Brau­chen wir ei­ne Di­enst­pflicht?

Die Wehr­pflicht ist pas­sé, doch die De­bat­te um die Ein­füh­rung ei­nes all­ge­mei­nen Pflicht­jah­res nimmt Fahrt auf. Nicht nur CDU-Po­li­ti­ker he­gen da­für Sym­pa­thie. An­de­re hal­ten die De­bat­te für Res­sour­cen­ver­schwen­dung.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Stimme Des Westens - VON REIN­HOLD MI­CHELS VON MAR­TIN BEWERUNGE

Zu­ge­ge­ben: Der Ver­such, ein Pflicht­jahr zu­guns­ten von Staat und Ge­sell­schaft ver­ord­nen zu wol­len, gleicht der Idee, ei­nen Da­ckel zum Ve­ga­ner zu ma­chen. Das Wort Zwang hat kei­ne Kon­junk­tur. Wer es den­noch im Mun­de führt, wird ver­bellt von den Mei­nungs­füh­ren­den der USL, der Uni­ted Sta­tes of Li­be­ra­lism, mit ih­rem Kern­land D. Zu­rück­zu­schnau­ben wä­re aber un­klug und un­lo­gisch, denn das Fleisch in Wal­dis Fress­napf ge­ben seit eh und je Herr­chen und Frau­chen dort hin­ein. So wird man denn zur sach­te an­schwel­len­den Pflicht­dienst-De­bat­te sa­gen kön­nen: Grau, teu­rer Freund, ist al­le Theo­rie. Wir wer­den nicht er­le­ben, dass die not­wen­di­gen Zweid­rit­tel-Mehr­hei­ten in Bun­des­tag und Bun­des­rat zum Zwe­cke der Grund­ge­setz­än­de­rung zu­stan­de kom­men. Im Üb­ri­gen: Was sind denn zu­letzt die Wahr­hei­ten von uns Men­schen an­de­res als un­se­re un­wi­der­leg­ba­ren Irr­tü­mer, wie Fried­rich Nietz­sche frag­te.

An­de­rer­seits: War­um soll­te man nicht et­was für grund­sätz­lich rich­tig, zu­min­dest be­den­kens­wert er­ach­ten, auch wenn das Ge­gen­teil herr­schen­de Mei­nung ist? Auch wenn von der lin­ken Zei­tung „taz“bis zu Chris­ti­an Lind­ner von der FDP ein Pflicht-Di­enst­jahr für ge­ra­de er­wach­sen Ge­wor­de­ne als Zu­mu­tung wi­der den Geist der Frei­heit des In­di­vi­du­ums at­ta­ckiert wird, darf man be­haup­ten, dass das Ge­schwis­ter­paar Frei­heit und Ver­ant­wor­tung im Land der Frei­en, aber nicht un­be­dingt Tap­fe­ren im­mer öf­ter ge­trenn­te We­ge geht.

Ein all­ge­mei­nes Di­enst­jahr könn­te ge­mein­schafts­stif­ten­den Ef­fekt ha­ben, ge­ra­de in ei­nem Ein­wan­der­er­land, in dem sich die Rea­li­tä­ten un­ter­schied­li­cher Kul­tu­ren und Wert­maß­stä­be hart im Rau­me sto­ßen. Die­se Ge­sell­schaft, so macht es den Ein­druck, weiß in­zwi­schen ge­nau­er, was die ein­zel­nen Grup­pen von­ein­an­der trennt, als was sie ver­bin­det.

Ja, es gibt vie­le jun­ge en­ga­gier­te Leu­te. Aber auch nicht we­ni­ge, die es lan­ge im be­que­men „Ho­tel Ma­ma“aus­hal­ten. Er­wach­sen wer­den hat sehr viel mit der Be­reit­schaft zu tun, Pflich­ten und da­mit Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Dies zu för­dern, wird in ei­ner zu­neh­mend in­fan­til wir­ken­den Ge­sell­schaft im­mer wich­ti­ger.

Es kommt nicht von un­ge­fähr, dass es der Vi­sio­när John F. Ken­ne­dy (1917 bis 1963) ge­we­sen ist, der in sei­ner An­tritts­re­de als Prä­si­dent des Ein­wan­der­er­lan­des USA den un­sterb­li­chen Satz for­mu­liert hat, der Frei­heit und Ver­ant­wor­tung, Rech­te und Pflich­ten des Bür­gers ver­knüpft: „Ask not what your coun­try can do for you, ask what you can do for your coun­try.“„Fra­ge nicht, was dein Land für dich tun kann, fra­ge, was du für dein Land tun kannst.“

Wie wä­re es, wenn an un­se­ren Schu­len über die­sen im­mer­grü­nen Ap­pell und die un­be­que­men Kon­se­quen­zen dar­aus Auf­sät­ze ge­schrie­ben wer­den müss­ten. Es heißt, die Ju­gend sei die gro­ße Su­chen­de. Wo­mög­lich fin­det sie zur Wahr­heit.

Für mich ist es ein zu­tiefst bür­ger­li­cher Ge­dan­ke, sei­nem Land und der Ge­sell­schaft et­was zu­rück­ge­ben zu wol­len.“Mit die­ser Aus­sa­ge liegt An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er durch­aus rich­tig. Doch als Ar­gu­ment für die For­de­rung der CDU-Vor­sit­zen­den und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin nach ei­ner all­ge­mei­nen Di­enst­pflicht taugt sie nicht.

Ge­ra­de jun­ge Men­schen, die in die­se Pflicht ge­nom­men wer­den sol­len, ge­hö­ren ei­ner Ge­ne­ra­ti­on an, die wie kaum ei­ne an­de­re da­vor in die Ge­sell­schaft ein­zah­len wird: mit den höchs­ten Ren­ten­bei­trä­gen, mit der längs­ten Le­bens­ar­beits­zeit. Nicht nur vor dem Hin­ter­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels, son­dern auch we­gen des Fach­kräf­te­man­gels und der zu er­war­ten­den Um­brü­che in der Ar­beits­welt gä­be es Sinn­vol­le­res, als Mil­li­ar­den in den Auf­bau ei­nes Zwangs­diens­tes für 700.000 jun­ge Leu­te jähr­lich zu ste­cken. Nö­tig wä­ren mehr Geld und mehr Zeit, um Her­an­wach­sen­de schon in der Schu­le auf An­for­de­run­gen und

Chan­cen des Ar­beits­mark­tes vor­zu­be­rei­ten: durch in­ten­si­ve Be­rufs­be­ra­tung und vor al­lem durch mög­lichst vie­le Prak­ti­ka.

Ak­tu­ell en­ga­gie­ren sich jähr­lich rund 40.000 Men­schen im Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst. Ein Min­dest­maß an so­zia­ler Kom­pe­tenz, Em­pa­thie und Freu­de an der Tä­tig­keit darf man bei ih­nen ge­trost vor­aus­set­zen. Bei zwangs­ver­pflich­te­ten jun­gen Men­schen sind Zwei­fel an­ge­bracht. Wer über­prüft, ob sie ge­eig­net sind, dass man ih­nen Kin­der, Al­te, Pfle­ge­be­dürf­ti­ge oder Be­hin­der­te an­ver­traut? Ist das häu­fig hart an der Gren­ze der Be­last­bar­keit ar­bei­ten­de Per­so­nal in so­zia­len Ein­rich­tun­gen über­haupt in der La­ge, zu­sätz­lich un­qua­li­fi­zier­te, mög­li­cher­wei­se mi­se­ra­bel mo­ti­vier­te Di­enst­ver­pflich­te­te in gro­ßer Zahl zu be­treu­en? Die zu­letzt et­was mehr als 70.000 Zi­vil­dienst­leis­ten­den wa­ren da leich­ter un­ter­zu­brin­gen.

Ein zu­tiefst bür­ger­li­cher Ge­dan­ke ist auch die­ser: Der Staat hat die Frei­heit des Ein­zel­nen zu ga­ran­tie­ren. Jen­seits al­ler bür­ger­li­chen Pflich­ten, die die­se Frei­heit erst mög­lich ma­chen, stellt die Ver­staat­li­chung ei­nes gan­zen Jah­res an Le­bens­zeit ei­nen Ein­griff in das Selbst­be­stim­mungs­recht ei­nes Bür­gers dar, der nicht zu recht­fer­ti­gen ist. Ein­zi­ge Aus­nah­me bleibt die Wehr­pflicht. Sie war not­wen­dig, um die Si­cher­heit des Lan­des im Kal­ten Krieg zu ge­währ­leis­ten und wür­de bei ei­ner ähn­li­chen Be­dro­hung so­fort re­ak­ti­viert. Doch da­von sind wir weit ent­fernt.

Die CDU-Vor­sit­zen­de weiß um den Ver­lust­schmerz, den die Aus­set­zung der Wehr­pflicht in ih­rer Par­tei noch im­mer her­vor­ruft. Sie soll­te aber auch den Be­fund des Wis­sen­schaft­li­chen Di­ens­tes des Bun­des­ta­ges aus dem Jahr 2016 zur Kennt­nis neh­men: Die Ein­füh­rung ei­ner all­ge­mei­nen Di­enst­pflicht in Deutsch­land – sei es durch ein­fa­ches (Bun­des-) Ge­setz oder durch ei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung – wür­de am En­de doch ge­gen das Ver­bot der Zwangs­ar­beit nach der Eu­ro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Gr­und­frei­hei­ten ver­sto­ßen.

SPERRFEUER RP-KA­RI­KA­TUR: NIK EBERT

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