­lin- de und Martin Haa­se auf. Wäh­rend der span­nen­den, gut 30-mi­nü­ti­gen Fahrt gab es An­ek­do­ten und In­ter­es­san­tes aus der Ge­schich­te zu hö­ren.

Start war in der So­lin­ger Ci­ty, von wo es mit ei­nem al­ten O-Bus nach Un­ter­burg hin­un­ter ging, En­de der Voh­wink­ler Bahn­hof der Schwe­be­bahn, wo ein er­neu­tes Um­stei­gen in ei­nen So­lin­ger O-Bus zu­rück zum Start­punkt ge­führt hät­te. Lie­be­vol­le De­tails im Sze­na­rio sorg­ten im­mer wie­der für bei­fäl­li­ge Schmunz­ler – wie zu Bei­spiel die Be­leuch­tung der his­to­ri­schen Dampf­bahn „Kü­ckel­hahn To­ni“, die bis 1903 zwi­schen Rons­dorf und Müngs­ten fuhr. „Die ha­ben wir mit Hil­fe vonWeih­nachts­be­leuch­tungs-Lämp­chen hin­be­kom­men“, ver­riet Sieg­lin­de Haa­se am Schluss, als die Zu­schau­er noch ein paar Bli­cke hin­ter die Ku­lis­sen des Thea­ters wer­fen durf­ten.

Die Fo­tos für die be­ein­dru­ckend schö­nen Hin­ter­grund­bil­der stam­men al­le aus der Ka­me­ra von Martin Haa­se. „Ich bin durch die di­ver­sen Alt­städ­te im Ber­gi­schen ge­fah­ren und ha­be schö­ne Häu­ser auf­ge­nom­men“, er­zähl­te er. Ne­ben Gräf­rath oder Lennep sei er be­son­ders in Lan­gen­berg fün­dig ge­wor­den:„Da ist wun­der­schö­ner al­ter Ar­chi­tek­tur-Be­stand.“

Auch für den Ton zeich­net er ver­ant­wort­lich. Man­che Hin­ter­grund­ge­räu­sche, wie Vo­gel­ge­zwit­scher oder Ei­sen­bahn-Rat­tern, kön­ne man im In­ter­net fin­den. „Aber zum Bei­spiel nicht, wie ein Ori­gi­nal-Ober­lei­tungs­bus klingt. Da­für ha­be ich mich in So­lin­gen mit mei­nem Auf­nah­me­ge­rät an den GrafWil­helm-Platz ge­stellt.“

Viel herz­li­cher Bei­fall am Schluss der Auf­füh­rung zeig­te, dass das Pu­bli­kum durch­aus Lust auf mehr be­kom­men hat­te – und sich ger­ne Fly­er und In­for­ma­ti­ons-Ma­te­ri­al über das Rem­schei­der Pa­pier­thea­ter ein­steck­te.

FO­TO: MICHA­EL SCHÜTZ

Die Schwe­be­fäh­re in Müngs­ten war ei­nes der Ver­kehrs­mit­tel im Pa­pier­thea­ter.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.