Kunst, die for­dert und an­greift

Die 73. „Ber­gi­sche Kunst­aus­stel­lung“über­zeugt durch Tie­fe. Ein Rund­gang mit der künf­ti­gen Kunst­mu­se­um-Lei­te­rin Gi­se­la El­bracht Igl­haut.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Aus Der Region - VON PHILIPP MÜL­LER

Es knallt in der 73. Ber­gi­schen Kunst­aus­stel­lung. Doch wann, das weiß man nicht. Im gro­ßen, ho­hen Neu­bau-Raum des So­lin­ger Kunst­mu­se­ums steht ei­ne Kon­fet­ti-Ka­no­ne, die aus­sieht wie ei­ne schwar­ze Mör­ser-Bat­te­rie. Èmi­le V. Sch­les­ser hat die Skulp­tur er­schaf­fen. Dies In­stal­la­ti­on ist pro­gram­miert, ir­gend­wann wäh­rend der bis zum 27. Ok­to­ber lau­fen­den Schau der jun­gen Kunst wird sie sich laut selbst ab­zu­feu­ern. Dann spuckt sie gol­de­nes La­met­ta wie bei ei­nem Fi­na­le der Fuß­ball-Cham­pi­ons-Le­ague aus. Oder wer hat was ge­won­nen ? Raum für ei­ge­ne In­ter­pre­ta­tio­nen las­sen ei­gent­lich al­le Wer­ke der 16 Künst­ler zu.

Ge­stal­tet hat die Aus­stel­lung die neue Di­rek­to­rin des Kunst­mu­se­ums, die Kunst­his­to­ri­ke­rin Gi­se­la El­bracht-Igl­haut zu­sam­men mit den Künst­lern. Der Job der Ku­ra­to­rin ist so de­mo­kra­tisch – eher un­üb­lich im Mu­se­ums­be­trieb, aber eben mo­dern. Die Künst­ler wur­den vor­ab von ei­ner Fach­ju­ry aus­ge­wählt.

Die ak­tu­el­le Aus­ga­be der Schau ist stark. Stark, weil die Kunst gut mit­ein­an­der kor­re­spon­diert im Wunsch, dass sich der Be­trach­ter mit ihr aus­ein­an­der­setzt. Stark aber auch, weil sie fron­tal an­greift. So et­wa die In­stal­la­ti­on von Sang­schul Lee. Der Süd­ko­rea­ner hat 26 Bau­zäu­ne auf­ge­stellt. Sie ste­hen als ein Block mit­ten im Raum, ir­ri­tie­ren zu­nächst und las­sen dann den Blick durch die Git­ter auf die an­de­re Kunst zu. So wer­den die­se aus dem kon­ven­tio­nel­len Blick­win­kel, das Au­ge schaut auf die Wand, be­freit. „Ich steh’ to­tal auf so was“, sagt El­bracht-Igl­haut.

Seit 1996 ar­bei­tet sie im Mu­se­um, ist dicht dran an den jun­gen In­ter­pre­ten un­se­rer Ge­sell­schaft. Die Künst­ler sind über­wie­gend Stu­die­ren­de der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf. Die Ju­ry hat ein­mal im Jahr die nicht im­mer ein­fa­che Auf­ga­be, die Qua­li­tät aus den meist rund 300 Ein­rei­chun­gen her­aus­zu­fil­tern. Zu­gleich gilt es, die Band­brei­te der ak­tu­el­len Kunst wi­der­zu­spie­geln. Und dann muss es auch noch mit­ein­an­der op­tisch har­mo­nie­ren, al­les aus ei­nem Guss er­schei­nen las­sen.

2019 ist das ge­lun­gen. Des­halb sei ein drit­tes „stark“an­ge­führt: Die Ar­bei­ten zeu­gen von ho­her hand­werk­li­cher und in­tel­lek­tu­el­ler Qua­li­tät. El­bracht-Igl­haut weiß das und freut sich, wenn sie sagt: „Die Fach­welt schaut auf uns“. Zu­neh­mend macht dies auch die na­tio­na­le Pres­se.

Ei­gent­lich will El­bracht-Igl­haut ihr Lieb­lings­stück der ak­tu­el­len 73. Ber­gi­schen Kunst­aus­stel­lung nicht ver­ra­ten. Es ist ganz un­schein­bar. Ei­ne wei­ße, recht­ecki­ge und zer­brech­li­che Por­zel­lan­ta­fel. Jo­han­na Ho­nisch hat sie ge­schaf­fen. In Blin­den­schrift trägt sie ei­ne ein­zi­ge Bot­schaft: Frei­heit. Das Den­ken um die Ecke ist an­ge­sagt. Weiß steht für Un­schuld – und doch führt die­se nicht au­to­ma­tisch zur Frei­heit. Sie muss von der Ge­sell­schaft er­kämpft, ver­tei­digt wer­den. Und die Ge­sell­schaft muss den Wunsch nach Frei­heit auch von Min­der­hei­ten wie Blin­den im Sinn ha­ben. Gera­de dann hat El­bracht-Igl­haut gro­ßen Spaß

an Kunst, wenn sie for­dert, sper­rig ist und am En­de doch ein­fa­che Bot­schaf­ten hat: Es geht nichts über die Frei­heit – auch der der Kunst.

Bei ih­ren Ku­ra­to­rin-Füh­run­gen nennt sie Fa­vo­ri­ten nicht. Da er­klärt sie die ge­sam­te, aus­ge­stell­te Kunst ge­dul­dig. So bei ei­ner Füh­rung für die Mit­glie­der des Art-Spon­so­rings des Kunst­mu­se­ums, dem Zu­sam­men­schluss der För­de­rer, Gön­ner und Spon­so­ren des Mu­se­ums.

Dann ging es auch zum Vi­deo der ak­tu­el­len Trä­ge­rin des Ber­gi­schen Kunst­prei­ses Sil­ke Schönfeld. Dar­in korrigiert ei­ne Leh­re­rin ei­nen das Ter­ror­re­gime IS ver­herr­li­chen­den Text – nicht we­gen des In­halts, die Recht­schreib­feh­ler wer­den rot an­ge­stri­chen. Da ist auch das Den­ken um die Ecke an­ge­sagt. So wird der Ap­pell ganz laut, Ge­wohn­tes und sich selbst im­mer wie­der zu hin­ter­fra­gen. Die­se Tie­fe ha­be ein­stim­mig zur Ver­lei­hung des Prei­ses ge­führt, be­rich­tet die Di­rek­to­rin.

FO­TO: CHRIS­TI­AN BEIER

Durch die Git­ter ver­sper­ren die 26 Bau­zäu­ne von Sang­schul Lee zu­nächst den Blick auf die an­de­re Kunst.

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