Nur an ei­nem Tag ist die Kir­che voll

Die Hälf­te der Wup­per­ta­ler sind Chris­ten. Al­lein der Evan­ge­li­sche Kir­chen­kreis zählt mehr als 90.000 Mit­glie­der. Es gibt rund 80 Glau­bens­ge­mein­schaf­ten im Stadt­ge­biet. In die Kir­che geht aber nur ei­ne klei­ne Min­der­heit.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Wuppertal Kompakt - VON ANDRE­AS BOLLER

Ker­zen bren­nen, es duf­tet schon ein we­nig nach Weih­nach­ten in der Stadt. Doch für wie vie­le Men­schen in Wup­per­tal hat der Ad­vent, der sich vom la­tei­ni­schen „ad­ven­tus“ab­lei­tet und mit An­kunft über­setzt wer­den kann, über­haupt noch ei­ne christ­li­che Be­deu­tung? In­klu­si­ve der Frei­kir­chen und or­tho­do­xen Ge­mein­den in der Stadt sind es we­ni­ger als 200.000 Wup­per­ta­ler, die ei­ner christ­li­chen Ge­mein­schaft an­ge­hö­ren. Laut Sta­tis­tik ge­hör­ten 2018 rund 183.000 Wup­per­ta­ler kei­ner christ­li­chen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft an.

Im All­tag spielt für den größ­ten Teil der Wup­per­ta­ler die Re­li­gi­on ei­ne Ne­ben­rol­le. Die Kir­chen­bän­ke blei­ben leer, der de­mo­gra­phi­sche Wan­del er­scheint un­auf­halt­sam, be­trach­tet man den Al­ters­schnitt der Kirch­gän­ger. Ei­ne Aus­nah­me bil­det der Hei­lig­abend. Das ist der ein­zi­ge Tag im Jahr, an dem die Kir­chen­bän­ke voll sind.

Am 24. De­zem­ber wer­den in den evan­ge­li­schen Kir­chen in die­sem Jahr rund 80 Got­tes­diens­te ge­fei­ert. Am 1. Ad­vents­sonn­tag wa­ren es nicht ein­mal halb so viel. „Wir ha­ben 2018 die Kirch­gän­ger ge­zählt. Zu den Hei­lig­abend­got­tes­diens­ten ka­men 22.900, das wa­ren 24 Pro­zent un­se­rer Mit­glie­der. Am 1. Ad­vent wa­ren es 4095, das sind nur vier Pro­zent“, sagt Pfar­rer Wer­ner Ja­cken.

Die evan­ge­li­sche Kir­che stellt in Wup­per­tal tra­di­tio­nell die größ­te Grup­pe un­ter den Chris­ten. Die Ge­mein­den des Evan­ge­li­schen Kir­chen­krei­ses hat­ten En­de des ver­gan­ge­nen Jah­res 92.704 Mit­glie­der. In­zwi­schen dürf­ten es knapp mehr als 90.000 sein, denn 1500 bis 2000 re­gis­trier­te Gläu­bi­ge ver­liert die evan­ge­li­sche Kir­che Jahr für Jahr. „Au­ßer­dem muss man noch 2000 bis 3000 Gläu­bi­ge aus Dön­berg hin­zu­zäh­len, die aber dem Kir­chen­kreis Nie­der­berg an­ge­hö­ren“, so Pfar­rer Ja­cken.

„Die Ten­denz bei den Ka­tho­li­ken ist leicht fal­lend“, be­schreibt Pas­to­ral­re­fe­rent Wer­ner Klei­ne die Ent­wick­lung. Er schätzt, dass zehn Pro­zent der rund 78.000 Gläu­bi­gen re­gel­mä­ßig die Got­tes­diens­te be­su­chen und sich bis zu 20 Pro­zent am Ge­mein­de­le­ben be­tei­li­gen. Zu­wachs er­hal­ten die ka­tho­li­schen Ge­mein­den durch die Zu­wan­de­rung aus Ost- und Sü­d­eu­ro­pa so­wie aus Afri­ka. „We­nig be­kannt ist, dass rund 20 Pro­zent der Flüchtling­e aus dem Na­hen Os­ten ka­tho­li­schen Glau­bens sind“, sagt Wer­ner Klei­ne.

Oliver Pf­um­fel, Lei­ter des Am­tes für Wah­len und Sta­tis­tik, kann be­stä­ti­gen, dass die ka­tho­li­sche Kir­che im Ge­gen­satz zur evan­ge­li­sche Kir­che zah­len­mä­ßig von der Zu­wan­de­rung pro­fi­tiert. 2010 wa­ren 2394 Ka­tho­li­ken aus Po­len in Wup­per­tal ge­mel­det, 2018 wa­ren es 3900. Leich­te Zu­wäch­se gibt es aus Kroa­ti­en, Ita­li­en, Un­garn und Ru­mä­ni­en. „Bei­de Kir­chen sind al­ler­dings da­von be­trof­fen, dass mehr Deut­sche ster­ben als ge­bo­ren wer­den und mehr Deut­sche aus der Stadt weg­zie­hen als nach Wup­per­tal kom­men“, sagt Pf­um­fel.

Für vie­le Men­schen ist das Weih­nachts­fest zu­min­dest ei­ne Mög­lich­keit, wie­der Kon­takt mit der Kir­che auf­zu­neh­men. Rund 120 Wie­der­ein­trit­te zählt der evan­ge­li­sche Kir­chen­kreis pro Jahr, und 2018 wur­den 334 Kin­der ge­tauft. 450 bis 500 Ju­gend­li­che wer­den pro Jahr kon­fir­miert. „Hei­lig­abend ist der Be­such sehr gut, am ers­ten Weih­nachts­tag ste­hen Fa­mi­li­en­be­su­che im Mit­tel­punkt. Und für den zwei­ten Weih­nachts­tag müs­sen wir uns schon et­was wie die Sing­got­tes­diens­te ein­fal­len las­sen, um die Men­schen zu ge­win­nen“, sagt Wer­ner Ja­cken.

Wer­ner Klei­ne hat bei den Ka­tho­li­ken den glei­chen Trend fest­ge­stellt. „Es gibt vier ver­schie­de­ne Weih­nachts­got­tes­diens­te: Die Abend­mes­se, die nächt­li­che Weih­nachts­mes­se, die Hir­ten- oder Mor­gen­mes­se und dann das Hoch­amt am ers­ten Weih­nachts­tag. Das liegt da­rin be­grün­det, dass der Papst frü­her in al­len Ba­si­li­ken Roms ei­ne Mes­se hal­ten soll­te. Die Men­schen ha­ben sich ver­än­dert, die Li­t­ur­gie zu Weih­nach­ten nicht. Und so wird in man­chen Ge­mein­den schon ab 17 Uhr die ei­gent­li­che Weih­nachts­mes­se ge­fei­ert“, be­rich­tet Klei­ne.

Un­ter dem Dach der ka­tho­li­schen Kir­che in Wup­per­tal gibt es zum Bei­spiel pol­ni­sche, ita­lie­ni­sche oder ta­mi­li­sche Ge­mein­den. Au­ßer­dem sind 21 freikirchl­iche Ge­mein­den in der Stadt prä­sent.

Das or­tho­do­xe Weih­nachts­fest wird am 7. Ja­nu­ar ge­fei­ert. In Wup­per­tal zählt die grie­chi­sche Ge­mein­de rund 7000 Mit­glie­der, au­ßer­dem fei­ern dann die rus­si­sche und ser­bi­sche Ge­mein­de das Fest.

ARCHIVFOTO: ANDRE­AS BI­SCHOF

Zur Christ­met­te sind vie­le Kir­chen so voll, dass Be­su­cher so­gar ste­hen müs­sen.

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