SPD ris­kiert Zer­reiß­pro­be mit Uni­on

Die neue SPD-Spit­ze will dem Ko­ali­ti­ons­part­ner Zu­ge­ständ­nis­se beim Kli­ma­schutz und bei In­ves­ti­tio­nen ab­rin­gen. Doch CDU und CSU win­ken ab. Das Re­gie­rungs­bünd­nis wa­ckelt.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Vorderseit­e - VON JAN DREBES UND MAR­TIN KESS­LER

BER­LIN Mit den auf ih­rem Par­tei­tag be­schlos­se­nen, be­tont lin­ken Po­si­tio­nen so­wie der For­de­rung nach Nach­bes­se­run­gen im Ko­ali­ti­ons­ver­trag, ist die SPD auf kla­re Ab­leh­nung bei der Uni­on ge­sto­ßen.

So wol­len die neu­en SPD-Vor­sit­zen­den, Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-Bor­jans, die Uni­on ins­be­son­de­re zu schär­fe­ren Kli­ma­schutz­maß­nah­men be­we­gen. Da­ge­gen wehr­te sich Uni­ons­frak­ti­ons­chef Ralph Brink­haus (CDU). „Drei von vier Tei­len des Kli­ma­pa­kets sind schon durch den Bun­des­rat ge­gan­gen“, sag­te er un­se­rer Re­dak­ti­on. Der­zeit ver­hand­le man mit den Bun­des­län­dern über den vier­ten Teil, das sei­en im Kern die Steu­er­ge­set­ze, in de­nen es auch um ei­ne An­pas­sung der Pend­ler­pau­scha­le ge­he. „Da­mit wol­len wir bis zum 20. De­zem­ber fer­tig wer­den“, sag­te Brink­haus. „Es macht in die­ser Pha­se jetzt kei­nen Sinn, noch ein­mal grund­le­gend neue Po­si­tio­nen auf­zu­bau­en.“

Zu­vor war schon CDU-Che­fin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er auf Dis­tanz zu den Par­tei­tags­be­schlüs­sen der SPD ge­gan­gen. „Be­din­gun­gen nach dem Mot­to ‚Wenn das nicht kommt, dann ge­hen wir‘ ak­zep­tie­re ich nicht“, sag­te sie der „Bild am Sonn­tag“.

Am Wo­che­n­en­de hat­te die SPD beim Par­tei­tag in Ber­lin nicht nur ih­re Par­tei­spit­ze aus­ge­wech­selt, son­dern auch di­ver­se Be­schlüs­se für ein stär­ker nach links ge­rich­te­tes Pro­fil ge­fasst. So wol­len die Ge­nos­sen künf­tig be­son­ders rei­che Bür­ger mit ei­ner Ver­mö­gens­steu­er stär­ker zur Kas­se bit­ten, Hartz IV durch ein Bür­ger­geld er­set­zen, Sank­tio­nen ge­gen un­ko­ope­ra­ti­ve Ar­beits­lo­se deut­lich ab­schwä­chen und „per­spek­ti­visch“ei­nen Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro ein­füh­ren. Die neu­en Par­tei­vor­sit­zen­den Es­ken und Wal­ter-Bor­jans mach­ten deut­lich, dass sie von der Uni­on Zu­ge­ständ­nis­se er­war­ten, da­mit der SPD-Par­tei­vor­stand „mög­lichst zeit­nah“grü­nes Licht für ei­ne Fort­set­zung der Ko­ali­ti­on ge­ben oder auch da­ge­gen vo­tie­ren kön­ne.

In den kom­men­den Ta­gen will die neue SPD-Dop­pel­spit­ze ers­te Ge­sprä­che mit CDU und CSU füh­ren. Wal­ter-Bor­jans sag­te, er er­war­te Ge­sprä­che noch vor Weih­nach­ten. „Erst­mal zum Ken­nen­ler­nen und dann im For­mat ei­nes Ko­ali­ti­ons­aus­schus­ses.“

Doch die Fron­ten sind ver­här­tet, der Ko­ali­ti­on droht ei­ne Zer­reiß­pro­be. Die SPD will be­son­ders bei In­ves­ti­tio­nen, Kli­ma­schutz und der Er­hö­hung des Min­dest­lohns Fort­schrit­te er­rei­chen. „Das sind Punk­te, in de­nen wir Ver­bes­se­run­gen er­rei­chen müs­sen, wenn wir in der gro­ßen Ko­ali­ti­on wei­ter­ar­bei­ten sol­len“, sag­te Wal­ter-Bor­jans. An­knüp­fungs­punk­te se­he er bei Äu­ße­run­gen von NRW-Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet (CDU). Der hat­te sich of­fen für ei­ne Er­hö­hung des CO2P­rei­ses ge­zeigt. „Dar­über re­den wir so­wie­so mit den Grü­nen“, sag­te der CDU-Vi­ze­chef der „Welt am Sonn­tag“mit Blick auf Ge­sprä­che im Ver­mitt­lungs­aus­schuss von Bun­des­tag und Bun­des­rat über das Kli­ma­pa­ket.

Die­ser soll am Mon­tag­abend sei­ne Ar­beit auf­neh­men. Doch ge­ra­de beim Aus­bau der Wind­ener­gie lie­gen Uni­on und SPD noch weit aus­ein­an­der. Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU) sieht in ei­nem Ge­setz­ent­wurf vor, dass für neue Wind­rä­der ei­ne ge­ne­rel­le Ab­stands­re­gel von 1000 Me­tern be­reits zu fünf be­ste­hen­den oder ge­plan­ten Häu­sern gel­ten soll. Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze (SPD), Wirt­schafts­ver­bän­de und Ener­gie­ex­per­ten wol­len das nicht ak­zep­tie­ren – sie war­nen vor ei­ner zu star­ken Ein­schrän­kung der Aus­bau­flä­chen für Wind­rä­der.

BER­LIN Sei­ne Mit­ar­bei­ter schi­cken den neu­en SPD-Chef kreuz und quer durch die Mes­se­hal­le. Nor­bert Wal­ter-Bor­jans eilt beim Par­tei­tag von ei­ner Be­spre­chung zur nächs­ten. Den­noch wirkt der 67-Jäh­ri­ge beim ers­ten Zei­tungs­in­ter­view nach sei­ner Wahl kon­zen­triert und ent­spannt.

Herr Wal­ter-Bor­jans, brau­chen Sie nach dem Wahl­kampf und dem Par­tei­tag in Ber­lin schon Ur­laub? WAL­TER-BOR­JANS Was heißt hier schon? Ich bin seit Mo­na­ten im Dau­er­ein­satz. Jetzt geht es erst ein­mal wei­ter an die Ar­beit. Ich spü­re den Reiz der Her­aus­for­de­rung. Aber zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr soll­ten ein paar freie Ta­ge drin sein.

Das Um­fra­ge-In­sti­tut For­sa sieht die SPD bei elf Pro­zent. Da brau­chen Sie über ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten nicht nach­zu­den­ken, oder? WAL­TER-BOR­JANS Das ist in der für al­le neu­en Si­tua­ti­on doch kein Wun­der. Im Üb­ri­gen gibt es neue­re Um­fra­gen als die­se, die uns viel po­si­ti­ver se­hen. Wir wol­len jetzt das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Pro­fil schär­fen, un­ab­hän­gig von der Ko­ali­ti­ons­fra­ge. Wenn kla­rer wird, wo­für wir und wo­für die an­de­ren ste­hen, stei­gen auch wie­der un­se­re Um­fra­ge­wer­te. Da­von bin ich über­zeugt. Die Rei­hen­fol­ge ist so: mehr Zu­stim­mung durch In­hal­te, nicht durch ei­nen Kan­di­da­ten.

Ab wel­chem Wert den­ken Sie über ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten nach? WAL­TER-BOR­JANS Das ist ei­ne ma­the­ma­ti­sche Fra­ge. Mit Wer­ten un­ter 20 Pro­zent kön­nen wir kei­ne Re­gie­rungs­mehr­heit an­füh­ren. Dar­über ist es durch­aus sinn­voll, ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten auf­zu­stel­len. Aber da sind wir noch nicht. Et­wa ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung teilt kon­kre­te so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche For­de­run­gen und Wer­te. Das Po­ten­zi­al ist al­so groß, und das treibt uns an. Kurz­fris­tig muss un­ser Ziel min­des­tens die 20-Pro­zent-Mar­ke sein.

Beim Par­tei­tag ha­ben die Par­tei­vi­zes Hu­ber­tus Heil und Ke­vin Küh­nert aus un­ter­schied­li­chen La­gern fast iden­ti­sche Er­geb­nis­se be­kom­men. Kommt jetzt ein Dau­er­du­ell? WAL­TER-BOR­JANS Ich neh­me Hu­ber­tus Heil und Ke­vin Küh­nert so wahr, dass sie ih­re un­ter­schied­li­chen Po­si­tio­nen klar zum Aus­druck brin­gen kön­nen und gleich­zei­tig nicht über an­de­re hin­weg­rol­len. Bei­de sind klu­ge Ver­tre­ter ei­nes wei­ten so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Spek­trums. Es wird al­so kein Dau­er­du­ell zwi­schen ih­nen ge­ben, son­dern ei­ne breit auf­ge­stell­te, aber in sich ge­schlos­se­ne SPD... ...die jetzt auf die Uni­on tref­fen wird. Was ma­chen Sie, wenn CDU-Che­fin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er Ih­re For­de­run­gen ab­schmet­tert und Sie am En­de mit lee­ren Hän­den da­ste­hen? WAL­TER-BOR­JANS Frau Kramp-Kar­ren­bau­er hat sich selbst auf die Re­vi­si­ons­klau­sel be­ru­fen. Dar­an wer­den wir sie mes­sen. Ich ha­be ganz klar zum Aus­druck ge­bracht, dass wir mas­siv in­ves­tie­ren müs­sen. Das sa­gen auch Wirt­schafts­ver­bän­de, Ge­werk­schaf­ten und Wirt­schafts­in­sti­tu­te. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­ers Ar­gu­ment, vor­han­de­ne Mit­tel wür­den gar nicht ab­flie­ßen, des­halb brau­che es kei­ne neu­en, hal­te ich für falsch. Denn Un­ter­neh­men und der Staat schaf­fen nur dann mehr Stel­len für Pla­ner, In­ge­nieu­re und an­de­res der­zeit feh­len­des Per­so­nal, wenn die In­ves­ti­tio­nen dau­er­haft hoch blei­ben – zur Not dann eben auch aus Kre­di­ten fi­nan­ziert. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass CDU und CSU sich lan­ge hin­ter dem Fe­tisch der schwar­zen Null ver­bar­ri­ka­die­ren.

Gibt es schon ei­nen Ter­min für den Ko­ali­ti­ons­aus­schuss? WAL­TER-BOR­JANS Nein. Ich er­war­te aber, dass wir uns noch vor Weih­nach­ten zu­sam­men­set­zen. Erst­mal zum Ken­nen­ler­nen und dann im For­mat ei­nes Ko­ali­ti­ons­aus­schus­ses.

Wir sind in Kon­takt mit der Kanz­le­rin und der Füh­rung der CDU. An­ge­la Mer­kel hat uns bei­den gra­tu­liert.

Und der SPD-Vor­stand muss dann im Ja­nu­ar ent­schei­den, ob ihm Ih­re Ver­hand­lungs­er­geb­nis­se für ei­ne Fort­set­zung der Ko­ali­ti­on ge­nü­gen? WAL­TER-BOR­JANS Der neue Par­tei­vor­stand der SPD hat sich ge­ra­de erst kon­sti­tu­iert. Wir ha­ben ihn ver­klei­nert. Zu­gleich gibt es neue Ge­sich­ter. Da ist es ganz na­tür­lich, dass wir uns erst­mal in­tern zu­sam­men­set­zen, be­vor wir Ver­hand­lun­gen mit an­de­ren füh­ren.

Nach dem lan­gen Wahl­kampf um den Par­tei­vor­sitz könn­te aber auch ei­ne Hän­ge­par­tie dro­hen, wenn Sie jetzt nicht zü­gig die Ko­ali­ti­ons­fra­ge ent­schei­den.

WAL­TER-BOR­JANS Es gab kei­ne Hän­ge­par­tie der Re­gie­rung wäh­rend un­se­rer in­ter­nen Kan­di­da­ten­kür, und es wird sie auch wäh­rend der an­ste­hen­den Ver­hand­lun­gen nicht ge­ben. Ich bin skep­tisch, dass gro­ße Ko­ali­tio­nen die rich­ti­ge Grund­la­ge da­für sind, die drän­gen­den Fra­gen der Zeit zu­frie­den­stel­lend zu be­ant­wor­ten, aber wir ha­ben sie nun ein­mal. Ge­mes­sen dar­an ha­ben So­zi­al­de­mo­kra­ten viel er­reicht. Den­ken Sie nur an die Grundrente oder den Koh­le­kom­pro­miss. Es geht jetzt um die Fra­ge der Neu­aus­rich­tung auf grund­le­gen­de neue Her­aus­for­de­run­gen wie den öf­fent­li­chen In­ves­ti­ti­ons­stau.

Trägt Olaf Scholz die­se Neu­aus­rich­tung zu In­ves­ti­tio­nen mit? WAL­TER-BOR­JANS Die fi­nanz­po­li­ti­schen An­sich­ten von Olaf Scholz und mir lie­gen gar nicht so weit aus­ein­an­der. Er hält nicht krampf­haft an der schwar­zen Null fest, und ich for­de­re nicht die Ab­schaf­fung um ih­rer selbst Wil­len. Es geht um kal­ku­lier­ba­re In­ves­ti­tio­nen. Ich bin si­cher, dass wir gut zu­sam­men­ar­bei­ten wer­den.

Wer­den Sie in den Kon­flikt von Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er und Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze über Wind­kraft­ab­stän­de und den Koh­le­aus­stieg ein­grei­fen? WAL­TER-BOR­JANS Bei Herrn Alt­mai­er hört man ver­schie­de­ne Tö­ne. Auf der ei­nen Sei­te ist er für In­ves­ti­ti­ons­fonds. Er sagt ganz klar, dass der Markt nicht al­le Pro­ble­me lö­sen kann. Auf der an­de­ren Sei­te ist er ein­ge­bun­den in ei­ne ziem­lich en­ge Sicht, was der Staat tun darf. Wir wer­den Sven­ja Schul­ze den Rü­cken stär­ken und nicht den viel­fäl­ti­gen Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen nach­ge­ben. Die dür­fen kei­ne Ent­schul­di­gung da­für sein, dass wir nicht wei­ter­kom­men.

Se­hen Sie da die Kanz­le­rin an Ih­rer Sei­te?

WAL­TER-BOR­JANS Frau Mer­kel hat in ih­rer Haus­halts­re­de drei Punk­te ge­nannt, die mich op­ti­mis­tisch stim­men. Sie hat ganz klar ge­sagt, dass wir beim Kli­ma­schutz stär­ker als bis­her vor­an­kom­men müs­sen. Der zwei­te Punkt be­trifft das The­ma des Aus­ein­an­der­drif­tens der Ge­sell­schaft und der Re­gio­nen. Das än­dert sich aber nicht, wenn CDU und CSU die Ver­mö­gen­steu­er to­tal ab­leh­nen oder un­ter al­len Um­stän­den auf der schwar­zen Null be­har­ren. Zum Drit­ten hat sie die Trans­for­ma­ti­on der Au­to­mo­bil­in­dus­trie in Rich­tung E-Mo­bi­li­tät er­wähnt. Wenn sie al­le drei Punk­te ernst nimmt, se­he ich deut­li­chen Spiel­raum für Ver­hand­lun­gen. In man­chen die­ser Punk­te ist die Kanz­le­rin ih­rer Par­tei vor­aus. Ich se­he auch bei den CDU-Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ar­min La­schet und Da­ni­el Gün­ther An­knüp­fungs­punk­te für uns So­zi­al­de­mo­kra­ten, sie ha­ben schon Be­we­gung in un­se­re Rich­tung, et­wa beim CO2-Preis oder den Wind­kraft­ab­stän­den, si­gna­li­siert.

Wo sind die ro­ten Li­ni­en der Ver­hand­lun­gen?

WAL­TER-BOR­JANS Die wich­tigs­ten The­men sind Kli­ma­schutz und die Fra­ge der In­ves­ti­tio­nen so­wie der Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro. Da müs­sen wir Bo­den gut­ma­chen. Schließ­lich dür­fen nied­ri­ge Löh­ne nicht da­zu füh­ren, dass Ar­beit­neh­mern Al­ters­ar­mut droht. Das sind Punk­te, in de­nen wir Ver­bes­se­run­gen er­rei­chen müs­sen, wenn wir in der gro­ßen Ko­ali­ti­on wei­ter­ar­bei­ten sol­len.

Es gibt kei­ne kla­ren ro­ten Li­ni­en? WAL­TER-BOR­JANS Wer vor Ver­hand­lun­gen ro­te Li­ni­en öf­fent­lich aus­plau­dert, hat kei­ne klu­ge Ver­hand­lungs­stra­te­gie.

JAN DREBES UND MAR­TIN KESS­LER FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW.

FO­TO: AFP

Nor­bert Wal­ter-Bor­jans, 67, beim SPD-Par­tei­tag im Ci­ty­cu­be in Ber­lin.

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