MECK­LEN­BURG-VOR­POM­MERN

Die Ei­chen in Ive­nack sind 1000 Jah­re alt

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Reise & Welt - VON EKKEHART EICHLER

Sa­gen­haf­te 1000 Jah­re! So­viel hat der Me­thu­sa­lem un­ter Ive­nacks Ei­chen auf dem knor­ri­gen Zäh­ler. Wie ei­ne gi­gan­ti­sche Säu­le ragt das mäch­tigs­te der sechs er­hal­te­nen XXL-Ex­em­pla­re gen Him­mel. Mit 3,50 Me­tern im Durch­mes­ser. Mit elf Me­tern Um­fang. Mit 35,5 Me­tern Hö­he. Und ei­nem Vo­lu­men von 180 Ku­bik­me­ter Holz. Oder an­ders aus­ge­drückt: In Ive­nack steht das größ­te, äl­tes­te und stärks­te Le­be­we­sen ganz Deutsch­lands.

Die Ei­chen von Ive­nack be­gin­nen zu kei­men, als sla­wi­sche Sied­ler ihr Wei­de­vieh in die Wäl­der trei­ben – da en­det gera­de das ers­te Jahr­tau­send nach Chris­tus. Sie strot­zen be­reits vor Kraft, als auch die Zis­ter­zi­en­ser-Non­nen des Klos­ters ab 1252 ih­re Schwei­ne, Scha­fe und Rin­der im Wald wei­den las­sen. Durch den Tier­ver­biss wird die­ser all­mäh­lich im­mer lich­ter – das ge­fällt den Bäu­men. Ih­re Wip­fel kön­nen sich präch­tig ent­fal­ten, ih­re Stäm­me un­ge­stört wach­sen. Au­ßer­dem: „Un­ter Ei­chen wach­sen die bes­ten Schin­ken“– die al­te Metz­ger-Weis­heit be­schreibt ei­ne WinWin-Si­tua­ti­on in­ner­halb der Nah­rungs­ket­te. Für die Tie­re sind die Ei­cheln wah­re Le­cker­bis­sen auf der Spei­se­kar­te. Für die Men­schen die im Wald ge­mäs­te­ten Schwei­ne ei­ne ganz wich­ti­ge Ver­sor­gungs­quel­le. Vom Mit­tel­al­ter bis zur Neu­zeit.

Kein Wun­der, dass sich um sol­che Pracht­stü­cke al­ler­lei Le­gen­den ran­ken. Da sol­len einst sie­ben Non­nen ihr Gelüb­de ge­bro­chen und zur Stra­fe in Ei­chen ver­wan­delt wor­den sein. Erst nach tau­send Jah­ren wer­de die Ers­te er­löst, je­de wei­te­re Non­ne/Ei­che je­weils hun­dert Jah­re spä­ter. In ei­ner an­de­ren Sa­ge wer­den die Non­nen im Schlaf von Räu­bern über­rascht und flie­hen halb­nackt in den Wald. Doch sie schä­men sich ih­res sünd­haf­ten An­blicks und bit­ten Gott, dass er sie schüt­zen mö­ge wie die Bäu­me im Wald. Und ge­nau das tut er dann auch, in­dem er sie ver­wan­delt in Ei­chen.

Weit­ge­hend wahr hin­ge­gen ist die Ge­schich­te von He­ro­dot, ei­nem be­rühm­ten Zucht­hengst aus dem Ive­na­cker Ge­stüt. 1806 vor fran­zö­si­schen Trup­pen in ei­ner hoh­len Ei­che ver­steckt, ver­riet er sich durch Wie­hern, wur­de ent­deckt und zu Na­po­le­on ge­bracht, der ihn auch ritt. 1814 brach­te Marschall Blü­cher den Schim­mel nach Meck­len­burg zu­rück. Als er dort 1829 starb, wur­de er eh­ren­voll be­stat­tet – na­tür­lich un­ter ei­ner Ei­che.

Ive­nack heu­te – das ist ein ein­zig­ar­ti­ger Tier­gar­ten, in dem die er­wähn­te mit­tel­al­ter­li­che Land­nut­zungs­form des Hu­de­wal­des (Hü­te­wald) wei­ter­hin kon­se­quent ge­pflegt und als qua­si „Ro­ter Fa­den“auch er­zählt wird. Auch wenn die Rol­le des Wei­de­viehs schon seit lan­gem von ein­ge­gat­ter­tem Dam­wild und Muff­lons über­nom­men wur­de, blei­ben so die na­tür­li­chen Be­din­gun­gen er­hal­ten, un­ter de­nen die Ei­chen stein­alt ge­wor­den sind. Ver­zich­tet wird des­halb auch auf künst­li­che Sta­bi­li­sie­rungs­maß­nah­men und Schön­heits­ope­ra­tio­nen wie Baum­chir­ur­gie oder Aus­mau­ern, le­dig­lich ein­fa­che Bar­rie­ren um die Bäu­me schüt­zen die emp­find­li­chen Wur­zel­be­rei­che.

Auch beim Bau des jüngs­ten Su­per­stars im Park wur­de akri­bisch dar­auf ge­ach­tet, dass er sich gut und har­mo­nisch ein­fügt in den vor­han­de­nen Wald­be­stand. „Für uns war es ex­trem wich­tig, den Baum­kro­nen­pfad so zu kon­zi­pie­ren, dass er un­se­re an­de­ren

Schwer­punk­te und ins­be­son­de­re die al­ten Ei­chen nicht in den Schat­ten stellt“, er­klärt Ralf He­cker, der Lei­ter des für Ive­nack zu­stän­di­gen For­st­am­tes Sta­ven­ha­gen.

Die auf schlan­ken Tief­bohr­pfäh­len ru­hen­de Kon­struk­ti­on – auch das ein Zu­ge­ständ­nis an mög­lichst mi­ni­ma­len Na­tur­ein­griff – schlän­gelt sich in sanf­ter Stei­gung ganz all­mäh­lich in die Welt der Baum­kro­nen. Ins­ge­samt 620 be­hin­der­ten­ge­recht an­ge­leg­te Me­ter mit 14 Er­leb­nis- und Wis­sens­sta­tio­nen, die sich samt und son­ders um das The­ma Ei­chen dre­hen und manch ver­blüf­fen­de Er­kennt­nis pa­rat ha­ben. Zum Bei­spiel, das Ei­chen im Ge­gen­satz zu Bu­chen mi­mo­si­ge Weich­ei­er sind, wie auch Ex­per­te Ralf He­cker be­stä­tigt. Auf stol­ze 40 Me­ter Hö­he so­gar bringt es der Aus­sichts­turm am En­de des Pfa­des mit ent­spre­chend groß­ar­ti­gen Bli­cken in die Land­schaft und die ur­al­te Pfer­de­kopfei­che vis-a-vis.

Zum Wild­park Ive­nack ge­hö­ren aber auch noch an­de­re At­trak­tio­nen: ein Na­tur­er­leb­nis­pfad, Dam­wild-Gat­ter und Schwei­ne-Ge­he­ge so­wie der Ba­rock­pa­vil­lon mit in­ter­ak­ti­ver Rei­se durch die Le­bens­zeit der Ei­chen. Für Ralf He­cker ist da­mit aber noch lan­ge nicht Schluss: „Das Po­ten­ti­al ist rie­sig, wir kön­nen zum Bei­spiel noch deut­lich fa­mi­li­en­freund­li­cher wer­den. Wich­tig da­bei ist aber im­mer die Ba­lan­ce – wir wol­len kei­nen Rum­mel. Wir wol­len kei­nen Zir­kus. Wir er­zäh­len His­to­rie.“

2016 üb­ri­gens aus­ge­zeich­net als ers­tes Na­tio­na­les Na­tur­mo­nu­ment Deutsch­lands, sind die Ive­na­cker Ei­chen heu­te ein be­son­de­rer Ort der Kunst, der Kul­tur und der Be­sin­nung. Ei­ne kul­tur- und na­tur­his­to­ri­sche Pre­tio­se je­den­falls, die ih­res­glei­chen sucht in Deutsch­land.

FO­TO: EKKEHART EICHLER

Fast schon ele­gant schlän­gelt sich der Baum­kro­nen­pfad durch Ive­nacks Baum­welt.

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