Der 560-Mil­lio­nen-Eu­ro-Mann

Die ge­schei­ter­te Pkw-Maut könn­te die Steu­er­zah­ler teu­er zu ste­hen kom­men. Ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er ist sich kei­ner Schuld be­wusst.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Politik - VON KRIS­TI­NA DUNZ UND EVA QUADBECK

BER­LIN Da könn­ten ei­nem schon die Knie weich wer­den, wenn man ei­ne Scha­den­er­satz­for­de­rung von 560 Mil­lio­nen Eu­ro zu­ge­stellt be­kommt. Als Rech­nung für ei­nen ent­gan­ge­nen Ge­winn, den sich zwei Fir­men von dem Ge­schäft mit der Pkw-Maut er­war­tet hat­ten, die die CSU über Jah­re ge­gen al­le Wi­der­stän­de durch­pau­ken woll­te und dann kra­chend da­mit schei­ter­te. Man­che Men­schen stür­zen über ver­schwin­dend klei­ne Be­trä­ge. Wie ei­ne Kas­sie­re­rin, die we­gen ei­nes ein­ge­steck­ten Pfand­bons ih­ren Job ver­lor, wor­an noch am Mitt­woch der Lin­ke-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Fa­bio de Ma­si die Kanz­le­rin in der Fragestund­e im Bun­des­tag er­in­ner­te. „Wie er­klä­ren Sie denn der Kas­sie­re­rin, dass die­ser Mi­nis­ter im­mer noch im Amt ist?“, woll­te de Ma­si von An­ge­la Mer­kel wis­sen.

Aber die­ser Mi­nis­ter, Ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU), der das Maut-De­sas­ter zu ver­ant­wor­ten hat, das ihm maß­geb­lich sein Vor­gän­ger Alex­an­der Do­brindt und Ex-CSU-Chef Horst See­ho­fer ein­ge­brockt ha­ben, sagt jetzt schlicht: „Die Zah­len sind falsch und ent­beh­ren jeg­li­cher Grund­la­ge.“Er wei­se die For­de­rung der Be­trei­ber mit al­ler Ent­schie­den­heit zu­rück. Scheu­er möch­te lie­ber der Op­po­si­ti­on die Schuld an der La­ge ge­ben. Die Be­trei­ber nutz­ten das Spe­ku­la­ti­ons­und Zah­len­wirr­warr, das in den letz­ten Wo­chen durch die Op­po­si­ti­ons­frak­tio­nen aus­ge­löst wor­den sei, be­haup­tet er. Nach An­ga­ben des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums hat das ge­schei­ter­te Maut-Pro­jekt bis­lang nur 73 Mil­lio­nen Eu­ro ge­kos­tet.

Grü­nen-Frak­ti­ons­chef An­ton Ho­frei­ter reicht es jetzt. „Es ist nicht mehr zu be­grün­den, war­um Andre­as Scheu­er wei­ter­hin Ver­kehrs­mi­nis­ter ist. Dass die Bun­des­kanz­le­rin ei­nen Mi­nis­ter mit solch ei­ner un­ter­ir­di­schen Bi­lanz nicht längst ent­las­sen hat, of­fen­bart die Schwä­che der schwarz-ro­ten Ko­ali­ti­on.“Mit sei­ner ver­ant­wor­tungs­lo­sen Maut­po­li­tik ha­be Scheu­er Hun­der­te Mil­lio­nen Eu­ro des Bun­des ver­spielt, Ver­fas­sungs­recht ge­bro­chen und vie­le War­nun­gen in den Wind ge­schla­gen. Den­noch feh­le ihm noch im­mer je­des Un­rechts- und Schuld­be­wusst­sein, sagt Ho­frei­ter un­se­rer Re­dak­ti­on. Scheu­ers Äu­ße­run­gen zeig­ten, dass er nichts da­zu­ge­lernt ha­be: „Im Ge­gen­teil, er lie­fert ein bi­zar­res Schau­spiel ab.“

Der Bund hat­te die Ver­trä­ge zur Er­he­bung und Kon­trol­le der Pk­wMaut mit den Be­trei­ber­fir­men Kapsch und CTS Even­tim 2018 ge­schlos­sen, be­vor end­gül­ti­ge Rechts­si­cher­heit

be­stand, ob die ge­plan­ten Stra­ßen­be­nut­zungs­ab­ga­be, die fak­tisch nur aus­län­di­sche Au­to­fah­rer hät­ten be­zah­len müs­sen, nicht mit EU-Be­stim­mun­gen kol­li­diert. Dann aber er­klär­te der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof die Maut Mit­te Ju­ni für rechts­wid­rig. Scheu­ers Mi­nis­te­ri­um kün­dig­te dar­auf­hin die Ver­trä­ge. Dar­aus re­sul­tie­ren nun die For­de­run­gen der Fir­men. Ein Un­ter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­tags be­fasst sich be­reits mit dem Fall. Die Op­po­si­ti­on wirft Scheu­er vor, die Ver­trä­ge vor­ei­lig ab­ge­schlos­sen, Haus­halts- und Ver­ga­be­recht miss­ach­tet und Re­ge­lun­gen zum Scha­den­er­satz zu Las­ten des Steu­er­zah­lers ver­ein­bart zu ha­ben.

Da­zu, was Ho­frei­ter an­sons­ten un­ter Scheu­ers „un­ter­ir­di­scher Bi­lanz“ver­steht, ge­hört un­ter an­de­rem der von Scheu­er dank­bar auf­ge­nom­me­ne Ap­pell von 100 Lun­gen­ärz­ten,

die die Grenz­wer­te für Stick­oxi­de in­fra­ge ge­stellt hat­ten. Da­mit er­schie­nen Fahr­ver­bo­te un­be­grün­det. Die da­bei zi­tier­ten Stu­di­en er­wie­sen sich aber als nicht halt­bar. Und na­tür­lich ist Ho­frei­ter ein Dorn im Au­ge, dass Scheu­er ein Tem­po­li­mit auf Au­to­bah­nen als „ge­gen je­den Men­schen­ver­stand“be­zeich­net. Bei dem The­ma läuft der 45-Jäh­ri­ge auf Hoch­tou­ren. Die Au­to­in­dus­trie lässt ihn ger­ne wis­sen, dass er bei ihr un­ter Freun­den sei. Die­ser Freund mach­te den Kon­zer­nen im Die­sel-Skan­dal dann auch kei­nen Stress.

Mer­kel hat dem Links­po­li­ti­ker de Ma­si üb­ri­gens ei­ne Ant­wort ge­ge­ben auf sei­ne Fra­ge, wie sie der Kas­sie­re­rin er­klä­re, dass Scheu­er noch im Amt sei. „Ich fin­de, dass An­di Scheu­er ei­ne sehr gu­te Ar­beit macht“, sag­te sie, als wol­le sie ihn wirk­lich schüt­zen, den An­di. Die Uni­ons­frak­ti­on pflich­te­te mit Ap­plaus bei. Nach dem Mot­to: Ei­ner muss ja jetzt durch das Feu­er, in dem auch die Steu­er­gel­der ste­hen. Dann bes­ser der Mi­nis­ter, der es mit an­ge­zün­det hat, und nicht ein neu­er, der als nächs­ter ver­brannt wird. Zu­rück­tre­ten kann Scheu­er ja im­mer noch.

FO­TO: DPA

Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) spricht bei der ak­tu­el­len St­un­de zum Schei­tern der Pkw-Maut im Bun­des­tag.

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