Ni­na Mit­tel­ham aus Wil­lich will 2020 zu Olym­pia nach To­kio und ih­rer Sport­art zu mehr Po­pu­la­ri­tät ver­hel­fen.

Ni­na Mit­tel­ham ist ei­ne der bes­ten Tisch­ten­nis-Spie­le­rin­nen in Deutsch­land. Die 23-Jäh­ri­ge pen­delt für ih­ren Traum von Olym­pia wö­chent­lich zwi­schen ih­rer Hei­mat­stadt, Düs­sel­dorf und Berlin.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Sport - VON JAN LUHRENBERG

DÜS­SEL­DORF Der Zu­fall spiel­te in der Kar­rie­re von Ni­na Mit­tel­ham gleich zu Be­ginn zwei Mal ei­ne gro­ße Rol­le. Zu­nächst, als sie als klei­nes Mäd­chen zum Tisch­ten­nis kam. Sie war acht Jah­re alt, als ihr Bru­der, mit dem sie in ih­rem Hei­mat­ort Wil­lich zu­sam­men Fuß­ball ge­spielt hat­te, et­was an­de­res aus­pro­bie­ren woll­te und beim Tisch­ten­nis lan­de­te. We­ni­ge Mo­na­te spä­ter nahm er Ni­na dann kur­zer­hand mit. „Ich ha­be bei ei­nem Ju­gend­tur­nier mit­ge­macht und gleich ge­won­nen“, er­in­nert sich Mit­tel­ham. Tisch­ten­nis ha­be ihr von der ers­ten Se­kun­de an Spaß ge­macht. Des­we­gen ist sie am Ball ge­blie­ben.

Schnell wur­de deut­lich, dass sie das nö­ti­ge Ta­lent mit­bringt. Dann schlug ein zwei­tes Mal der Zu­fall zu. Ihr Ver­ein hat­te bei ei­nem Wett­be­werb mit­ge­macht und ge­gen Bay­er 05 Uer­din­gen klar ver­lo­ren. Die frü­he­re un­ga­ri­sche Na­tio­nal­spie­le­rin Il­di­ko Ima­mu­ra, die da­mals Trai­ne­rin in Uer­din­gen war, wur­de trotz­dem prompt auf Mit­tel­ham auf­merk­sam und hol­te sie nach Kre­feld. „Dort ha­be ich an­ge­fan­gen, täg­lich zu trai­nie­ren“, sagt Mit­tel­ham. Mit zwölf Jah­ren ging sie ins In­ter­nat am Deut­schen Tisch­ten­nis-Zen­trum (DTTZ) in Düs­sel­dorf.

Auch heu­te noch trai­niert Mit­tel­ham in Düs­sel­dorf, wo es drei voll­aus­ge­stat­te­te Hal­len, ei­nen Kraft­raum und Phy­si­o­be­treu­ung gibt. „Wir ha­ben hier mit die bes­ten Be­din­gun­gen auf der Welt“, sagt Mit­tel­ham. Im DTTZ feilt sie min­des­tens an sechs Ta­gen in der Wo­che an ih­rem Spiel. Meist hat sie zwei Trai­nings­ein­hei­ten am Tag. Plus Kraft- und Kon­di­ti­ons­trai­ning. Plus Schnel­lig­keits­übun­gen. Plus Spiel­ter­mi­ne in der Sai­son.

Der Le­bens­mit­tel­punkt bleibt aber wei­ter ih­re Hei­mat­stadt Wil­lich. Vor kur­zem leg­te sie sich ei­ne Ei­gen­tums­woh­nung zu, die zehn Mi­nu­ten von ih­rem El­tern­haus ent­fernt liegt. Die 23-Jäh­ri­ge schätzt die Nä­he zu ih­ren Wur­zeln. „Wenn ich in Düs­sel­dorf woh­nen wür­de, wä­re mir das zu viel – zu viel Tisch­ten­nis, zu vie­le Leu­te aus dem Tisch­ten­nis“, sagt sie. „Zu Hau­se ha­be ich noch mein pri­va­tes Um­feld, das ist mir sehr wich­tig.“Ih­re El­tern be­sucht sie re­gel­mä­ßig, auch mit Freun­den trifft sie sich häu­fig.

Seit 2018 spielt Mit­tel­ham beim ttc Berlin east­side, fährt für Par­ti­en im­mer mit dem Zug in die Haupt­stadt. In NRW zu spie­len sei der­zeit kei­ne Al­ter­na­ti­ve. „In Berlin ist es noch mal ein an­de­res Ni­veau in der Mann­schaft, es sind vie­le in­ter­na­tio­na­le Spie­ler da“, sagt Mit­tel­ham. „Und dort spie­len wir um Ti­tel mit.“In Berlin wur­de sie schon Deut­sche Meis­te­rin im Ein­zel, Dop­pel und mit der Mann­schaft. Nach vie­len Jah­ren beim TuS Bad Dri­burg, wo Mit­tel­ham Füh­rungs­spie­le­rin war, ge­nießt sie es, in Berlin das „Kü­ken“zu sein, auf­ge­baut zu wer­den und viel zu ler­nen. „Ich kann von mei­nen Te­am­mit­glie­dern vie­le Er­fah­run­gen sam­meln.“

Nicht nur in Berlin spielt Mit­tel­ham auf al­ler­höchs­tem Ni­veau. Seit 2014 steht sie auch im Ka­der der Na­tio­nal­mann­schaft. Seit 2015 hat Mit­tel­ham an je­der Welt­meis­ter­schaft teil­ge­nom­men. „Es ist schön, wenn die deut­sche Na­tio­nal­hym­ne kommt“, sagt sie. „Das ist et­was, was nicht je­der von sich be­haup­ten kann, da bin ich stolz drauf.“Mit­tel­ham ist ei­ne der deut­schen Nach­wuchs­hoff­nun­gen. 2018 hol­te sie im spa­ni­schen Ali­can­te ih­ren ers­ten Ti­tel im DTTB-Dress und wur­de ge­mein­sam mit Kris­tin Lang Eu­ro­pa­meis­te­rin im Dop­pel. Mit­tel­ham will in der Na­tio­nal­mann­schaft bald den nächs­ten Schritt ma­chen und Ver­ant­wor­tung über­neh­men – spä­tes­tens, wenn jün­ge­re Spie­le­rin­nen nach­kom­men. Im kom­men­den Jahr ste­hen für Mit­tel­ham aber zu­nächst die Olym­pi­schen Spie­le von To­kio im Fo­kus. „Ich möch­te dort spie­len und nicht die Num­mer vier sein, die als Er­satz mit­fährt“, sagt Mit­tel­ham. Die Chan­cen da­für ste­hen nicht schlecht. Die vier bes­ten Spie­le­rin­nen ei­ner Na­ti­on tre­ten bei Olym­pia an, die No­mi­nie­rung er­folgt an­hand der Plat­zie­rung in der Welt­rang­lis­te. Dort steht Mit­tel­ham der­zeit als dritt­bes­te Deut­sche auf Po­si­ti­on 49.

Die Pro­fi-Spie­le­rin strebt dar­über hin­aus an, die Vor­macht­stel­lung der asia­ti­schen Spie­ler zu durch­bre­chen. „Doch das ist sehr schwer“, sagt Mit­tel­ham. Spie­ler aus Chi­na, Ja­pan, Süd­ko­rea oder Tai­wan hät­ten von klein auf sehr gu­te Be­din­gun­gen, die mit dem eu­ro­päi­schen Stan­dard nicht zu ver­glei­chen wä­ren. „Sie fan­gen teil­wei­se mit drei oder vier Jah­ren an“, sagt Mit­tel­ham. Mit zehn Jah­ren spiel­ten asia­ti­sche Spie­ler auf ei­nem Ni­veau, an dem Eu­ro­pä­er frü­hes­tens mit 14 Jah­ren an­ge­langt sei­en. Jun­ge Ta­len­te be­kä­men oft Pri­vat­un­ter­richt und müss­ten nicht in die Schu­le ge­hen. So hät­ten sie an­ders als in

Eu­ro­pa viel Zeit, um Lehr­gän­ge zu be­su­chen oder an Tur­nie­ren teil­zu­neh­men. „Das ist ei­ne Be­treu­ung auf ganz an­de­rem Ni­veau.“

In Deutsch­land macht sich Mit­tel­ham in­des Sor­gen um die Zu­kunft des Tisch­ten­nis. Das liegt laut der Na­tio­nal­spie­le­rin aber nicht an der Ta­len­te­för­de­rung, son­dern dar­an, dass es an Nach­wuchs fehlt. „Das Pro­blem ist, dass Tisch­ten­nis zum Bei­spiel im Fern­se­hen kein gro­ßes The­ma ist“, sagt Mit­tel­ham. Da­durch lern­ten nur we­ni­ge die Sport­art auf Ver­eins­ebe­ne ken­nen. Sie be­schreibt da­mit die gro­ße Krux ih­rer Sport­art: Tisch­ten­nis kann zwar über­all und so­fort ge­spielt wer­den – doch die Hob­by­spie­ler fin­den nicht mehr so oft den Weg in die Ver­ei­ne.

„Wir brau­chen aber wie­der viel mehr jun­ge Leu­te, die im Ver­ein an­fan­gen, Tisch­ten­nis zu spie­len“, sagt Mit­tel­ham. Sie plä­diert da­für, dass Ver­ei­ne noch kon­se­quen­ter in Schu­len ge­hen, da­mit Kin­der den Sport aus­pro­bie­ren kön­nen. Schließ­lich kann nicht je­des Ta­lent per Zu­fall zum Tisch­ten­nis kom­men – so wie es bei Mit­tel­ham der Fall war.

FOTO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Voll fo­kus­siert: Ni­na Mit­tel­ham beim Trai­ning im Deut­schen Tisch­ten­nis-Zen­trum in Düs­sel­dorf.

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