Hil­den holt Ma­rok­ka­ner für die Al­ten­pfle­ge

We­gen des Fach­kräf­te­man­gels in der Pfle­ge set­zen die Se­nio­ren­diens­te der Stadt Hil­den auf jun­ge Ma­rok­ka­ner. Ei­ne Wup­per­ta­ler Sprach­schu­le ver­mit­telt sie nach NRW. In ih­rer Hei­mat gibt es für sie kei­ne Ar­beit.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Nordrhein-westfalen - VON INA UND CHRIS­TI­AN SCHWERDTFE­GER

HIL­DEN Fa­dua Et Ta­jhat hat ei­nen Ba­che­lor in Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Den hat die 27-Jäh­ri­ge in ih­rem Hei­mat­land Ma­rok­ko ge­macht. Seit Kur­zem ist die jun­ge Frau in Hil­den, um ei­ne Aus­bil­dung zur Pfle­ge­kraft beim Se­nio­ren­dienst zu ma­chen. „Das hät­te ich mir vor ei­ni­gen Wo­chen noch nicht vor­stel­len kön­nen“, sagt sie. Aber in ih­rer Hei­mat fin­det sie mit ih­rem Ab­schluss kei­ne Ar­beit. „Als ich dann hör­te, dass in Deutsch­land Al­ten­pfle­ger ge­sucht wer­den, ha­be ich mich ent­schie­den, den Be­ruf zu wech­seln“, sagt sie.

Die Se­nio­ren­diens­te der Stadt Hil­den ha­ben bei der Su­che nach Fach­kräf­ten in der Pfle­ge ei­nen neu­en Weg ein­ge­schla­gen. Ins­ge­samt sie­ben jun­ge Ma­rok­ka­ner, fünf Män­ner und zwei Frau­en, ha­ben dort in die­sem Jahr ei­ne ent­spre­chen­de Aus­bil­dung be­gon­nen. „Ich fin­de es toll, dass wir Aus­zu­bil­den­de aus die­sem Staat ha­ben“, sagt Bea­te Lin­zE­ßer, Ge­schäfts­füh­re­rin des Hil­de­ner Se­nio­ren­diens­tes. Die Be­wer­ber von dort sei­en sehr en­ga­giert und ver­füg­ten über ei­ne gu­te Schul­bil­dung. An­de­re Städ­te ver­su­chen den Fach­kräf­te­man­gel im Pfle­ge­be­reich mit Per­so­nal aus Ost­eu­ro­pa auf­zu­fan­gen. Das fin­det Linz-Eßer al­ler­dings nicht gut. „Denn die­se Leu­te feh­len dann im ei­ge­nen Land“, er­klärt sie. In Ma­rok­ko ge­be es hin­ge­gen ge­nü­gend Kräf­te.

Ins­ge­samt ha­ben in die­sem Jahr lan­des­weit – aber vor al­lem in Hil­den und im Kreis Mett­mann – 30 jun­ge Ma­rok­ka­ner ei­ne drei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung in der Al­ten­pfle­ge be­gon­nen. Und das, ob­wohl al­le von ih­nen Abitur und an­schlie­ßend ei­ne Aus­bil­dung oder ein Stu­di­um in Ma­rok­ko ge­macht ha­ben – wenn auch nur ei­ner von ih­nen im me­di­zi­ni­schen Be­reich.

Ma­rok­ko steht aber of­fen­bar nicht auf der neu­en Lis­te der Staa­ten, in de­nen die Bun­des­re­gie­rung künf­tig Fach­kräf­te an­wer­ben will. Die so­ge­nann­te Fach­kräf­te­stra­te­gie des Bun­des sieht vor, jun­ge Men­schen zu­nächst un­ter an­de­rem aus Me­xi­ko, Bra­si­li­en, In­di­en und Viet­nam nach Deutsch­land zu lot­sen. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) sieht Deutsch­land in den kom­men­den Jah­ren zu­neh­mend auf die Zu­wan­de­rung

von Fach­kräf­ten au­ßer­halb der Eu­ro­päi­schen Uni­on an­ge­wie­sen. Am 1. März 2020 tritt das neue Fach­kräf­te­ein­wan­de­rungs­ge­setz in Kraft. Es soll qua­li­fi­zier­ten Ar­beit­neh­mern aus Nicht-EU-Staa­ten den Weg nach Deutsch­land eb­nen. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sag­te, dass die al­tern­de Ge­sell­schaft mehr me­di­zi­ni­sches Per­so­nal in der Pfle­ge bräuch­te, als sie aus­bil­den kön­ne.

Adil Riz­ki, selbst Ma­rok­ka­ner und In­ha­ber der Sprach­schu­le „Uni Wuppertal SSN“, ver­mit­telt sei­ne Lands­leu­te nach NRW. „Ich ver­fü­ge in Ma­rok­ko über gu­te Kon­tak­te und ein Netz­werk“, sagt er. Er könn­te noch mehr Ma­rok­ka­ner nach Deutsch­land brin­gen. „Ich ha­be ei­ne lan­ge War­te­lis­te“, sagt er. „Ich kann Per­so­nal auch für an­de­re Be­ru­fe, wo Fach­kräf­te­man­gel herrscht, be­sor­gen – et­wa Ge­rüst­bau­er, Elek­tro­ni­ker und Mecha­tro­ni­ker“, sagt er.

Mo­ha­med El Bou­je­maoui lässt sich eben­falls in Hil­den zum Al­ten­pfle­ger aus­bil­den. Ei­gent­lich ist der 22-Jäh­ri­ge In­for­ma­ti­ker und spricht flie­ßend drei Spra­chen: Ara­bisch, Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Auch Deutsch kann er schon gut. „Ich ver­ste­he das meis­te, auch al­le Fach­be­grif­fe“, sagt er. Deutsch ge­lernt hat er in ei­ner Sprach­schu­le in Istan­bul, die sich an Fach­kräf­te rich­tet, die den Pfle­ge­be­ruf aus­üben wol­len. Denn Gr­und­vor­aus­set­zung für die ma­rok­ka­ni­schen Be­wer­ber ist es, zu­nächst Deutsch zu ler­nen. Und da­für ge­hen sie vor­her für drei Mo­na­te an den Bo­spo­rus, um dort die Deutsch-Prü­fung (B2-Ab­schluss) ab­zu­le­gen. „Die müs­sen das in der Tür­kei ma­chen, weil sie oh­ne B2-Ab­schluss kein Vi­sum für Deutsch­land oder die EU be­kom­men“, er­klärt Riz­ki.

Die Se­nio­ren in den Hil­de­ner Pfle­ge­hei­men freu­en sich über die jun­gen Men­schen aus Ma­rok­ko, die sich nun um sie küm­mern. „Ich fin­de es ganz toll, was die Aus­zu­bil­den­den hier leis­ten“, sagt Gerd Gün­ther. Der 87-Jäh­ri­ge lebt seit zwei Jah­ren im Se­nio­ren­zen­trum. 50 Jah­re ist er selbst im Kran­ken­haus tä­tig ge­we­sen. „Und da­her weiß ich, wie schwer es ist, mo­ti­vier­te Mit­ar­bei­ter zu fin­den, die mit Herz­blut da­bei sind – und ge­nau das sind die Ma­rok­ka­ner“, sagt er.

Auch wenn es in Ma­rok­ko kei­ne ver­gleich­ba­re Aus­bil­dung in der Al­ten­pfle­ge gibt, hat Et Taj be­reits Er­fah­run­gen mit Se­nio­ren ge­macht. „In un­se­rem Hei­mat­land wer­den die äl­te­ren Men­schen meist von der ei­ge­nen Fa­mi­lie ver­sorgt, in den Al­ten­hei­men sind nur Men­schen, die kei­ne An­ge­hö­ri­gen mehr ha­ben“, sagt sie. „Ich ha­be mich im­mer um mei­ne Oma ge­küm­mert.“Und die­se ver­mis­se sie in Deutsch­land am meis­ten.

FO­TO: STE­PHAN KÖHLEN

Al­ten­pfle­ge-Schü­ler Mo­ha­med El Bou­je­maoui aus Ma­rok­ko küm­mert sich im Se­nio­ren­zen­trum Hil­den um ei­ne Be­woh­ne­rin.

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