Woh­nungs­füh­rer­schein für jun­ge Er­wach­se­ne.

Die Evan­ge­li­sche Ju­gend­hil­fe Ber­gisch Land, die Ge­wag und der Bau­ver­ein Wer­mels­kir­chen schu­len ge­mein­sam künf­ti­ge Erst­mie­ter, um sie für den Woh­nungs­markt fit zu ma­chen – und mög­li­chen Ver­mie­tern Si­cher­heit zu ge­ben.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Wermelskir­chener Anzeiger - VON THE­RE­SA DEMSKI

WER­MELS­KIR­CHEN Der Woh­nungs­markt im Ber­gi­schen ist schwie­rig. Dar­um ha­ben sich Ju­gend­hil­fe Ber­gisch Land (EJBL), Ge­wag und Bau­ver­ein Wer­mels­kir­chen in ei­nem Kooperatio­nsprojekt zu­sam­men­ge­tan, um jun­ge Leu­te fit zu ma­chen. Wie sieht der Woh­nungs­markt für

jun­ge Er­wach­se­ne aus? „Der Woh­nungs­markt in Wer­mels­kir­chen ist noch en­ger als der in Rem­scheid“, sagt Ger­trud Mall­witz, die in der Buch­hal­tung der So­zi­al­ar­beit bei der Rem­schei­der Woh­nungs­ak­ti­en­ge­sell­schaft Ge­wag im Ein­satz ist. Und die­se Si­tua­ti­on be­kä­men na­tür­lich auch Ju­gend­li­che zu spü­ren – zu­mal sie meist klei­ne Single­woh­nun­gen su­chen. „Und ein Ver­mie­ter möch­te na­tür­lich wis­sen, wo er dran ist“, weiß Ger­trud Mall­witz. Wie ge­hen jun­ge Men­schen mit Miet­woh­nun­gen um? Wel­che Vor­kennt­nis­se brin­gen sie mit? Wie ma­chen sie sich als Nach­barn? Des­we­gen sei es für Ver­mie­ter oft wich­tig, den Hin­ter­grund oder Ver­wand­te der jun­gen Men­schen zu ken­nen, um ih­nen ei­ne Chan­ce zu ge­ben. Wel­che Er­fah­run­gen ha­ben jun­ge Men­schen der Ju­gend­hil­fe Ber­gisch Land (EJBL) auf der Su­che

nach Woh­nun­gen ge­macht? Die Si­tua­ti­on sei sehr schwie­rig, weiß Jörg Loo­se, Lei­ter des Fach­be­reichs Ver­selbst­stän­di­gung bei der EJBL. Oft daue­re die Su­che sehr lang und der Auf­wand sei sehr groß, bis sich Ver­mie­ter fin­den. „Wenn Ju­gend­li­che voll­jäh­rig wer­den, spä­tes­tens mit 21, ma­chen sich die Be­zugs­be­treu­er in den Wohn­grup­pen mit ih­nen auf die Su­che nach ei­ner ei­ge­nen Woh­nung“, er­klärt Loo­se. Hier be­kom­men die jun­gen Men­schen schon ganz prak­ti­sche Un­ter­stüt­zung. „Wir ge­hen auch ge­mein­sam ein­kau­fen für die neue Woh­nung“, sagt Loo­se. Und die EJBL führt ein ei­ge­nes klei­nes Mö­bel­la­ger, in dem sich Ju­gend­li­che vor ih­rem Aus­zug um­se­hen kön­nen. Die Ju­gend­hil­fe setzt auch Wohn­mo­del­le um, in de­nen jun­ge Men­schen in der ers­ten Zeit noch Un­ter­stüt­zung und Be­su­che

in ih­ren ei­ge­nen vier Wän­den er­hal­ten – um an­zu­kom­men und sich zu­recht zu fin­den. Freu­en sich die jun­gen Men­schen

auf ih­re ers­te ei­ge­ne Woh­nung? „Bei den meis­ten der Ju­gend­li­chen ist die Vor­freu­de groß“, sagt Jörg Loo­se. Hier und da schwin­ge auch die Angst vor Ein­sam­keit mit, aber der Wunsch, sich ein ei­ge­nes Zu­hau­se auf­zu­bau­en, sei deut­lich spür­bar. Und das be­stä­ti­gen auch die jun­gen Er­wach­se­nen selbst, die am Kur­sus teil­neh­men. Er freue sich sehr auf die Frei­heit, die die neue Woh­nung mit sich brin­ge, sagt ein jun­ger Mann, der im nächs­ten Jahr aus der Wohn­grup­pe der EJBL aus­zie­hen will. Aber: „Ich ha­be auch Angst, et­was falsch zu ma­chen.“ Was steckt hin­ter der Idee des Woh­nungs­füh­rer­scheins, für den Ge­wag, Bau­ver­ein und Ju­gend­hil­fe seit dem ver­gan­ge­nen Jahr zu­sam­men­ar­bei­ten? „Wir woll­ten den Un­si­cher­hei­ten der Ju­gend­li­chen und der Ver­mie­ter be­geg­nen“, sagt Jörg Loo­se. Vie­le jun­ge Men­schen hät­ten nie zu­vor

Ver­trä­ge ge­schlos­sen, sich über Miet­kos­ten Ge­dan­ken ge­macht oder um Rech­te und Pflich­ten, die ein Mie­ter hat. „Auf der an­de­ren Sei­te geht es dar­um, auch mög­li­chen Ver­mie­tern et­was an die Hand zu ge­ben, das ih­nen zeigt: Die jun­gen Men­schen ha­ben sich vor­be­rei­tet und mit den wich­tigs­ten The­men rund um ein Miet­ver­hält­nis be­schäf­tigt“, sagt Mar­tin Lam­bot­te vom Bau­ver­ein.

Wie ist der Kur­sus zum Er­werb des Woh­nungs­füh­rer­scheins auf­ge­baut?

Der Kur­sus setzt sich aus fünf Baustei­nen

zu­sam­men. Ein­mal in der Wo­che tref­fen sich rund zehn Teil­neh­mer für 90 bis 120 Mi­nu­ten mit Ver­ant­wort­li­chen der Ge­wag, des Bau­ver­eins oder der EJBL. Im ers­ten Teil wer­den recht­li­che Fra­gen ge­klärt – nach Ver­trag und Kau­ti­on, Bürg­schaft, Kalt- und Warm­mie­te, Be­triebs­kos­ten­ab­rech­nun­gen, Ab­mah­nun­gen und Kün­di­gun­gen. Da­nach neh­men Teil­neh­mer und Kur­sus­lei­ter das Zu­sam­men­le­ben im Haus in den Blick, kom­men über die Haus­ord­nung, Win­ter­diens­te, Hand­wer­ker- und Re­pa­ra­tur­kos­ten ins Ge­spräch. „Und an die­ser Stel­le

wei­sen wir die jun­gen Men­schen auch dar­auf hin, wie wich­tig es ist, mit den Nach­barn im Ge­spräch zu blei­ben“, sagt Uwe Man­tei von der Ge­wag. Wer ei­ne Par­ty fei­ern wol­le, soll­te vor­her die Nach­barn in­for­mie­ren. Vor dem Er­halt des Woh­nungs­füh­rer­scheins wird auch über die Fi­nan­zie­rung der ei­ge­nen vier Wän­de ge­spro­chen, über An­sprü­che und Rea­li­tät, über Haus­halts­bü­cher und die Kos­ten des Um­zugs. „Uns ist es wich­tig, dass die Teil­neh­mer sich ih­rer Ver­ant­wor­tung be­wusst sind“, sagt Loo­se, „dann steht der Neu­start auf sta­bi­len Bei­nen.“Am En­de si­mu­lie­ren die Ju­gend­li­chen mit den Ex­per­ten des Bau­ver­eins und der Ge­wag Be­wer­bungs­ge­sprä­che.

Gibt es ers­te Er­fol­ge? Der Kur­sus hat zum ers­ten Mal im ver­gan­ge­nen Früh­jahr statt­ge­fun­den. Zwei der Teil­neh­mer ha­ben in­zwi­schen Woh­nun­gen bei der Ge­wag ge­fun­den. „Für mich ist das Wich­tigs­te, dass ich Ant­wor­ten auf Fra­gen ha­be, die ich vor­her nicht hat­te“, sagt der jun­ge Teil­neh­mer, „ich kann das nur emp­feh­len.“

FOTO: MOLL

Ali Ebra­hi­mi (19) beim Be­wer­bungs­trai­ning für ei­ne Woh­nung; mit da­bei: Mar­tin Lam­bot­te (Bau­ver­ein), Ger­trud Mall­witz (Ge­wag) und Jörg Loo­se (EJBL).

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