Vor Ukrai­ne-Gip­fel steigt der Druck auf Pu­tin

Erst­mals seit 2017 trifft sich das so­ge­nann­te Nor­man­die-Quar­tett. Pu­tin und Se­lens­kyj ver­han­deln im Ukrai­ne-Kon­flikt, Mer­kel und Ma­cron ver­mit­teln. Es gibt aber Zwei­fel, ob Russ­land über­haupt Kom­pro­mis­se will.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Vorderseit­e - VON UL­RICH KRÖKEL

PA­RIS (dpa) Un­mit­tel­bar vor dem Ukrai­ne-Russ­land-Gip­fel am Mon­tag in Pa­ris steigt der Druck auf Kreml­chef Wla­di­mir Pu­tin. Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) for­der­te von Mos­kau ein stär­ke­res Ent­ge­gen­kom­men in dem Kon­flikt, bei dem nach UN-Schät­zung be­reits rund 13.000 Men­schen ums Le­ben ge­kom­men sind. Aus dem Amt des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron hieß es, nach ukrai­ni­schen Vor­leis­tun­gen sei es Zeit für ei­ne „rus­si­sche Ant­wort“.

Es läuft nicht gut für Wo­lo­dy­myr Se­lens­kyj. Der ukrai­ni­sche Prä­si­dent, der im Früh­jahr im Eil­tem­po vom TV-Ko­mi­ker zum Staats­ober­haupt auf­stieg, müht sich mitt­ler­wei­le er­kenn­bar ab­ge­kämpft durch die stei­ni­ge Ebe­ne der Welt­po­li­tik. Vor al­lem ist da die Ukrai­ne-Af­fä­re in den USA, die Se­lens­kyj in­ter­na­tio­nal in Ver­ruf zu brin­gen droht. Kor­rup­ti­on, lau­tet das Schlag­wort. Da­bei ha­be er mit US-Prä­si­dent Do­nald Trump, der Er­mitt­lun­gen ge­gen sei­nen Ri­va­len, den De­mo­kra­ten Joe Bi­den, ver­langt hat­te, nie nach der De­vi­se ge­spro­chen: „Du gibst mir dies, ich ge­be dir das.“So re­de er nur mit dem rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin, be­teu­er­te Se­lens­kyj, aber nicht mit Trump.

Die Fra­ge ist nur, war­um Pu­tin be­reit sein soll­te, dem jun­gen ukrai­ni­schen Kol­le­gen über­haupt et­was zu ge­ben. Zum Bei­spiel ei­nen Frie­den in der Ost­ukrai­ne. Seit bald sechs Jah­ren füh­ren dort se­pa­ra­tis­ti­sche Mi­li­zen, die ih­re Be­feh­le aus Mos­kau er­hal­ten, Krieg ge­gen die ukrai­ni­sche Ar­mee. Mehr als 13.000 Men­schen star­ben bis­lang. Se­lens­kyj hat­te sei­nen Lands­leu­ten bei sei­nem Amts­an­tritt im Mai ver­spro­chen, das Tö­ten in der Don­bass-Re­gi­on so schnell wie mög­lich zu be­en­den und in ei­nem wei­te­ren Schritt Frie­den zu schaf­fen. Mit Pu­tin. Doch wie soll das ge­hen?

Ge­nau das soll sich zei­gen, wenn sich die bei­den Prä­si­den­ten am Mon­tag in Pa­ris zum ers­ten Mal persönlich tref­fen. Als Ver­mitt­ler sit­zen der fran­zö­si­sche Staats­chef Em­ma­nu­el Ma­cron und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mit am Tisch. Viel zu ver­mit­teln scheint es al­ler­dings nicht zu ge­ben. „Auf der rus­si­schen Sei­te fehlt der po­li­ti­sche Wil­le, den Sta­tus quo zu än­dern“, er­klärt Su­san Ste­wart, Ost­eu­ro­pa-Ex­per­tin der Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik in Ber­lin. Die an­dau­ern­de In­sta­bi­li­tät in der Re­gi­on sei für Pu­tin der idea­le He­bel,

um sei­nen Ein­fluss im post­so­wje­ti­schen Raum zu si­chern oder so­gar aus­zu­bau­en.

Tat­säch­lich ist ei­ne wei­te­re An­nä­he­rung der Ukrai­ne an die EU oder gar an die Nato nur bei ei­ner dau­er­haf­ten Lö­sung des Don­bass-Kon­flikts denk­bar. Und dann ist da ja, zu­min­dest theo­re­tisch, noch die Krim, die Russ­land 2014 mi­li­tä­risch er­obert und völ­ker­rechts­wid­rig an­nek­tiert hat. Oder könn­te Se­lens­kyj den Kreml­chef wo­mög­lich mit Zu­ge­ständ­nis­sen in der Krim-Fra­ge lo­cken und auf die­se Wei­se ei­nen Frie­dens­de­al für den Don­bass aus­han­deln? „Aus­ge­schlos­sen“, heißt es in ukrai­ni­schen Re­gie­rungs­krei­sen, wo man sich hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand in­zwi­schen grund­pes­si­mis­tisch zu dem Tref­fen in Pa­ris äu­ßert: „Nichts wird da­bei her­aus­kom­men.“

Seit dem Ver­trag von Minsk zeigt sich im­mer wie­der, dass Neh­men im Ukrai­ne-Kon­flikt se­li­ger ist als Ge­ben

Da ist selbst die skep­ti­sche Su­san Ste­wart op­ti­mis­ti­scher. „Et­was mehr als zu­letzt“wer­de man schon ver­ein­ba­ren. Schließ­lich ha­be man sich be­reits auf die Gr­und­zü­ge ei­nes ge­mein­sa­men Do­ku­ments ver­stän­digt. Ein wei­te­rer Ge­fan­ge­nen­aus­tausch gilt dem­nach als aus­ge­mach­te Sa­che. Au­ßer­dem wird man sich wohl auf ei­ne stär­ke­re Ent­flech­tung der Trup­pen im Don­bass ei­ni­gen. Ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­men die­ser Art hat­te es be­reits in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ge­ge­ben. Aber in Pa­ris soll­te es ei­gent­lich um viel mehr ge­hen. Um Frie­den eben.

Da­für je­doch bräuch­te es ei­ne dau­er­haf­te Lö­sung, wie sie im Mins­ker Ab­kom­men von 2015 vor­ge­zeich­net ist, frei nach der De­vi­se: Du gibst mir dies, ich ge­be dir das. Die kremltreu­en Se­pa­ra­tis­ten wür­den die Mög­lich­keit er­hal­ten, in Wah­len ech­te Gestal­tungs­macht in ei­nem au­to­no­men Don­bass zu er­lan­gen. Da­für be­kä­me die Ukrai­ne die ho­heit­li­che und mi­li­tä­ri­sche Kon­trol­le über das Ge­biet zu­rück. Doch seit dem Ver­trags­schluss von Minsk hat sich wie­der und wie­der ge­zeigt, dass Neh­men in dem Kon­flikt se­li­ger ist als Ge­ben. Auf bei­den Sei­ten.

Zu­letzt gab Se­lens­kyj, dem in Kiew die na­tio­na­lis­tisch ge­sinn­te Op­po­si­ti­on ein­heizt, noch ein­mal öf­fent­lich und ul­ti­ma­tiv zu Pro­to­koll: „Be­vor man zu den Ur­nen schrei­tet, müs­sen al­le il­le­ga­len mi­li­tä­ri­schen Ein­hei­ten ab­zie­hen“. An­ders for­mu­liert: Pu­tins Söld­ner sol­len erst ein­mal ab­zie­hen. Dann wird ge­wählt. An ein sol­ches Sze­na­rio aber ver­schwen­det im Kreml nie­mand ei­nen Ge­dan­ken. Da sind sich Di­plo­ma­ten und Wis­sen­schaft­le­rin­nen wie Su­san Ste­wart ei­nig. Aber war­um dann über­haupt die­ses ers­te Tref­fen des Nor­man­die-Quar­tetts seit mehr als drei Jah­ren?

Der Na­me ver­weist auf die Ver­hand­lun­gen im Vier­er­for­mat, die 2014, nicht lan­ge nach Aus­bruch des Don­bass-Krie­ges, an der fran­zö­si­schen At­lan­tik­küs­te statt­fan­den. Da­mals hie­ßen die Prot­ago­nis­ten in Kiew und Pa­ris noch Pe­tro Po­ro­schen­ko und François Hol­lan­de. Und ge­nau das ist ver­mut­lich der ent­schei­den­de Punkt: Nicht nur Se­lens­kyj, son­dern vor al­lem Ma­cron drängt mit Macht auf ei­nen Neu­start in den Be­zie­hun­gen zu Russ­land. Al­ler­dings un­ter an­de­ren Vor­zei­chen und mit ei­nem welt­po­li­ti­schen An­satz, die weit über die Ukrai­ne-Fra­ge hin­aus­weist.

Wäh­rend Se­lenks­kyj auf ver­ein­te Hil­fe aus dem Wes­ten hofft, be­zeich­ne­te der fran­zö­si­sche Prä­si­dent die Nato als „hirn­tot“und er­klär­te in ei­ner gan­zen Rei­he von Re­den, Brie­fen und In­ter­views, Pu­tin sei nicht der Feind des Wes­tens. Ma­cron roll­te ver­bal ei­nen ro­ten Tep­pich für den Kreml­chef aus und ver­lang­te ei­nen „ech­ten Dia­log“mit Mos­kau. Schließ­lich sei Russ­land ei­ne eu­ro­päi­sche Macht und lie­ge nicht nur geo­gra­fisch nä­her an der EU als die USA und Chi­na.

Bei vie­len Nato-Part­nern im Os­ten des Kon­ti­nents sorg­te das für hel­les Ent­set­zen. Aber auch Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel äu­ßer­te sich kri­tisch, und in Kiew mach­te so­gar die Fra­ge die Run­de, ob Ma­cron „end­gül­tig ver­rückt ge­wor­den“sei. Se­lens­ky­js Ver­hand­lungs­spiel­raum sei durch die fran­zö­si­schen An­bie­de­run­gen deut­lich ge­schrumpft. Mit an­de­ren Wor­ten: Ma­cron gibt Pu­tin frei­wil­lig dies und das, oh­ne dass der Kreml­chef ir­gend­et­was ge­ben müss­te.

RP-KA­RI­KA­TUR: NIK EBERT

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